Kosmetische Plastik
Die junge Schottin Karla Black füllt Ausstellungsräume mit Meeren aus Gipspulver, Glitzerspray, Make-up und Vaseline. Und spricht lieber über die Schönheit der Abstraktion als über Klischees von Weiblichkeit
Da ist eine Frau, die macht Kunst mit Make-up – bei dieser Informationslage war die Lust auf den Ausstellungsbesuch erst einmal deutlich gedämpft. Das klang nach postfeministischer Pflichtübung: nach Glitter-Installationen mit nackten Schaufensterpuppen vielleicht, hysterischen Gender-Performances, tiefsinnigen Selbsterkundungen leicht narzisstischer Künstlerinnen und anderen gut gemeinten Belästigungen. Gegangen ist man trotzdem an dem Tag – und war um eine großartige Erfahrung reicher. Was die 1972 geborene Schottin Karla Black in diesem Sommer in der Halle des Züricher Migros Museums zeigte, hatte man so noch nicht gesehen.
Auf 280 Quadratmetern erstreckte sich in sanfter Rundung ein Meer von feinem Gipspulver. Die Farbe dieses Pulvers war eine Sensation für sich: völlig gleichmäßig, pastellen blau, mit einem leichten Schlag ins Türkise. Eine Farbe, die nicht vorgibt, Natur zu sein, die keinen Himmel vortäuscht, kein Meer, sondern eine Setzung ist; die man genießt, weil man weiß, sie ist dafür und nur dafür gemacht.
Mindestens genauso wichtig war das Material, dieser Gips, der aussieht wie unendlich feines Puder. Die Gipsfläche zeigte noch Spuren des Spatels, mit dem sie bearbeitet wurde, und je näher man heranging, desto mehr wurde sie zur nuancenreichen Landschaft. Wenn man einer solchen Installation von Karla Black gegenübersteht, möchte man sofort das Pulver anfassen, prüfen, ob es so weich ist, wie es aussieht. Und gleichzeitig hält man den Atem an – aus Angst, mit einem einzigen Husten schreckliche Schneisen in die Fläche zu schlagen.
„Principals of Admitting“ – so lautete der rätselhafte Titel der Installation im Migros Museum. Außer dem spektakulären Gipsmeer gehörten hängende Papierstreifen dazu, auf denen abstrakte rötliche Farbwolken zu sehen waren, und Skulpturen aus bemaltem Zellophan, die aussahen wie die Verpackung eines riesenhaften Geschenks, die jemand zusammengeknüllt hatte. All das hielt die Balance zwischen Form und Nichtform, zwischen dem Flüchtigen und dem Festen, mit einer Eleganz, die man aus der Kunstgeschichte vielleicht von Eva Hesse kennt.
Und das Make-up? Hätte man ohne die Werkbezeichnungen gar nicht bemerkt.
Auf den hängenden Papierbildern mussten wohl unter anderem Selbstbräuner- spray und Abdeckstift gelandet sein, auf den Zellophanskulpturen Glitter-Eyeliner, Haargel und, wahrscheinlich als humoristische Fußnote, Deo- und Fußspray.
Lippenstift, sagt Karla Black einige Wochen später in Hamburg, sei ja nur Pigment in Fett – wie Ölfarbe auch. Lidschatten, Make-up, alles Farben auf irgendeinem Träger, der sich auf den Körper aufbringen lässt, aber genauso gut auf Papier und sonstige Materialien.
Auch den Hamburger Kunstverein bespielt sie mit einer Gipsinstallation. Diesmal ist der Gips von zarter beige-rosa Farbe, und irgendwo in den Schichten dieser beeindruckenden Pulverfläche ist ein Stück Malerei auf Papier versteckt wie unter einer Sanddüne, mit Lippenstift und Glitzer-Haarspray versehen. Sie benutze eben die Materialien, die sie liebe, sagt Karla Black, aus Lust an ihrer Farbe, ihrer Haptik, ihren Eigenschaften. Im Übrigen stammten sie viel häufiger aus dem Inventar der klassischen Bildhauerei als aus der Make-up-Abteilung der Drogerie.
Trotzdem weiß Karla Black natürlich, was sie tut, wenn sie „Haarspray“ in ihre Werkbeschreibungen hineinschreibt und mit dem Image der Make-up-Künstlerin spielt. Sie weiß es spätestens, seit ihr vor gut zehn Jahren an der Glasgow School of Art zum ersten Mal jemand gesagt hatte, das sei aber „weiblich“, was sie da mache, sogar „häuslich“.
Warum sagt man nicht über Franz West, seine Farben und Formen seien weiblich, fragt sie lebhaft – guter Punkt und gute Referenz im Übrigen, zumindest was die Pastellfarben angeht. Ein Franz West muss sich wohl eher selten für seine Vorliebe für Rosa rechtfertigen. Karla Black dagegen ist angesichts der Anstrengung, immer sofort und überall ihre Weiblichkeit diskutieren zu müssen, zur Expertin in Sachen Gender geworden. Sie findet es ärgerlich, dass bei Frauen die Ästhetik immer in einen Zusammenhang mit dem Geschlecht gebracht wird. Sie würde lieber über andere Dinge diskutieren: über Form, Farbe, Komposition, Struktur. Da kann Karla Black wirklich enthusiastisch werden. Dem Nichtfertigen gilt ihre Begeisterung: Am liebsten hätte sie Bilder, die niemals trocken werden, deshalb experimentiert sie mit Pigment und Vaseline. Und vielleicht sind ihre Gipsinstallationen ja eine erste Antwort auf die Frage nach einem Werk, das nicht fixiert werden kann.
