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Sammlerin Julia Stoschek im Interview

"Die Energie ist die gleiche"

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Vor zehn Jahren eröffnete die Julia Stoschek Collection – ein Gespräch über produktive Zerstörung und das Leben mit Medienkunst


"Destroy, She Said" lautet der Titel der Ausstellung, mit der Julia Stoschek im Juni 2007 ihre Privatsammlung auf die Landkarte der Kunstwelt setzte. In einer ehemaligen Fabrik in Düsseldorf richtete sie auf 4000 Quadratmetern ein einmaliges Ausstellungshaus für zeitbasierte Medienkunst ein. Nirgendwo sonst kann man so zuverlässig die avantgardistischsten Künstler dieses Genres, von Cyprien Gaillard über Wu Tsang bis Trisha Donnelly sehen, begleitet von einem festen Fundament historischer Arbeiten. Die feministische Medienkunst der 70er-Jahre? Die Filme von Derek Jarman? In der Julia Stoschek Collection werden sie gezeigt. 2016 eröffnete die Sammlerin eine Zweigstelle der Stoschek Collection in Berlin. Das zehnjährige Jubiläum soll aber am Stammhaus der Sammlung in Düsseldorf gefeiert werden. "Die Energie ist die gleiche wie vor zehn Jahren", sagt Stoschek. "Es ist eine überraschende und gleichzeitig wunderbare Erfahrung festzustellen, dass man immer noch – oder besser gesagt immer wieder von Neuem – am Anfang steht."
 

Frau Stoschek, die von Ed Atkins kuratierte Jubiläumsausstellung "Generation Loss" spannt thematisch einen Bogen zur Eröffnungsausstellung "Destroy, She Said". Die Auseinandersetzung mit produktiver Zerstörung, dem Oszillieren von Verlust und Neuschöpfung, scheint erneut aufgegriffen.
Ganz genau, wenn auch auf subtilere Art und Weise. Der technische Begriff des Generation Loss bezeichnet den Daten- beziehungsweise Qualitätsverlust eines Bildes, der beim Kopieren, Komprimieren oder Umwandeln in andere Formate auftreten kann. Das Bild wird bei diesem Vorgang pixeliger, unschärfer, auch Fehler und Mutationen können sich einschleichen. Es entsteht etwas Neues, das sich aber auf ein Altes bezieht. Darum ging es auch in der ersten Ausstellung "Destroy, She Said" – nur viel brachialer. Die Eröffnungsausstellung war geprägt von der Erfahrung des Umbaus eines denkmalgeschützten Fabrikgebäudes in ein Ausstellungshaus für meine Sammlung. Der Bau wurde einem radikalen Transformationsprozess unterzogen und in einen neuen Kontext gestellt. Das Thema Zerstörung und Wiederaufbau war omnipräsent und markierte einen Aufbruch. Monica Bonvicinis titelgebende Arbeit reflektierte diesen Zustand. Im Eingangsbereich wurde parallel Bonvicinis Videoarbeit "Hammering Out (an old argument)" gezeigt: Eine Frau schlägt hier Stück für Stück eine Wand ein. Es geht etwas zu Bruch – aber dabei entsteht Raum für Neues.

In Hito Steyerls Text "In Defence of the Poor Image", einer Verteidigung des 'armen', also komprimierten pixeligen Bildes, wird die Dynamik von Verlust und Gewinn durch den Generation Loss in Worte gefasst. Wie übersetzt Ed Atkins das Thema des Generationsverlustes in ein Ausstellungskonzept?
Von Anfang an war es Anspruch meiner Sammlung nicht nur junge KünstlerInnen zu verfolgen, sondern auch historische Positionen zeitbasierter Medienkunst. Auf diesen, mir sehr wichtigen Aspekt der Sammlung ist Ed Atkins mit seinem Konzept auf raffinierte Weise eingegangen. Generation Loss wird hier nicht nur auf der Ebene des rasanten technischen Wandels verhandelt. Es wird auch der Ansatz verfolgt motivische und thematische Bezüge der ausgewählten Werke untereinander sichtbar zu machen – Neuinterpretationen und Brüche miteingeschlossen. Um diese komplexe Vernetzung erfahren zu können, wird eine eigens für "Generation Loss" entwickelte Ausstellungsarchitektur eingesetzt. Die gezeigten Projektionen werden durch gläserne Soundschleusen akustisch voneinander getrennt, nicht aber visuell. Gerade werden die Leinwände aufgebaut und man bekommt ein erstes Gefühl wie das Zusammenspiel der Arbeiten wirken könnte. Ich bin wahnsinnig gespannt!

