Anika Meier

Autofotografie auf Instagram

Sonntagsparker

11/01/2017 - 10:47

Die Woche auf Instagram sieht vor, dass sonntags alte Karren gepostet werden. Einst waren Autos in Fotos auch Zeitstempel, die bei der Datierung halfen. Und heute?

Für Autos interessiere ich mich nicht besonders. Eigentlich gar nicht. Ich wohne in Hamburg, da braucht man kein Auto. Nicht wegen des Wassers, sondern weil man hier gut zu Fuß gehen oder mit der U-Bahn fahren kann. Radfahren ist wegen des Windes etwas anstrengend, deshalb lasse ich es, andere strampeln einfach gegen den Wind an. Autos fotografiere ich. Das stört mich. Ich mache es trotzdem. Weil es dieses Hashtag gibt, #asundaycarpic heißt es. Man macht für Instagram ja ab und an sehr viel Quatsch mit. Das #asundaycarpic gehört für mich dazu, weil die Follower es mögen, und es folglich mit den Likes besser klappt als bei traurigen Häusern etwa, die ich sehr gerne fotografiere. Hier der Beweis: Knapp 1.700 Likes gab es für diese Karre.

Brahm. I buy the letter S.

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Autos poste ich mit Widerwillen und fühle mich dann, als hätte ich drei Tüten Chips gegessen. Im Gegensatz zu Autos mag ich Chips.

Sonntags also posten unglaublich viele Menschen auf Instagram Autos. Nicht irgendwelche Autos, es gibt so etwas wie Regeln, die man sich selbst erschließen kann, wenn man durch das Hashtag scrollt. Älter müssen die Autos sein, der Hintergrund sollte dazu passen und im besten Fall ist es #soloparking, also nicht eingeparkt. Bei Hashtags gibt es ja immer jemanden, der sie zuerst verwendet und damit erfunden hat. Einige Instagrammer schreiben sogar in ihr Profil, welches Hashtags sie selbst erfunden haben. Das wirkt auf Außenstehende bisweilen sehr befremdlich, schließlich hat man nichts erfunden, was die Welt besser oder schlechter macht. Im Zweifel wird nur Instagram um noch ein Klischee bereichert.

Das #asundaycarpic jedenfalls ist eine Erfindung des Berliner Instagrammers Jörg Nicht. Im sozialen Fotonetzwerk ist er als @jn bekannt, mit seinen 574.000 Followern ist er einer der erfolgreichsten Instagrammer Deutschlands. Im Januar 2012 hat er sein erstes Sonntagsauto gepostet, einen Fiat Cinquecento, drei Wochen später folgte das Hashtag, mittlerweile wurde es 70.590 Mal verwendet. Im Vergleich zu #love mit 1.178.056.251 ist das natürlich nicht so oft, Liebe gibt es aber auch jeden Tag, das #asundaycarpic wie die Sonntagsfahrer eben nur am Sonntag. Und das dann aber geballt. Die Sonntagskarre ist ein Like-Bait, ein likestarkes Motiv. Gefühlt jeder dritte Account, dem ich folge, macht mit. Es ist ja auch bequem, denn wenn man sich an der Woche auf Instagram entlanghangelt, weiß man, was man zu posten hat. Montag Motivierendes, Dienstag (sofern man ein Museum ist) etwas aus dem Depot, Mittwoch Lampen, Donnerstag wühlt man im Archiv, Freitag Treppen, Samstag Nachtleben, Sonntag Karren. In Hashtags: #mondaymotivation, #depotdienstag, #lampenmittwoch, #tbd, #treppenhausfreitag, #saturdaynight, #asundaycarpic. Wem das wie mir oft viel zu blöd ist, der postet ein #nosundaycarpic oder einen Montagsmops, ein #amondaypugpic – was eine semi-erfolgreiche Erfindung von mir selbst ist. 18 Beiträge seit 2015.