So wie sie mit dem Material umgeht, knetet und mischt, kommt sie leicht in das Reich des allzu Organischen, wo es eklig wird. Dagegen arbeitet sie an – und gibt ihren Arbeiten gleichzeitig Titel wie „Pleaser“, um das Gefallen-Wollen wieder zu ironisieren. In diesem Zusammenhang wird klarer, warum ein hell- blaues Pulvermeer „Principals of Admitting“ heißt: Karla Black lässt Schönheit zu, bekennt sich zu ihr und demonstriert gleichzeitig das Bewusstsein davon, wie kompromittierend das sein kann.
Ambivalent, diese Vokabel taucht immer wieder auf, wenn Karla Black über ihre Arbeit redet – seltsam eigentlich, bei der ästhetischen Klarheit, die dahintersteht. Es ist der komplizierte Prozess der Spiegelung von innen und außen, von kreativem Akt und gesellschaftlich vermittelter Reflexion, der ihrer Arbeit diese doppelten Böden der Mehrdeutigkeit einzieht und sie dazu bringt, immer wieder infrage zu stellen, was sie tut.
Komplett unironisch wird sie aber, wenn sie darüber spricht, dass die Kunst ihr Leben verändert hat. Ihren Hintergrund beschreibt sie als Working Class, ihr Vater war Werkzeugmacher in einer Whiskyfabrik, ihre Mutter Tänzerin, die die professionelle Karriere zugunsten der Familie aufgab. Sie selbst schrieb gelangweilt für eine Lokalzeitung – bis ihr älterer Bruder, Gründungsmitglied der schottischen Band Belle and Sebastian, sie darin bestärkte, einer plötzlichen Begeisterung für die Bildhauerei zu folgen.
Lieber Stütze beziehen, Romane lesen oder in Ausstellungen gehen als sich einen stumpfsinnigen Job suchen – mit diesem Credo brachte Karla Blacks Bruder damals die Eltern an den Rand des Wahnsinns, seine Schwester aber in die Kunsthochschule.
Und von Nebenjobs ist heute längst nicht mehr die Rede: Karla Black hat in diesem Jahr nicht nur die imposanten Installationen in Zürich und Hamburg realisiert, sie wird auch das Museum Modern Art Oxford mit einer großen Einzelausstellung bespielen. Der Prozess ist jedes Mal von Neuem wichtig: Sieben Stunden mit Atemmaske in einer Gipswolke, das käme schon Wiener Aktionismus gleich, meint sie lachend. Aber als Performance funktioniere die Arbeit trotzdem nicht. Das Publikum sieht nur das Ergebnis – und ihre Person soll bitte nicht damit verknüpft werden. Karla Black möchte nicht fotografiert werden, auch nicht für Monopol.
Sie möchte nicht, dass die Leute anfangen, über den Nagellack auf ihren Fingern zu spekulieren anstatt über den in ihrer Kunst, sie möchte nicht, dass ihr Gesicht in irgendeiner Weise mit ihrer Arbeit identifiziert wird. „Forget about Faces“ hat sie kürzlich eine ihrer Skulpturen genannt; da wäre es doch extrem kontraproduktiv, wenn sie sich im Zusammenhang damit ablichten ließe, erklärt sie. Nur der Veröffentlichung einer Porträtzeichnung ihres Glasgower Künstlerkollegen Alex Frost stimmt sie schließlich zu. Ob sie sich so den Zuschreibungen entziehen kann?
Es ist ein komplizierter Balanceakt zwischen Eskapismus und Flucht nach vorne, den sie da betreibt. Sie könnte ja das Make-up auch weglassen – aber sie nennt es eine politische Entscheidung, sich diese Materialien nicht verbieten zu lassen, sich auch die Eleganz nicht verbieten zu lassen, das Zarte, Pudrige. Ich erzähle ihr von dem Reflex bei dem Stichwort „Kunst mit Make-up“. Sie lacht: Das gehe ihr ja genauso! Das sei eben ungefähr so schlimm wie Kunst mit Essen. Aber genau das sei ja der interessante Punkt: dass sie selbst ihren eigenen Vorurteilen und sogar der eigenen Frauenfeindlichkeit auf die Spur komme.
Abstraktion und Minimalismus mit gesellschaftspolitischen Inhalten zu verbinden ist eine Strategie, die zurzeit viele verfolgen. Doch wenigen gelingen derart subtile Lösungen wie Karla Black. 100 Säcke Gips, ein Meer aus Pastell und ein Hauch Glitzer – das reicht schon für eine große ästhetische Erfahrung mit einem kleinen feministischen Hintergedanken.
Hamburger Kunstverein, bis 6. September 2009




