"Curated by" in Wien

Viele denkende Köpfe

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Christine König ringt mit gespielter Verzweiflung die Hände: "Schauen Sie sich das an! So schöne Werke – aber alle verpackt hier im Hinterzimmer!" Sehen kann das Publikum in Königs Wiener Galerie nur ein großes Foto auf einer Wand. Der italienische Kurator Luca Lo Pinto hat für sie eine Ausstellung konzipiert, die sich mit der Auswirkungen der Digitalisierungen auf die Kunstrezeption beschäftigt: Längst konsumieren wir Kunst viel häufiger anhand von jpgs als angesichts des wirklichen Objektes, und Sammlern reicht heute ein Bild auf dem Smartphone für ihre Kaufentscheidung. Also hat Lo Pinto die Ausstellung mitsamt Performance inszeniert und fotografieren lassen, und dann wieder abgebaut – in der Galerie bleibt nur die Fotowand.

Die Schau bei Christine König ist typisch für das Projekt "Curated by". Zum sechsten Mal laden dabei die wichtigsten Wiener Galerien internationale Kuratoren ein, in ihren Räumen Ausstellungen zu gestalten, und zwar gern auch mal gegen den Strich des sonstigen Galerieprogramms. Das Ergebnis der von der städtischen Agentur Departure unterstützten Aktion rechtfertigt den Aufwand: Solch einen abwechslungsreichen, interessanten Galerienrundgang wie zurzeit in Wien kann man sonst wohl kaum in einer Kunstmetropole machen. Während Galerien sonst oft dazu neigen, zu wichtigen Terminen – hier ist es die Messewoche –  mit kommerziellen Standards zu langweilen, kann man hier den Kuratoren beim Experimentieren zuschauen. Großartig ist zum Beispiel, was Schirn- und Städelchef Max Hollein in der Galerie Thoman veranstaltet: Er hat die gesamten Galerieräume mit Folgen des Comics "Little Nemo in Slumberland" von Winsor McCay tapeziert. Die fantastischen Traumreisen des kleinen Nemo, erdacht zwischen 1905 und 1911, bilden die Klammer für eine kaum weniger surreale Versammlung von Objekten und Skulpturen von Walter Pichler, John M Armleder, Tal R, Franz West und anderen: eine kartoffelförmige Riesennase trifft auf einen seltsamen Schlafsaal und ein Freudianisches Sofa, und das Ich sieht sich im Zerrspiegel verwundert an.

"Das Jahrhundert des Bettes" lautete das Oberthema, das die Architektur- und Kulturtheoretikerin Beatriz Colomina für die diesjährige Curated by Ausgabe entwickelt hatte: Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Arbeit und Privatheit, Intimität und Öffentlichkeit zunehmend verschwimmen in einer Zeit, in der immer mehr Menschen zumindest gelegentlich per Laptop vom Bett aus arbeiten. Die Kuratoren haben das Thema mit der nötigen Freiheit umgesetzt. Philipp Kaiser zum Beispiel, der ehemalige Museum-Ludwig-Direktor, der jetzt wieder von Los Angeles aus arbeitet, hat für seine Schau in der Galerie Nächst St. Stephan drei Malerinnen unterschiedlicher Generationen mitgebracht, die der dortigen marktgetriebenen Malerei etwas sehr Eigenständiges entgegensetzen. Die überzeugendste von ihnen, Rebecca Morris, hat 2004 ein Manifest mit dem Titel "Wake Up Early, Fear Death" geschrieben, um ihre rätselhaften und aus der Zeit gefallenen Bilder zu begründen – das reichte ihm als Bettreferenz.

Ganz zeitgenössisch denkt dagegen Kristina Scepanski in der Galerie Andreas Huber das Thema weiter und kombiniert Timur Si-Quins verbrannte Yoga-Matten, digitale Visionen von mit Kunstwerken dekorierten Interieurs von Jon Rafman und Tabor Robaks abgedrehte Stadtanimationen zu einem Panorama virtualisierter Existenz – geerdet nur durch ein Klappbett, auf das Tom Burr Susan Sontags "Notes on Camp" gelegt hat. Ein Buch, mit Buchstaben auf Papier!

Das Yoga-Motiv führt Britta Thie in Carson Chans Ausstellung in der Kerstin Engholm Galerie weiter, wenn sie ihr eigenes Konterfei auf Tatami-Matten druckt – wobei die traditionellen japanischen Matten bereits seit dem 17. Jahrhundert sowohl dem Schlafen als auch dem Arbeiten und Wohnen dienen. Bei der Schau "Ready to Sleep" von Sabeth Buchmann in der Galerie Mezzanin dreht Jan Timme in seiner Installation im Nebenraum dann sogar das Licht aus – was bleibt, ist eine sanft fluoroszierende Weltkugel, die über dem Kopf schwebt.
 
Zwanzig solcher Ausstellungen, alle gut durch einen Katalog dokumentiert, sind für "Curated by" entstanden – und auch wenn man gern lächelt über den Boom des Kuratierens, so muss man nach dem Rundgang doch konstatieren: Hier haben die vielen denkenden Köpfe wirklich einmal Substanz produziert.

curated by_vienna: The Century of the Bed, Wien, bis 8. November

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