Festival zur Zukunft der Städte

Es geht um alles

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„This is not Detroit“, sagt Bochums Schauspielhaus. Wer hätte das gedacht? Doch der Slogan für das am Wochenende gestartete große Stadt- und Kunstfestival kann auf vielfältige Weise gelesen werden. Am dreitägigen Auftaktwochenende kamen einige Lesarten auf den Tisch, vorgetragen von Künstlergruppen, Stadtaktivisten, Architekten und Wissenschaftler aus drei weiteren europäischen Opelstädten (die Standorte: Ellemere Port/Liverpool, Zaragoza und Gliwice). „Vier europäische Opelstädte auf der Suche nach der Zukunft“, so der Untertitel des Festivals, das in lockerer Folge Vorträge, Workshops und Talkveranstaltungen streuen soll, ehe es von April bis Juli 2014 mit spektakulären Kunstaktionen in der Bochumer City explodieren möchte.

Große Projekte wird es dabei etwa von Ari Benjamin Meyers geben, der nach seinen Erfolgen bei Documenta und Venedig-Biennale (jeweils gemeinsam mit Tino Sehgal) nun alleinverantwortlich agiert, und von Theatererneuerern wie Tim Etchells und Chris Kondek. Die Kooperation des Stadttheaters mit der Nachfolgeorganisation der Kulturhauptstadt 2010, Urbane Künste Ruhr, wird großzügig von der Kulturstiftung des Bundes alimentiert, so dass insgesamt ein recht üppiges Budget von 1,15 Mio. Euro zur Verfügung steht. Die Opel-Krise in Bochum erschließt Kulturförderung. Doch wie es der Intendant des Schauspielhauses, Anselm Weber, sagt: „Wir machen kein Projekt über Opel, wir machen eines über die Zukunft der Städte“.

Doch das alles ist nicht einfach zu kommunizieren: Das bürgerliche Theaterpublikum fragt, was das denn nun mit der bekannten Sprechbühne zu tun haben soll, andere wundern sich, was denn der demnächst arbeitslose Opel-Arbeiter und die Stadt davon haben. Die drei Auftakttage sollten zumindest eine Ahnung vermitteln, wohin die Reise gehen soll – mit Abstrichen gelang das. Ein Bankett versammelte zunächst viele Protagonisten an einigen runden Tischen. Am Bürgermeisterinnen-Tisch trafen sich dabei etwa Bundestagspräsident Norbert Lammert und SPD-Schattenkulturminister und Ruhr.2010-Chef Oliver Scheytt und bastelten unter Anleitung der Stuttgarter Künstlergruppe Umschichten Transformer-Kastanienmännchen. Daneben brachte der erstaunlich lockere Abend Vertreter aus Universität, Kulturinstitutionen der Stadt, Kommunalpolitik und Wirtschaft zusammen und eröffnete erste konzeptionelle Perspektiven. Credo: Es geht um die Stadt, es geht um Shrinking Cities, es geht um alles.

Während der Bundestagspräsident am nächsten Tag noch das Stahl-Monument „Terminal“ von Richard Serra neu-enthüllte, das mit dem Geld der Brost-Stiftung gesäubert wird, ging es einige hundert Meter entfernt im Schauspielhaus zunächst einmal um die europäischen Städte. Dabei trafen große Differenzen auf Parallelen. In der post-kommunistischen polnischen Gesellschaft arbeitet sich „linke“ Kritik anders ab als in der spanischen Totalkrise. Überall wird gleichwohl die ökonomische Abhängigkeit von der Autoindustrie behauptet – geht Opel, dann ist man schnell insolvent, so wie Detroit seit dem 18. Juli 2013. Strategien gegen diese Behauptung kamen einige auf den Tisch, zumeist mikroökonomische Utopien, Selbstermächtigungen oder Netzwerkaktivitäten. Allseits goutiert wurde auch der Beitrag des Detroiter Künstlers Tyree Guyton, der mit seinem „Heidelberg-Project“ seit 27 Jahren um seine Stadt kämpft – mit Joseph Beuys und Rudolf Steiner als Theorie-Waffen. Mit (klein)künstlerischen Aktionen in der Stadt wurde dann für ein wenig Popularisierung gesorgt, ehe die pop-avantgardistische Formation Gustav aus Wien für den Schlusskommentar zu sorgen hatte. Musikalische Stadtkritik mit björkesken Post-Chanson-Sound machte vermutlich allen Beteiligten klar: Das ist nicht Detroit.

Weitere Informationen: www.schauspielhausbochum.de und www.urbanekuensteruhr.de

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