Kunst im Berghain

Ausgehen ist Kopfarbeit

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Im Bildband "Berghain" beweist sich der Technoclub als Kunstraum

Wann gibt’s endlich einen Seniorentarif fürs Berghain? Einem Jahr Verausgabung beim Raven entsprechen zehn Jahre in der Restrealität, da kommt seit der Eröffnung des Berliner Technoclubs im Dezember 2004 ganz schön was an Lebenszeit zusammen.

Das Programm des Berghain hat währenddessen schon ein paar gediegenere Seitenarme ausgebildet. In der quasisakralen Architektur des ehemaligen Heizkraftwerks im Ortsteil Friedrichshain spielen heute nicht nur die besten DJs der Welt, hier tanzt sogar das Staatsballett, hier schaffen Diskussionsabende und Auftritte sensibler Songwriterinnen Distanz zum wöchentlichen Unmittelbarkeitsexzess aus Sound, Körpern, Licht, Raum und Drogen.

Dass das Haus als Kulturgut gefeiert und geschützt gehört, dürfte mittlerweile auch der letzte CSU-Sepp im fernsten Bayern begriffen haben. Wahrscheinlich stand der selbst schon in der legendären Schlange, drückte sich am strengen Türstehern vorbei und genoss eine Nacht – berauschter als auf dem Oktoberfest, feierlicher als jede Christmette.

Der Betreiber, die Berghain Ostgut GmbH (ja, auch Kapitalgesellschaften können Utopien realisieren), hat jetzt im Hatje Cantz Verlag ein Buch herausgegeben, das der Berghain-Kunst gewidmet ist und die Institutionalisierung des Ortes abbildet. Seit Jahren gehören Kunstwerke zur Einrichtung des Hauses: Arbeiten von Wolfgang Tillmans, Marc Brandenburg, Joseph Marr und Piotr Nathan erfreuen nicht nur MDMA-Euphoriker. Viele Flyer wurden von Künstlern gestaltet. Und 2014 waren anlässlich des zehnjährigen Jubiläums Arbeiten von Künstlern, die dem Berghain besonders verbunden sind, in einer großen Ausstellung zu sehen.

Und tatsächlich: Bildende Kunst kommt in ihrer sinnlichen Fassbarkeit dem imaginär aufgeladenen Ort näher als die klischeebehaftete Berlin-Techno-Literatur der vergangenen Jahre. Norbert Bisky ließ einen bemalten Fußbodenbelag, den er zuvor als Ballettbühnenbild entworfen hatte, von der Decke hängen und sich im Kreis drehen, ein Spiel aus Farben und Fetischmaterial. Diese kinetische Skulptur korrespondierte mit dem riesigen Foto einer Plane am Berghain-Boden, das Friederike von Rauch zeigte. Diese Aufnahme wiederum besitzt eine zarte Rauheit, die man auch in den Fotografien des Türstehers Sven Marquardt wiederfindet. Eines griff in dieser Schau ins andere – was das Buch gut abbildet.

Der Berghain-Band ist dann am interessantesten, wenn die Künstler über ihr Verhältnis zum Club sprechen, über den ungewöhnlichen Raum, das Fotografierverbot und die verborgenen Winkel des Sozialen – was sie als Bilderschöpfer besonders reizen muss. Tillmans kann als Fotograf endlos über das
Licht über dem Dancefloor sinnieren, Nathan, der bekritzelte Türen von Schwulentreffs sammelt, über den hauseigenen Sexklub Lab.Oratory, Sarah Schönfeld über die Beschaffenheit des von ihr für ein Kunstwerk im Berghain gesammelten Urins (der enthielt Spuren von Kokain, Crystal Meth, Speed, Antidepressivum und Cannabis). Die Berliner Künstlerin beschreibt das Rave-Erlebnis als klassische Heldenreise: Die Türsteher sind die Tempelwächter, die vor den Begegnungen mit Göttern und Dämonen stehen, es folgt die Läuterung – und schließlich das Problem, eine Erzählform für das Abenteuer zu finden.

Das Buch "Kunst im Klub" hilft dabei und berichtet multiperspektivisch von indivuellen künstlerischen Ersteigungen des Berghains. Daran haben auch Autoren wie Thomas Meinecke, Jens Balzer und Oliver Koerner von Gustorf einen Anteil. Sie können Geschichten erzählen, die sich angenehm unterscheiden von den ewigen halb wahren Pipi-Kacka-Storys, die seit Eröffnung des Technolubs kursieren.

Doch auch das Buch umreißt mit erstaunlichem Ernst diesen doch so hedonistischen Ort. Wolfgang Tillmans bezeichnet das Ausgehen als "geistige Arbeit", weil man dabei immer wieder neu mit anderen Menschen konfrontiert sei. Es stimmt: Feiern ist Politik, gerade wenn es um einen homosexuellen, libertären Kontext geht wie beim Berghain. Ein bisschen mehr Humor würde dem Reden über diesen Ort allerdings guttun, auch diesem Buch. Überwiegt hier der heroische Duktus, weil männliche Künstler und Autoren dominieren?

Eine Collage auf der letzten Seite zeigt einen queeren Riesenclown, der aus dem Dach des Berghains klettert und die kleinen Menschen in die Flucht treibt. Nicht der schlechteste Ausblick auf die kommenden zehn Jahre.

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