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Künstler als Influencer

Der Erfolg ist nur ein paar Follower entfernt

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Andy Kassier ist ein erfolgreicher Mann, das lässt der Konzeptkünstler zumindest seine Follower in den sozialen Medien glauben. Was wird aus der Kunst, wenn der Erfolg nicht nur ein Lächeln, sondern ein paar Follower entfernt ist

Andy Kassier ist superreich. Er sieht blendend aus. Er ist gut gekleidet, seine Frisur sitzt, ohne sein Lächeln geht er nicht aus dem Haus und er ist immer dort, wo die Sonne scheint. Andy Kassier hat, was es braucht, um die Kunst des guten Lebens in den sozialen Medien zu zelebrieren: ein Smartphone und ein Netzwerk, damit er immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Um sich schnell auf die Motorhaube eines BMW i8 werfen zu können oder um in einem Anzug von Herr von Eden ins Mittelmeer einzutauchen. "Ich hasse es, Geld auszugeben. Nichts gehört mir, aber alles könnte mir gehören", sagt er.

Wir skypen. Andy Kassier sitzt in Südafrika in einem Coworking Space, ich in meiner Wohnung im Hamburger Osten. Wir haben uns abends zum Gespräch verabredet, in Südafrika ist es eine Stunde später. Andy Kassier strahlt in die Kamera seines Laptops. "Success is just a smile away", steht in seinem Profil auf Instagram. Der Erfolg ist nur ein Lächeln entfernt. Man möchte ihm glauben. "Du siehst ja tatsächlich so aus", sage ich. Wie auf Instagram, meine ich. Blondes Haar, goldene Brille, Hawaii-Hemd, er gibt den Sunnyboy, der zu viel "MacGyver" und "Magnum" gesehen und zwischendurch zu "Dallas" umgeschaltet hat. Wie er das alles finanziert, frage ich ihn und mich, wie ich zu Andy Kassier gekommen bin.

Vermutlich ist er über Instagram zu mir gekommen, aber eigentlich weiß ich es nicht. Ich weiß nur, dass ich ihm seit ein paar Monaten auf Instagram folge, das gelegentlich eilige und bisweilen gelangweilte Scrollen durch meinen Feed unterbreche, wenn ich eines seiner Fotos sehe und die Bildunterschrift lese. Dort finden sich Sätze wie: "Never forget that you could have become a tree instead of a human, so be happy in every second of your life. Just be yourself" Das klingt nach einem guten, wenn auch nicht ganz ernst gemeinten Rat. Aber freuen kann man sich natürlich trotzdem, dass man kein Baum ist. Obwohl, vermutlich käme es auf die Baumart und den Standort an. Andy Kassier jedenfalls steht breitbeinig auf einem Baum, alles Weitere entnehmen Sie bitte dem folgenden Foto:

 

"Taking risks and succeeding makes you a winning player", beginnt die Bildunterschrift. Selbstverständlich, für ein Foto in einem Anzug auf einen Baum zu klettern, das ist zumindest kein einfaches Unterfangen. Und jetzt weiß ich auch wieder, warum ich bei Andy Kassier auf Instagram hängen geblieben bin. Weil er mich an Amalia Ulman und ihre Performance "Excellences & Perfections" erinnerte, nur ist er witzig und in seiner Berechenbarkeit unberechenbar. Kassier gibt sich im Gegensatz zu Amalia Ulman als Künstler zu erkennen, "Artist" hat er in sein Instagram-Profil geschrieben. Wer sich also mehr als nur ein paar Sekunden Zeit für ein Posting und einen Account nimmt, kommt schnell darauf, dass Andy Kassier eine Kunstfigur ist. Wer das nicht tut, denkt sich vielleicht, ach herrje, noch so eine Knalltüte, die mir über Instagram irgendetwas verkaufen möchte – im schlimmsten Fall Likes und Follower, im besten Fall Lebensweisheiten für die Tonne. "Wenn dir jemand sagt, etwas sei nicht möglich, dann ist das eine Reflexion seiner Grenzen. Nicht deiner." Nicht von Andy Kassier, nicht von Albert Einstein. Andy Kassier hat all die Instagram-Accounts, Blogs, Vlogs und was es noch alles gibt, gründlich studiert, die mit Hashtags wie #motivation, #winner, #goals, #coaching #entrepreneurlifestyle #successdriven #mindbodysoul #hardworkpaysoff um sich schmeißen. "Mir geht es nicht um Besitz, sondern um Möglichkeiten", sagt er. "Was ist möglich, ohne Geld in die Hand zu nehmen?" Das zeigt Andy Kassier. Und möchte damit Erfolg und Kälte der Leistungsgesellschaft kritisieren.

Bevor wir über Skype miteinander gesprochen haben, habe ich ihn gefragt, was ich über Andy Kassier schreiben darf, das nicht auf Instagram zu sehen ist. Während des Gesprächs zuckt er mit den Schultern und lächelt, als ich ihm die Frage gleich zu Beginn wieder stelle und wissen will, wie zum Henker er sein Jetsetleben finanziert. Alle Bilder seien ohne Geld entstanden, das dafür nötige Equipment gehöre ihm, seine teuersten Schuhe seien ein Paar Birkenstock, den Herr von Eden-Anzug habe er im Super Sale für 60 Euro gekauft. Er selbst findet Carsharing gut, sein Alter Ego steht auf schnelle und teure Autos. Er lebt in Berlin und studiert in Köln an der Kunsthochschule für Medien, während der erfolgreiche Andy Kassier weltweit in Luxushotels ein- und ausgeht, 20 Stunden am Tag arbeitet und deshalb unendlich einsam ist. Andy Kassier sagt Sätze wie "Ich fliege nach Afrika, um Selfies zu machen." Und: "Ich kann jeden Tag an den Strand gehen." Oder: "Arbeiten ist das Geilste." Wer von beiden spricht da eigentlich?