Mit dem "Generation Loss" haben Sie auch, auf ganz konkrete Weise, in ihrem Alltag als Sammlerin von zeitbasierter Medienkunst zu tun. Fragile Ton- und Bildträger befinden sich in ihrer Obhut. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?
Die Archivierung und Konservierung hat von Anfang an eine enorm wichtige Rolle gespielt. Wir haben im Haupthaus in Düsseldorf ein Depot auf dem neuesten Stand der Technik. Wird eine Filmrolle herausgenommen, wird sie in einer Schleuse im Zeitraum von 24 Stunden an die jeweilige Temperatur und Luftfeuchtigkeit angepasst, um zu verhindern, dass sich Kondenswasser absetzt. Mein Wunsch ist es für die nächsten Generationen zu sammeln, darin sehe ich auch meine Verantwortung. Alle erworbenen Arbeiten werden digitalisiert und zur Sicherheit an verschiedenen Orten aufbewahrt. Natürlich verändert sich etwas Elementares, wenn ein 16-mm-Film in ein digitales Speichermedium überführt wird. Andreas Weisser, unser Medienrestaurator, der die Sammlung begleiten, hat es einmal so ausgedrückt: Man muss beim Generationsverlust auch eine Trauerarbeit leisten, einen Verlust verarbeiten – sei es von Daten – von Material – und damit einhergehend auch von Geschichte. Der Verlust bedeutet aber auch gleichzeitig eine Überführung in das Hier und Jetzt. Das ist es, was "Destroy, She Said" und "Generation Loss" miteinander verbindet.

Der Konflikt zwischen Bewahren und Zerstören, den es in der Wiederholung von Generation zu Generation neu auszufechten gilt?
Ja, dieses unheimlich spannende Phänomen der Wiederholung zieht sich wie ein roter Faden durch meine Sammlung. Zum einen, weil die Wiederholung per se dem Bewegtbild, das sich ja in Dauerschleife wiederholt, inhärent ist. Zum anderen, weil sich einige KünstlerInnen der Sammlung, wie beispielsweise Elaine Sturtevant, dezidiert mit der Frage auseinandersetzen, was denn eigentlich passiert, wenn ein Original wiederholt, reproduziert und angeeignet wird. Wie steht es um die Autorschaft? Ist Wiederholung überhaupt möglich? Sturtevant war stark beeinflusst von französischen Poststrukturalisten wie Gilles Deleuze, der in "Differenz und Wiederholung" diesem Phänomen auf den Grund geht.

Deleuze war der Auffassung, dass "die Wiederholung nichts am Objekt ändert, sich dagegen eine Veränderung im betrachtenden Geist ergibt: eine Differenz."
Das Interessante ist, dass sich der Kontext, in dem die Wiederholung stattfindet, permanent ändert. Als ich vor 10 Jahren in Düsseldorf in die Wohnung direkt über der Sammlung eingezogen bin – in der ich seit einiger Zeit nicht mehr wohne – war ich gespannt, wie es wohl sein wird mit den Kunstwerken zu leben, ihnen tagtäglich zu begegnen. Schleicht sich Langeweile oder gar ein Überdruss ein? Das Gegenteil war der Fall. Je nach dem wie man sich an einem Tag fühlt – womit man sich gerade beschäftigt – entdeckt man etwas Neues oder empfindet das Gesehene anders.

Das hört sich ganz nach Søren Kierkegaard an, der in seiner Liebeserklärung an die Wiederholung festhält: "Die Wiederholung ist eine geliebte Gattin, deren man nie müde wird."
Schöner kann man diese komplexe Dynamik wohl nicht ausdrücken. Es zu schaffen im Akt der Wiederholung zum einen zu konservieren und zum anderen auch das Aktuelle, die Gegenwart und somit den Wandel einzuflechten, das ist die Herausforderung – in verschiedensten Bereichen des Lebens. Genau aus diesem Grund ist es mir so wichtig, dass die Jubiläumsausstellung den Moment der in die Zukunft gerichteten Wiederholung in den Fokus rückt. Die Ausstellung markiert den Zwischenstand einer andauernden Entwicklung – keine Retrospektive. Jetzt zurück zu blicken und zu feiern, als wäre alles schon gemacht und abgeschlossen, das wäre das falsche Signal.

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