Fotogalerie C/O räumt Postfuhramt

Berlins Mitte wird ärmer

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Berlin (dpa) - «All Palaces Are Temporary Palaces»: Diese Lichtskulptur des britischen Künstlers Robert Montgomery prangt zurzeit auf dem einstigen kaiserlichen Postfuhramt in Berlin-Mitte. Sie kündet vom bevorstehenden Auszug der bekannten Fotogalerie C/O aus dem historischen Gebäude. An diesem Freitag schließen die Ausstellungsräume ihre Pforten (unsere Review der aktuellen Schau), am Samstag gehen mit einer Abschiedsparty endgültig die Lichter aus. Erst im Herbst gibt es einen Neustart im alten Berliner Westen.

   Der Bezirk Mitte verliert damit eines seiner innovativsten und attraktivsten kulturellen Zentren. Nach der Räumung des Kunsthauses Tacheles im vergangenen Jahr und dem Wegzug von C/O droht der einst quirligen Gegend um die Oranienburger Straße, früher ein Muss für jeden Berlin-Besucher, innerstädtische Langeweile.

   «Wir gehen mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge, denn wir hatten eine wunderbare Zeit hier», sagt Galerie-Chef Stephan Erfurt, der das beispiellose Projekt zusammen mit dem Designer Marc Naroska und dem Architekten Ingo Pott im Jahr 2000 aus der Taufe gehoben hat.

   Seitdem war das privat finanzierte Haus zu einem der wichtigsten Fotozentren Deutschlands geworden. Mit Ausstellungen von Künstlern wie Annie Leibovitz, Anton Corbijn, Pierre et Gilles, James Nachtwey, Robert Mapplethorpe, Karl Lagerfeld und Peter Lindbergh zog es bis zu 200 000 Besucher im Jahr an.

Der neue Eigentümer des Postfuhramts, die Medizintechnikfirma Biotronic, hatte der Galerie gekündigt und eine Räumungsunterwerfung zustellen lassen. Nach einer Berlin-typischen Odyssee ist nun aber für den Herbst eine neue Bleibe im Amerikahaus am Bahnhof Zoo gefunden. «Wir freuen uns auch auf den neuen Standort», sagt Erfurt. «Zusammen mit dem Museum für Fotografie und der Helmut Newton Stiftung, die ja nur 100 Meter entfernt liegen, wird am Zoo eines der größten Zentren für Bildschauen in Europa entstehen.»

   Lange Zeit hatte die renommierte Kulturinstitution um ihre Existenz fürchten müssen. Zwar war kurz vor der Abgeordnetenhaus-Wahl 2011 publikumswirksam ein Umzug in die inzwischen vom Abriss bedrohten Atelierhäuser im Monbijoupark verkündet worden. «Die Schlüssel waren bereits überreicht, C/O zahlte schon für Strom und Wasser», so die Galerie. Doch dann zog der Bezirk Mitte den Beschluss wieder zurück, weil der Park im Bebauungsplan als reine Grünfläche vorgesehen sei.

   «So etwas habe ich noch nie erlebt», wetterte Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) noch Monate später. Wieder einmal hatten Bezirk und Land kräftig aneinander vorbei regiert. Erst nach langem Hin und Her gelang es dem Senat, das vom Verkauf bedrohte Amerikahaus zu retten und in Landesbesitz zu halten. Am 12.12.12. konnte Erfurt einen neuen Mietvertrag unterschreiben. Mit der C/O Galerie wird nach der denkmalgerechten Sanierung nun auch die Landeszentrale für politische Bildung in das traditionsreiche Haus einziehen, das jahrzehntelang Kulturzentrum der USA in Berlin war.

   Schmitz ist nach der Vorgeschichte doppelt froh über die Lösung. «C/O Berlin hat sich als Ausstellungsort für Fotografie weit über die Grenzen Berlins hinaus ein großes Renommee erworben», sagte der SPD-Politiker der Nachrichtenagentur dpa. «Ich freue mich sehr, dass es uns gelungen ist, für C/O einen neuen, ebenso geschichtsträchtigen wie attraktiven Standort gefunden zu haben.»

   Der neue Mietvertrag läuft 16 Jahre. Nur was aus dem prachtvollen Postfuhramt wird, ist unklar. Der Investor habe jedes Gespräch verweigert, sagt C/O-Chef Erfurt. «Ich fürchte, das Postfuhramt geht als Kulturort für uns alle verloren.»

Die Ausstellungen sind noch bis zum 8.3. zu sehen. Am Samstag, 9.3., feiert C/O Berlin eine große Abschiedsparty. Eintritt: 3 Euro.

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