Gustav Metzger

Der Mann, der zu viel wusste

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Die Nazis ermordeten seine Eltern. Er war Anarchist, begründete die "autodestruktive Kunst" – und tauchte wieder ab. Heute, endlich, wird Gustav Metzger als Künstler gewürdigt. Eine Begegnung in London

Dass der Ausdruck "nicht realisiertes Projekt" in der kuratierenden Klasse populär geworden ist, weist auf eine Neubewertung zeitgenössischer Kunst hin: Weg mit der Ansicht, jemand, der nicht viel produziert, ausgestellt oder verkauft habe, tauge wenig. Möglicherweise werden diese Außenseiter nun die wirklich herausragenden Figuren. Der ungesalbte Heilige dieses Kults heißt Gustav Metzger. Er könnte der wichtigste Künstler sein, dessen Werke Sie noch nie gesehen haben. In Nürnberg geboren, in London zu Hause, ist er vielleicht auch der wichtigste Künstler, den Deutschland nie hatte.

Jahrelang war er vergessen – jetzt bespielt er die Biennalen der Welt, zwischen lauter Thirtysomethings. Gruppenausstellungen in Warschau und Amsterdam im Frühjahr, die aktuelle "Klimakapseln"-Schau in Hamburg, ab Ende Juni die Skulptur-Biennale Carrara und im Herbst die von Massimiliano Gioni kuratierte Biennale im südkoreanischen Gwangju: Sie alle ziehen Metzger heran als Repräsentanten einer radikalen Kritik am Bestehenden. "Mich fasziniert, wie ätzend sein Werk ist, und das ist buchstäblich zu nehmen", sagt Massimiliano Gioni. "Es gibt eine Brutalität und Gewalt darin, die auch seinen moralisch hochengagierten Arbeiten Komplexität und Aggressivität gibt."

Den plötzlich Allgegenwärtigen zu treffen ist allerdings so gut wie unmöglich – ihn öffentlichkeitsscheu zu nennen wäre untertrieben. Erst bei seiner gefeierten Retrospektive in der Serpentine Gallery im vergangenen Herbst stimmte er einem Gespräch zu.

Als ich auf ihn zugehe, weicht er, mit Blick auf meine Hand, erschrocken zurück. Ob er mein Diktiergerät für eine Waffe hält? Eine Pressedame schiebt sich zwischen uns. "Gustav mag keine Tonbandaufnahmen. Er hasst Technik. Wussten Sie das nicht?" Also schreibe ich alles auf, was er mit seiner ruhigen Stimme sagt. Noch immer verrät sie das Land, aus dem er vertrieben wurde.

Gustav Metzger, kleine Statur, Halbglatze mit grauem, gelocktem Haarkranz, trägt billige, alte Kleidung. Er könnte vieles sein, aber wie ein Künstler wirkt er nicht. Als Exzentriker, Asket, Kapitalismusgegner und Theoretiker bewegt er sich seit 40 Jahren am Rand der britischen Gesellschaft und der internationalen Kunstwelt, jahrelang ohne Pass oder Sozialversicherung, stets ohne Telefon oder Fernseher. Wohl kein anderer Künstler hat so lange im Abseits existiert.

Wenn dieser Mann plötzlich wieder Einlass findet in den Kunstbetrieb, darf man dahinter eine Strategie vermuten: Die Institutionen wollen sich als Raum für politische Kritik neu erfinden. Aber ist Gustav Metzger tatsächlich so radikal? Oder eher eine obskure Gestalt, die der Branche zu einem neuen Image verhelfen soll?

Der "Schachtelmann"

Metzger arbeitet mit alltäglichen Materialien. Stapel von Zeitungen zum Beispiel, die er seit Jahrzehnten sammelt. Als erster Künstler überhaupt verwendete Metzger dieses Material als Readymade. Für eine Ausstellung 1977 sammelte er die Seite drei der "Sun" (die mit den halb nackten Frauen). 2003, bei seinem Comeback, zeigte die T1+2 Gallery im Osten Londons eine solche Arbeit ("100 000 Newspapers"). 2009, in der Serpentine Gallery, wurde das Publikum mit einbezogen. Es sollte die Blätter durchschauen und Artikel über Klimawandel und Wirtschaftsmisere ausschneiden, die dann täglich an die Wand gepinnt wurden. "Ich fotografiere die Ausschnitte, das heißt, ich nutze ein Archiv, um ein neues zu schaffen", sagt Metzger. Was entsteht, ist als Symbol für Informationsflut lesbar – ein sehr direktes Symbol.