 

Als er 2012 angefangen hat, Fotos von seinem Projekt auf Facebook zu posten, haben ihn Fragen der Identität und Rollenbilder interessiert: Inwiefern unterscheidet sich beispielsweise die reale Person von der virtuellen Person? Fünf Jahre später antwortet er sehr bestimmt: "Die Diskrepanz ist groß." Mögliche Vorbilder wie Cindy Sherman reflektiert er nicht, weil ihn klassische Selbstporträts nicht interessieren. "Wenn sogar die eigenen Eltern Selfies per WhatsApp schicken, muss man sich als Künstler fragen, was Selfies noch können. Früher konnte man die Leute zählen, die Selbstporträts machen, heute kann man die Leute zählen, die keine Selfies machen", sagt er

 

Am Anfang seien auf Instagram Momente geteilt worden, heute würden alle einander ein gutes Leben vorspielen, erzählt er. Authentizität, viel zu langweilig, wer will schon ein authentisches Foto vom Mittagessen sehen? Vielleicht die fünf Follower auf Snapchat. Andy Kassier spielt mit, wenn auch nicht ganz fair. Eigentlich spielt er so unfair wie alle anderen, nur übertreibt er dabei auch noch ordentlich ohne rot werden zu müssen. Aber das gehört so, die Übertreibung der Selbstvermarktung und Selbstoptimierung, der Sarkasmus und die Ironie, man könnte auch sagen, the art of trolling gehört zu seinem Konzept, und so möchte er gesehen werden, als Konzeptkünstler. Post-Internet-Art, Net Art, passt ebenfalls, an Kategorien stört er sich nicht. Er selbst bezeichnet sich als digital nomad. Der Künstler als Content Creator, der unaufhörlich – wenn man Andy Kassier ist – reisen muss, um Bilder für Instagram zu produzieren. Zu Vergleichen mit Fashion Bloggern, Influencern und Kim Kardashian, die alle regelmäßig in Swimming Pools von Luxushotels planschen, weil Hashtag #yolo, man kann es sich leisten oder man wird sogar noch dafür bezahlt, ist es von seinem Auftritt auf Instagram nicht mehr weit. Während Kim Kardashian und Influencer ohne Social Media nicht denkbar sind, weil diese Kanäle ihre Daseinsberechtigung sind, könnte es Andy Kassier auch ohne Instagram und Facebook geben, nämlich nur im Ausstellungsraum. Instagram ist für ihn nur eine Zutat, aber natürlich würde ihm weniger Aufmerksamkeit zuteil werden, wenn er nicht ständig Content für seine Kanäle produzieren würde.

Und da ist man auch endlich bei der Frage nach den Followern? Andy Kassier hat 1881 Follower auf Instagram, das ist nicht viel, allerdings hatte Amalia Ulman auch nur etwas mehr als 4.000 Follower, als man ihrer Performance "Excellences & Perfections" auf Instagram folgen konnte. Dann kam einen Monat nach Ende der Performance im Oktober 2014 der Konzeptkünstler Constant Dullaart und kaufte für 5.000 Dollar 2.5 Millionen Follower, die er auf verschiedene Protagonisten der Kunstwelt verteilte, so dass alle auf 100.000 Follower kamen und alle gleich wichtig waren: Ai Weiwei, Richard Prince, Klaus Biesenbach, die Gagosian Gallery, Brian Droitcour, Hans Ulrich Obrist, Jerry Saltz, Constant Dullaart und eben auch Amalia Ulman. In der Berichterstattung über ihre Performance kursiert immer eine Zahl um die 90.000 Follower, mal sind es 89.244, mal sind es 89.103.

Der Wert eines Künstlers oder einer künstlerischen Arbeit bemisst sich oftmals daran, wie viele Menschen in den sozialen Medien folgen – Bots hin oder her. Andy Kassier hat auch darüber nachgedacht, Bots für sich arbeiten zu lassen oder Follower zu kaufen, um auf 10.000 Follower zu kommen, mit denen er wieder andere Möglichkeiten hätte. Der Künstler als Influencer, die Kunst als Werbung, das ist nichts Neues, das ist nur Instagram logisch weitergedacht, wo doch die Bilder von Andy Kassier sowieso der glatten Werbeästhetik angeglichen sind. Die kanadische Fotografin und Postergirl der New Feminism Wave Petra Collins modelt für Gucci, sie übernimmt den Snapchat Kanal des italienischen Modelabels und gerade hat sie einen Werbefilm für Sonnenbrillen von Gucci gedreht. Vielleicht ist Andy Kassier der nächste It-Boy der Kunstszene – wer schenkt ihm 98.000 Follower? Der Erfolg ist nur ein paar Follower entfernt.

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