Ausstellungsmacher fordern neuen Umgang mit Beuys

Gebt ihn frei!

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Wieder so ein Fall: Am Dienstagabend sollte eigentlich im Literaturhaus München über die neue Joseph-Beuys-Biografie gestritten werden - doch es fanden sich keine Diskussionspartner. Der Leiter des Hauses, Reinhard Wittmann, hatte Experten gefragt, ob sie im Anschluss an eine Lesung mit dem Autor Hans-Peter Riegel diskutieren wollen. Alle acht Angefragten haben abgesagt. Man wolle nicht mit diesem Biografen sprechen, so der VErdacht von Wittmann, den er in einigen Absagen auch ausdrücklich bestätigt fand.

Das Buch, das vor einigen Wochen erschien, belegt erneut, dass Beuys Teile seines Lebens fiktionalisiert hat. Riegel stellt zudem heraus, dass der 1986 gestorbene Künstler keine klare Haltung zum Nationalsozialismus gefunden habe und Unterstützung durch ehemalige NS-Anhänger annahm.

Der Vorgang in München ist symptomatisch für den Umgang mit Deutschlands wichtigstem Nachkrigeskünstler: Die Diskussion über sein Leben und seine Wirkung findet entweder glühend oder gar nicht statt. Das hat Folgen: "Noch seine Ausstellung 1979 im Guggenheim Museum hat die Menschen hier vor den Kopf gestoßen, sie völlig irritiert. Die Aufregung ist einer Anerkennung gewichen - allerdings nur in einem engen Zirkel. Beuys ist in Amerika sicherlich kein allgemein bekannter Name", sagt Ann Temkin, Chefkuratorin für Malerei und Skulptur am New Yorker Museum of Modern Art.

Sie äußert sich in der Ausgust-Ausgabe von Monopol, die am Donnerstag erscheint, neben anderen Auststellungsmachern wie Jens Hoffmann, Chris Dercon, Massimiliano Gioni und Bettina Paust zur durch Rechts- und Richtungsstreits festgefahrenen Beuys-Rezeption.

Der künftige Direktor der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München, Matthias Mühling, glaubt indes an einen unbefangeneren Umgang durch eine Generation, die Beuys nicht mehr erlebt hat: "Andererseits ist nun alles möglich: dass bestimmte Dinge sichtbar werden, die vorher vielleicht da waren, aber nie angesprochen wurden. Vielleicht wird das Werk auch freier dadurch, dass es ohne die Biografie gelesen werden kann."

Und die Künstlerin Tacita Dean, die sich für einen Film mit dem Darmstädter Werkblock des Künstlers beschäftigte, ergänzt: "Möglicherweise sehen wir deshalb 100 Warhol-Ausstellungen pro Jahr und so wenig von Beuys, weil Warhols Nachlass in den Händen einer Stiftung und nicht seiner Familie liegt."

Monopol darf im aktuellen Heft keine Arbeiten von Joseph Beuys zeigen. "Wir hätten der Bildrechte-Verwertungsgesellschaft, die für den Nachlass des Künstlers tätig ist, für eine Abdruckgenehmigung der Kunstwerke den kompletten Artikel samt Layout vorlegen müssen. Das haben wir aus Gründen journalistischer Unabhängigkeit abgelehnt", sagt Chefredakteur Holger Liebs.

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