Für den Kunstkritiker sind diese allzu wörtlichen Werke eine Herausforderung: Sie balancieren auf der Linie zwischen gesellschaftlichem Protest und Kunst – dort, wo etwa der Unterschied zwischen Plakat und Gemälde verläuft.

Vielleicht lässt sich die Nähe zur Agitation aus der Biografie erklären. Mit einem der letzten jüdischen Kindertransporte kam der zwölfjährige Gustav 1939 nach England, die Eltern wurden von den Nazis ermordet. Er lernte Tischler, arbeitete als Gärtner, lebte in einer Anarchistenkommune und studierte eine Weile Malerei.

1959 stellte er in Londoner Künstlercafés seine "Cardboards" aus, Verpackungen für Verstärker und andere elektronische Geräte. Die Kartonkanten und die passgenauen Öffnungen für Schalter und Knöpfe erinnerten an die geometrisch-abstrakten Bilder der Konstruktivisten. Das Boulevardblatt "Daily Express" berichtete unter dem Titel "Bärtiger Mann stolpert über einen Karton und findet eine neue Kunstform". Inspiriert von Kurt Schwitters Collagen, vereinfachte Gustav Metzger seine Arbeiten extrem. "Die Grundüberlegung war ein Objet trouvé, das sich nicht erklären ließ. Wenn ich jemanden gebeten hätte, dieses Objekt zu finden, hätte es zehn Jahre gedauert."

1959 veröffentlichte der "Schachtelmann", wie er in der Presse hieß, auch sein erstes Manifest. Es propagierte Werke, "die ein Element enthalten, das innerhalb von maximal 20 Jahren automatisch zu ihrer eigenen Zerstörung führt". Metzger schrieb weiter: "Die Massen auf der Regent Street sind autodestruktiv, Raketen und Atomwaffen sind autodestruktiv." Er wollte eine Kunst erschaffen, die all die ruinösen Aspekte der Gesellschaft in sich trug, in der er lebte.

Legendär wurde seine Demonstration an der Londoner South Bank 1961. Metzger bestrich drei Nylonbahnen mit Salzsäure, die das Gewebe durchlöcherte. Einer Rekonstruktion im Museum of Contemporary Art in Los Angeles 1998 nach zu urteilen, könnten diese Stoffe wie eine Kreuzung zwischen einem Jackson Pollock und einem Lucio Fontana ausgesehen haben, Fetzen von Farbe und Löcher.

Immer wieder scheinen Gustav Metzgers Arbeiten die Zukunft vorauszusagen – in dieser kleinteiligen konzeptuellen Art allerdings, die sich selbst so ernst nimmt, dass es langsam witzig wird.

Pionier der Aktionskunst

Im September 1966 organisierte Metzger das Londoner Destruction in Art Symposium (DIAS), das heute vergessen ist. Damals galt es als einflussreichste Kunstkonferenz in Großbritannien. Fluxus-Figuren wie Al Hansen, Yoko Ono und Wolf Vostell nahmen teil, die Wiener Aktionisten Hermann Nitsch, Günter Brus, Otto Muehl, Peter Weibel und Vertreter der Amsterdamer Provo-Bewegung.

Vier Wochen lang fanden Veranstaltungen statt, darunter eine Aufführung des "Orgien Mysterien Theaters" von Nitsch. Raphael Montañez Ortiz zertrümmerte einen Stuhl, John Latham verbrannte vor dem British Museum Bücher, und Robin Page bohrte ein Loch in den Fußboden einer Buchhandlung. Gustav Metzger schien mit seiner autodestruktiven Kunst die Avantgarde der Happening-Künstler anzuführen.

Es entwickelte sich nicht mehr daraus. 30 Jahre bewegte Metzger sich an der Peripherie der britischen Szene, die ihrerseits bis in die 90er abseits der internationalen Kunstwelt stand. Er schuf eigentümliche Readymades, stellte in seltsamen Kooperativen aus, gab mit bescheidenen Mitteln (selbst raus und organisierte hin und wieder eine Konferenz. Metzger regte zahlreiche öffentliche Projekte an, die aber meist auf Ablehnung stießen. Er recherchierte für Bücher, die nie erschienen, und arbeitete nebenher als Antiquar. Hin und wieder kaufte der britische Arts Council ein Werk an.

