Kunst und Leben
Die Monopol-Redaktion über den ästhetischen Alltag

Laster wird Lebenskunst: Lars von Triers "Nymphomaniac" auf der Berlinale

von Jens Hinrichsen
10.02.2014

Die Skulptur, die Keith Haring 1987 schuf, heißt "Untitled (Boxers)". Ich bin mir nicht im Klaren darüber, ob sie mit Sex zu tun hat. Sie steht, das erklärt ihre Wahl, wenige Meter vom Berlinale-Palast entfernt. Dort habe ich einen Film gesehen, der auf jeden Fall von Sex handelt. Lars von Triers "Nymphomaniac" – der erste Teil des Projekts – hatte Premiere.

Ich möchte gar nicht so viel über die expliziten Sexszenen schreiben, sondern darüber, was für ein begnadeter Erzähler von Trier ist. Er denkt immer an das Publikum. Er will es mitunter provozieren, oft auch schockieren. Aber vor allem ist er ein Verführer.

Immer tiefer lockt er die Zuschauer in das Labyrinth der Obsessionen der von Charlotte Gainsbourg gespielten Joe hinein. Am Ende (aber genau wissen wir das erst nach dem zweiten Teil) könnte sich das Ganze als Film herausstellen, der weder um Sex noch um Liebe kreist, sondern um die Suche nach Sinn, um den Wunsch, das Chaos und die zeitweilige Erbärmlichkeit menschlicher Existenz orden zu können.

Einmal vergleicht Joe mithilfe ihres väterlichen Freundes und Beinahe-Psychiaters Seligman (Stellan Skarsgard) ihre einstige Parallelbeziehung zu drei verschiedenen Männern mit der Polyphonie Johann Sebastian Bachs. Das Laster wird zur Lebenskunst deklariert. Ein verführerischer Gedanke.

Szene aus Lars von Triers' "Nymphomaniac" (Foto: Berlinale)

Tags: Berlinale, Nymphomaniac, Lars von Trier

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