Schreibmaschinenkunst

Zeichen und Wunder

Ein Vierteljahrhundert nachdem die Schreibmaschinen-Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt ihr letztes Bild tippte, wird ihr Werk unverhofft wiederentdeckt. Die simple Schönheit ihrer "Typewritings" kann man nun auch auf der Documenta bestaunen

Rosemarie Trockels Strickbilder sind weltbekannt. Sie nutzte als typisch weiblich verschriene Techniken, um das Frauenbild des mechanisch handelnden Heimchens anzugreifen, dem Konzentration um einiges mehr liegt als Kreativität. Zur gleichen Zeit schuf Ruth Wolf-Rehfeldt in der DDR ihre "Typewritings" auf ganz ähnliche Weise: Sie benutzte die Schreibmaschine – ein Objekt, mit dessen Hilfe Sekretärinnen standardisierte Dokumente verfassten oder emsig die kreativen Ergüsse ihrer männlichen Vorgesetzten abtippten – als Malwerkzeug und hinterfragte so ihre kalkulierte Präzision und die gesellschaftlichen Werte, die sich hinter ihr verbargen. Über einen ähnlichen Ruhm wie ihre Künstlerkollegin aus dem Westen konnte sich Ruth Wolf-Rehfeldt damals jedoch nicht freuen. Das hat sich jetzt geändert – dank der Galerie ChertLüdde, die im letzten Jahr bei der Art Basel 500 Arbeiten der Künstlerin zeigte und einen Katalog mit insgesamt 861 ihrer Arbeiten und Kollaborationen veröffentlichte. Aktuell sind Werke von Wolf-Rehfeldt bei der Documenta 14 in Kassel zu sehen.

Ruth Wolf-Rehfeldt wurde 1932 in Wurzen geboren. 1950 zog sie aus der ostdeutschen Kleinstadt nach Berlin und lebte dort mit ihrem Freund und späteren Ehemann Robert Rehfeldt. Er ermutigte sie, Kunst zu machen, und brachte ihr die Malerei näher, aber nach einiger Zeit entdeckte sie stattdessen die Schreibmaschine für sich. Zunächst beschäftigte sie sich mit konkreter Poesie, schuf als Hommage an Joseph Beuys einen Hut aus Filz und wandelte Begriffe wie "Bewegung", "Dehnung" und "Raffung" in minimalistische Bilder um. Die Werke, die sie selber "Typewritings" nannte, entstanden relativ spontan und intuitiv aus einem beinahe meditativ-schaffenden Nachdenken heraus.

Während Ruth Wolf-Rehfeldt zu Beginn der 70er-Jahre die ersten Werke mit ihrer Schreibmaschine "Erika" schuf, begann Robert Rehfeldt, sich mit der Mail-Art-Bewegung auseinanderzusetzen, die damals vor allem in Südamerika und Osteuropa Fuß fasste. Per Post vernetzte er sich mit Künstlern auf der ganzen Welt, tauschte mit ihnen Kunstwerke im Kartenformat aus und ergänzte fremde Werke durch Collagen, Zeichnungen und Stempel.

Der künstlerische Briefverkehr wurde mit der Zeit in vielen unterdrückten Staaten zum gezwungenermaßen geduldeten Forum für internationalen Dialog, und Robert Rehfeldt bald zu einem der wichtigsten Postkünstler der DDR. Irgendwann begann er, Kopien und Kohlepapierdurchschläge von ihren Arbeiten in seine hauptsächlich an Männer adressierten Kuverts zu stecken. Frauen waren in der Mail-Art eher selten, die Kunsthistorikerin Zanna Gilbert bezeichnete die Bewegung einmal als "Boys Club". Umso überraschender war es deshalb, als Ruth Wolf-Rehfeldt wenige Wochen später die ersten direkt an sie adressierten Briefe erhielt, verfasst von Künstlern aus aller Welt, die von ihren Werken hellauf begeistert waren.

Über die Jahre schuf sich Ruth Wolf-Rehfeldt ihr eigenes Netzwerk, das es ihr erlaubte, zumindest im gedanklichen Austausch die Grenzen der DDR zu überschreiten. Im Gegensatz zu anderen Künstlern hatte sie dabei nie Probleme mit dem Ministerium­ für Staatssicherheit. Ihre Werke waren nie offenkundig politisch, die Unzufriedenheit mit dem Leben in der DDR äußerte sich in ihrer Kunst nicht als direkter Protest, sondern als Sehnsucht zwischen den Zeilen – in einem ihrer Typewritings wiederholt sie den Ausdruck "Waiting in Vain", in einem anderen formt sie aus Punkten, Kreisen und Strichen "Cases and Cages", die sie ein Jahrzehnt später als "Cages on the run" zu einer im Laufen festgefrorenen Figur zusammenfügt. Die Werke bedeuteten für sie in sowohl innen- als auch außenpolitisch bedrohlichen Zeiten Ablenkung, Perspektive und Kommunikation.

Mit dem Niedergang des Kommunismus in Osteuropa gegen Ende der 80er-Jahre endete auch die Blütezeit der Mail-Art: Neue Technologien erschienen, alte Zwänge verschwanden, die Kommunikation via Post verlor an Dringlichkeit. Ruth Wolf-Rehfeldt stellte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ihr künstlerisches Schaffen ein. Nach 20 Jahren und weit über 800 Werken schien alles gesagt und alles ausprobiert – von kubistischen Flächen aus Buchstaben über brutalistische Schreibmaschinen-Wohnblöcke bis hin zu chaotischen Über- und Aneinanderreihungen von Sonderzeichen, die wie Vorläufer der vaporwavegeprägten Glitch-Art wirken. "Und dann kam auch noch hinzu, dass ich den Eindruck hatte: Es gibt so viel Kunst, da brauch' ich nicht auch noch welche machen!", sagt die mittlerweile 84-Jährige.

Ihre Kunstwerke und Briefe bewahrte sie trotzdem sorgfältig auf. Lange Jahre lagerten sie gemeinsam mit alten Stempeln und vergilbten Ordnern in einem ebenhölzernen Apothekenschrank in ihrem Haus in Pankow. Während sie Mitglied des Verbands bildender Künstler der DDR gewesen war, hatte sie sich mit ihren Arbeiten gut über Wasser halten können, aber so richtig interessiert an ihrem kleinen Archiv war nach dem Mauerfall kaum jemand.

25 Jahre später wurde die Berliner Galerie Chert, die vor allem internationale zeitgenössische Künstlerinnen vertritt, bei der Recherche für eine Mail-Art-Ausstellung auf sie aufmerksam. Über den späten Erfolg zeigt sich Ruth Wolf-Rehfeldt heute im gleichen Maße erfreut und überrascht – ähnlich wird es den Vertretern von Chert ergangen sein, als Ruth Wolf-Rehfeldt damals mit den Worten "Mail-Art suchen Sie? In die Richtung habe ich auch mal was gemacht" die Türen des alten Apothekerschranks öffnete.   

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