Teil seines Werks wurden unzählige Vorträge ("Demonstrationen") über autodes­truktive Kunst. Einen davon erlebte Pete Townshend, Kopf von The Who, an einer Londoner Kunstakademie. Die Idee, auf der Bühne seine Gitarre zu zertrümmern, führt er auf Metzger zurück, der beeindruckende Lichtprojektionen mit Flüssigkristallen bei den Konzerten der Band präsentierte. Ende der 60er-Jahre setzte Metzger sich auch mit den frühen Computern auseinander. Er gab das "Bulletin of the Computer Arts Society" heraus und entwickelte ein rechnergesteuertes selbstzerstörerisches Monument. Zur Realisation kam es nie.

Die "Historic Photographs" von 1996 für Hans-Ulrich Obrists "Life/Live"-Ausstellung in Paris verschafften Gustav Metzger schließlich doch noch einen Durchbruch. Er vergrößerte Pressebilder aus Nazideutschland, Vietnam und dem Nahen Osten auf circa zwei mal zwei Meter und verhüllte sie anschließend. Wer das Foto "Massacre on the Mount, Jerusalem, 8. November 1990" sehen wollte, musste hinter einen Vorhang treten, ein Bild von Hitlers Autokolonne verbarg sich unter einer Metallplatte: "Ich verdecke etwas, das für den Betrachter viel zu grauenhaft ist."

Die Fotografie war eine Installation geworden, die körperlich und seelisch berührte. In London kroch eine ältere Frau unter ein Tuch, das ein Foto von Juden bedeckte, die auf Händen und Knien einen Bürgersteig im Dritten Reich sauber machten. "Ich habe den Stoff bei einem Trödler gefunden", erklärt Metzger. "Diese goldschimmernde Farbe schien mir passend, Juden mussten ja damals den gelben Stern tragen. Mich interessiert die Beziehung zwischen den Figuren, die sich hinter dem Vorhang oder unter dem Tuch befinden."

Wir schlendern die Exhibition Road Richtung Victoria and Albert hinunter. Neben dem Goethe-Institut zeigt er auf eines der Gebäude mit weißer Stuckfassade. "Hier habe ich 1972 mit Stuart Brisley und Marc Chaimowicz ausgestellt. Jeder von uns hatte eine Etage für sich." In dieser kaum beachteten Schau präsentierte Metzger Modelle einiger seiner Vorhaben, unter anderem "Stockholm June": Autos mit laufendem Motor sollten um einen Kubus stehen, in den die Abgase geleitet würden (der Container hatte Abluftlöcher). Jahrzehnte später, 2007, konnte er diese Umweltprophetie in den Vereinigten Arabischen Emiraten bei der Schardscha-Biennale vorführen.

"Ich wurde nicht wahrgenommen, ganz klar. Die unverwirklichten Projekte verdeutlichen das. Immer wieder bin ich mit Ideen an verschiedene Institutionen herangetreten, jedes Mal war man nicht interessiert. Und wenn eine Idee angenommen wurde, wie diese Autoabgasgeschichte 1972 bei der Documenta 5, setzte man sie nicht um. Man hätte mich auch einladen können, Vorträge zu halten. Aber wegen meiner Ansichten, meiner heftigen Angriffe auf den Kapitalismus, schnitt mich die Kunstwelt. Dann bin ich noch Ausländer und Jude und gehöre nicht zur Oberschicht. Niemand unterstützte mich, das machte mir zu schaffen."

Widerstand gegen den Kunstmarkt

"Hat die Aufmerksamkeit, die Sie inzwischen erfahren, nicht auch mit der kapitalistischen Gier nach Neuem, Unverbrauchtem zu tun?" frage ich. "Ja, doch, es ist auch so: In den 60ern, 70ern und 80ern war ich in meinem Denken weit voraus. Jetzt merken die Leute, dass ich ein Überlebender bin, dafür haben sie etwas übrig." Die Bescheidenheit seines Auftretens und sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein ergeben wahrlich eine interessante Mischung. Stand ihm tatsächlich nur seine politische Haltung im Weg?

