Galerienfestival "Curated by" in Wien

Auf den Spuren der Vergangenheit

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Bei der achten Ausgabe des Wiener Galerienfestivals "Curated by" setzen sich Kuratoren mit Identitätsfragen des heutigen Künstlerdaseins auseinander. Ein Rundgang

Eine gute Kunsthochschule ist für die Vita zeitgenössischer Künstler mindestens so wichtig wie die Wahl des Standortes, an dem gearbeitet wird. Über alledem stehen das Netzwerk in der Szene und die Galerien. Die Kulturstadt Wien fördert durch die Wirtschaftsagentur und ihr Kreativzentrum "departure" seit mittlerweile 2009 die heimische Galerienszene. Mit dem Projekt "curated by_vienna" wurden dieses Jahr zum achten Mal Kuratoren nach Wien geladen, um Ausstellungen in 19 teilnehmenden Galerie zu realisieren.

Jedes Jahr bildet eine theoretische Vorlage den Ausgangspunkt für die programmatische Herangehensweise der Kuratoren und Kuratorinnen. Der titelgebende Essay "Meine Herkunft habe ich mir selbst ausgedacht" des Kulturkritikers Diedrich Diederichsen beschäftigt sich mit den Fragen, was Künstler heute dazu bewegt, sich wieder Vorbildern zuzuwenden. Diederichsen beschreibt in seinem Text, dass sich die junge gegen die alte Generation nicht mehr auflehnen will, ja fast schon zu vernünftig handle. "Die jungen Künstlerinnen und Künstler halten sich angeblich zu sehr an Programme und Vorgaben, an Normen und Übereinkünfte, sie wollen es richtig machen, statt wild zu sein."

In der Galerie Gabriele Senn ist Cosima von Bonin zur Kuratorin geworden, gegen ihren Willen, wie sie selbst im Pressetext schreibt. Sie möchte einfach Positionen von Künstlern zeigen, mit denen sie sich sonst umgibt, die Vorbilder für sie sind. Die titelgebende Arbeit "Enough Romance. Let’s Fuck", zwei überarbeitete Handtücher von Nina Könnemann, sowie Arbeiten von Martin Kippenberger, Michael Krebber, Dirk von Lowtzow und anderen aus dem poppigen Umfeld der Kuratorin, sollen veranschaulichen, dass das Kunstfeld mittlerweile zum Kriegsgebiet geworden ist, aus dem die Kuratorin selbst schon vor einiger Zeit geflüchtet ist.

Ein paar Häuser weiter, in der Galerie Georgl Kargl, zeigt die estnische Kuratorin Maria Arusoo junge Künstler, die sich in der Ausstellung "Winter Is Coming (Hommage to The Future)" mit Zusammenbrüchen von Systemen, Mythen, Zugehörigkeit und Sinn auseinandersetzen. Es wird in einigen der Arbeiten nach alternativen Subsystemen und Meta-Sprachen gesucht, ob nun im Internet, oder in der Biotechnologie. Das scheint etwas zu viel auf einmal. Stark aber ist die Videoarbeit des finnischen Künstlers Jaakko Pallasvuo. "EU" ist eine dystopische Welt, deren hektische Bildsprache durch das Unterlegen klassischer Musik fast  beruhigend wirkt.

In der Galerie Crone hat Adidas-Kreativdirektor und Sammler Dirk Schönberger in der Ausstellung "Jugendzimmer" Arbeiten von Künstlern wie Wolfgang Tillmans, Elizabeth Peyton oder Albert Oehlen gemeinsam mit Versatzstücken der Jugend angeordnet. Das Jugendzimmer als Ort der täglichen Hommage, an der sich jeder mindestens einmal im Leben versucht. Einen Teil der Ausstellung bildet eine große, aus 17 Einzelteilen bestehende Wandarbeit der Künstlerin Rosemarie Trockel. Darauf fast ausschließlich Fotos und Collagen von Freunden und Menschen, die für die Künstlerin von Bedeutung sind. Ein krasser aber erfrischender Gegenpol zu diesen idealisierten Erinnerungen ist das Video des syrischen Künstlers Ammar al-Beiks. Jugendliche schießen mit Waffen, Bomben und Granaten auf andere Jugendliche in Aleppo, die wie alle Städte dieser Welt auch Jugendzimmer hat.

Das Programm der Galerien von "curated by" beschränkt sich aber nicht nur auf die internationale Popkultur. Es geht auch um Identität und Herkunft. So zeigt der mexikanische Kurator Chris Sharp in der Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder mit der Gruppenausstellung "As if in a foreign country", dass der Begriff Hommage aus mehreren Perspektiven beleuchtet werden kann: historisch, geografisch, kulturell und auch ironisch. Die Künstler und Künstlerinnen Jimena Mendoza, Polly Apfelbaum, Lucas Arruda und Scott Olsen arbeiten alle in der Tradition der klassischen Moderne und zugleich kunsthandwerklich.

Schlendert man durch die vielen Galerien, fällt auf, dass es einigen Ausstellungen nicht wirklich gelingt, sich sowohl inhaltlich als auch ästhetisch an die theoretische Anforderung von Diederichsens Text anzunähern. Das müssen sie nicht unbedingt, die Arbeiten sollten aber Bezug aufeinander nehmen. Die finanziellen Mittel für das Sonderprogramm der Galerien werden zu 100 Prozent von der Wiener Wirtschaftsagentur getragen. Das bietet den Galerien eigentlich große Freiheiten gegenüber ihrem herkömmlichen Programm. Viele könnten experimenteller arbeiten, die eingeladenen internationalen Kuratoren und Kuratorinnen die etablierten, oft alteingesessenen Strukturen weiter öffnen und die Galerie vom klassischen Verkaufsort, in einen neuen sozialen Treffpunkt der internationalen Kunst verwandeln.

Das schafft die New Yorker Kuratorin Kari Rittenbach. Sie bringt die drei Künstlerinnen Lena Henke, Lisa Holzer und Margaret Raspé in der Galerie Emanuel Layr zusammen und gibt der Ausstellung einen musealen Charakter. "Fieber" zeigt skulpturale, filmische und fotografische Arbeiten der drei Künstlerinnen, die auf sehr organische Weise verschiedene Prozesse von Wärme- und Energieübertragung reflektieren. Mit Hilfe von Sand, Linsen, Metall und Gummi. Als hätten die drei Künstlerinnen gemeinsam an ihren unterschiedlichen Werken gearbeitet und sich selbst als Vorbilder genommen, fügen sich die Arbeiten zu einem konzeptuellen Ganzen, das zeigt, dass Kunst nicht nur Imaginäres abbildet, sondern etwas Reales ist.

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