My sister asked me to take a pretty portrait of her pug. Totally nailed it! #freitagfluff #puglife #pugsofinstagram

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Es gibt aber auch Menschen, die Autos aus Interesse am Auto und seiner Ästhetik fotografieren. Wie der Journalist und Instagrammer Jochen Overbeck, @ofeneck auf Instagram. Während man selbst am Wochenende noch schläft, ist Overbeck schon mit dem Rad durch halb Berlin gefahren, hat 23 Fotos von Autos eingesammelt und sitzt, wenn man die Augen aufschlägt bereits in einem Café und bearbeitet seine Bilder mit Apps wie Snapseed, Afterlight und Filmborn, stürzende Linien begradigt er mit Skrwt. Warum er alte Karren fotografiert, habe ich ihn gefragt. Seine Antwort: "Der naheliegende Grund: Es ist ästhetisch interessant. Das Auto und der Hintergrund – der ist auch wichtig – stehen in einer Beziehung zueinander, die Harmonie, aber auch Widerspruch verströmen kann und verschiedene Epochen verbindet, wobei das Tolle ist: Jedes Auto war irgendwann ja ein Zukunftsversprechen. Für die Gesellschaft, aber auch ganz konkret für den Erstbesitzer. Aber die Zukunft wird bei Autos nur ganz kurz zur Gegenwart und dann sofort zur Vergangenheit. Wenn man Autos fotografiert, fotografiert man also auf mehreren Ebenen einen Zeitstrahl." Ähnlich begründete auch Christopher Hall aus San Francisco seine Faszination für die Autofotografie, der ein Sonntagsautofotograf ist, weil er immer sonntags mit seiner Kamera loszieht, ganz früh, wenn alle noch schlafen – Autos postet er aber jeden Tag auf seinem Instagram.

 

Hall fing an Autos zu fotografieren, weil sie ihn an Szenen aus seiner Kindheit erinnerten. "Heute", sagt er, "verschwinden ältere Autos aus dem Stadtbild von San Francisco, weil sie durch Teslas und Porsches ersetzt werden." Auf Instagram werden ältere Modelle meist nur durch neue ersetzt, wenn es sich um gesponserte Beiträge von Autoherstellern handelt. Dann sind Landschaftsfotografen plötzlich mit einem Mercedes in den Dolomiten unterwegs und Instagrammer, so genannte Influencer, die ihr Geld mit ihrem Account verdienen, zeigen jeden Monat ein anderes Auto von einem anderen Hersteller.

Den Sommer verbrachte ich in Paris, weil es dort sonniger ist als in Hamburg. In Paris lag überall der Katalog zur Ausstellung "Autophoto" in der Fondation Cartier in den Buchhandlungen und Museumsshops und natürlich bei Colette und in all den anderen Concept Stores. Es war also fast wie auf Instagram. Ein bisschen nervig eben. Die Ausstellung habe ich mir dann doch angesehen in der Hoffnung auf einen neuen Blick auf die Autofotografie auf Instagram. Zumindest den klassischen Stephen Shore würde ich dort sehen, dachte ich, in seiner Rolle als einer der Mitbegründer der New Color Photography in Amerika. Auf Instagram interessiert er sich mittlerweile eher für Grasbüschel und alles, was so am Boden passiert. Wenn er heute Autos fotografiert, sieht das so aus:

 

In der Ausstellung selbst fühlte ich mich ein wenig wie sonntags auf Instagram. Lauter Karren vor passenden Hintergründen, selbstverständlich viel besser komponiert und fotografiert – von William Eggleston, Langdon Clay, Raymond Depardon, Luciano Rigolini und natürlich Stephen Shore. Der sagte eins, dass Autos als Zeitstempel fungieren, sie helfen später bei der Datierung; wenn er ein Auto mitfotografiert, hinterlässt er eine Spur. Und weil auf Instagram ganz andere Dinge nebenbei als Zeitstempel dienen – Sneakers, Heißgetränke, Foodporn –  kann man sonntags ruhig in der Vergangenheit schwelgen und kann die Teslas Teslas sein lassen. Darum müssen sich andere kümmern.