Wir betreten das Victoria and Albert Museum und gehen zur Cafeteria. Ein Kurator entdeckt Metzger und erkundigt sich nach seinen ersten Computerarbeiten, er bereite gerade eine Ausstellung vor. Derweil organisiere ich zwei Stück Kuchen. Metzger staunt über die Größe der Portion wie ein ausgehungertes Kind.

"Man will etwas schaffen. Angenommen werden. Bezahlung für seine Arbeit. All das hatte ich nicht. Ich lebte in Armut, viele Jahre. Ich habe gelitten. Was nun passiert, ist der Versuch einer Wiedergutmachung" – Metzger benutzt das deutsche Wort.

Der Holocaust schien unterschwellig immer da. Doch jetzt deutet sich eine weitere destruktive Urkraft an: Metzgers Widerstand richtete sich auch gegen Künstler und Galerien, die ihm Freunde sein, ihm hätten helfen können.

1972 traf er auf Joseph Beuys. "Ich habe ihn bei einer Diskussion in der Tate kritisiert. Man kann das nachlesen, das Protokoll liegt im Archiv. Wenn ich ihn besonders heftig angriff, sagte er nur: 'Ich weiß nicht, ob ich Sie verstanden habe', und wandte sich an seine Dolmetscher. Eine Stunde ging das so. Tags darauf besuchte er die Whitechapel Gallery, und als er mich dort sah, rief er: 'Ich wusste gestern nicht, wer Sie sind. Aber jetzt!' Er war der Schamane, der eine Show abzieht, und ich das genaue Gegenteil. Ich würde nie so rumpoltern. Später bin ich ihm bei der 'Westkunst' in Köln begegnet. Beuys, der Star. Zehn Leute saßen auf dem Podium und diskutierten, und als er ging, fragte ich ihn: 'Jeder Mensch ist ein Künstler – selbst Himmler?' Beuys dachte kurz nach und sagte dann: 'Ja, wenn Himmler eine andere Erziehung genossen hätte, wäre er nicht Himmler.'" Die Antwort muss Metzger sprachlos gemacht haben.

Zusammen mit Beuys, Hans Haacke und anderen lud das Londoner Institute of Contemporary Arts (ICA) ihn 1974 zu "Art into Society/Society into Art" ein. Die Chance, sich an der Seite der führenden deutschen Konzeptkünstler zu zeigen, wäre ein großer Schritt gewesen, doch Metzger lehnte ab. Stattdessen rief er zu „Years Without Art 1977–80“ auf. Während dieser Zeit sollten Künstler "nichts schaffen, nichts verkaufen, nichts präsentieren und nicht mit der Publicitymaschine zusammenarbeiten". Ziel war das "Ende des Kunstsystems".

Leider stand Metzger als Einziger auf den Barrikaden und hielt sich auch selbst nicht strikt an seinen Appell. Während der ICA-Schau nahm er an Podiumsdiskussionen teil, und ein Jahr später stellte er in Nottingham unter Pseudonym aus.

"Ja, ich habe schon was Selbstzerstörerisches in mir", sagt Metzger und kommt rasch auf sein Spezialgebiet zurück. "Der Kapitalismus ist das Grundübel, mit dem ich mich zeit meines Lebens beschäftigt habe. Alles, was ich mache, hat damit zu tun. Ich sehe ständig alles im großen Zusammenhang. Sie werden gestärkt aus der aktuellen Krise hervorgehen und um jeden Preis für den Machterhalt kämpfen."

"Wer sind sie?" – "Die Besitzenden, die Produzenten, der ganze verdammte Kapitalismus. Dem ist egal, was hergestellt wird, solange er Käufer dafür findet."

Metzgers Werk hat Schwächen und Grenzen, aber große zeitdiagnostische Schärfe. Heute leben wir in einer Welt voller Untergangsszenarien – der entfesselte Markt, Umweltzerstörung, Terrorismus. Metzger hat diese Bedrohungen vorausgesehen. Viele andere verfolgten in den Nachkriegsjahrzehnten eine destruktive Ästhetik, etwa Jean Dubuffet und die Vertreter der Art brut, Jacques Villeglé und Mimmo Rotella, die Wiener Aktionisten. Gustav Metzgers Œuvre war nicht so reich oder poetisch, seine Position aber radikaler. Mit seinem Konzept der autodestruktiven Kunst formulierte er eine Theorie, die auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts reagierte. Die interessantesten Künstler sind eben nicht unbedingt die besten.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

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