Wahrsagerin ohne Wahrheit

Häme für Dalís angebliche Tochter

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Die Ungewissheit ist vorbei: Der wegen einer Vaterschaftsklage aus dem Grab geholte Salvador Dalí hatte doch keine Nachkommen. Die Frau, die behauptet hatte, Tochter des Kunstgenies zu sein, muss nun die Häme eines ganzen Landes ertragen

Salvador Dalí nahm 1989 doch keine Geheimnisse mit ins Grab. Zumindest was seine Kinderlosigkeit angeht. Ein DNA-Abstammungstest ergab jetzt, dass die Spanierin Pilar Abel entgegen ihrer Behauptung nicht die Tochter des legendären spanischen Malers mit dem prominenten Zwirbel-Schnurrbart ist. Die 61-Jährige hatte das Land und die Kunstwelt mit einer Vaterschaftsklage, die von einer Richterin akzeptiert worden war und deshalb vor eineinhalb Monaten auch zur Exhumierung des einbalsamierten Leichnams des Surrealismus-"Vaters" geführt hatte, wochenlang in Atem gehalten.

Die Frau, die als Wahrsagerin unter anderem im spanischen Fernsehen auftrat, steht nun blamiert da. Handelt es sich um eine Hochstaplerin, die an Dalís Millionenerbe wollte? Oder wurde sie von der eigenen Mutter zur landesweiten Lachnummer gemacht? Pilar Abel gibt sich gelassen. "Ich bin weder frustriert noch verbittert noch sonst was", sagte sie kurz nach Bekanntgabe des Testergebnisses in der Nacht zum Donnerstag der Zeitung "La Vanguardia" mit fester, resoluter Stimme. "Ich fühle mich okay. Mein Leben geht weiter."

Sie hofft, dass doch irgendwie ein Irrtum vorliegt. Sie sei vom zuständigen Gericht ja noch nicht benachrichtigt worden. Ihr Anwalt Enrique Blánquez wirft ebenfalls noch nicht das Handtuch und meint, man werde prüfen müssen, ob der Test korrekt und "mit allen Garantien" durchgeführt worden sei. 

Das Ergebnis des Tests wurde von der Stiftung "Fundación Gala - Salvador Dalí" bekanntgegeben. Am 18. September soll dennoch der Prozess stattfinden. Pilar Abel wird als Verliererin die Kosten tragen müssen. Die geplanten Memoiren, die sie zusammen mit einer Schriftstellerin schreiben wollte, werden wohl in der Schublade bleiben. Im Netz wird sie als "Lügnerin" und Schlimmeres heftig attackiert. Viele vermuten, dass die Mutter von vier Töchtern es auf den millionenschweren Pflichterbteil abgesehen habe.

Sein Vermögen und die Rechte auf seine Werke hinterließ Dalí, dessen Ehe mit Gala (1894-1982) kinderlos geblieben war, dem spanischen Staat und der Stiftung. "Mir ist das Geld egal", hatte Pilar Abel, die sich mal mit platinblond, mal mit tiefschwarz gefärbten Haaren präsentiert, immer wieder betont.

Die Frau aus Figueres - dem katalanischen Geburts- und Sterbeort Dalís - hatte unter anderem in Medien steif und fest behauptet, sie sei hundertprozentig sicher, dass sie Tochter von Dalí sei. Das wollte "Jasmine" - so lautet ihr Künstlername - aber nicht durchs Kartenlegen, sondern von der eigenen Mutter erfahren haben. Mama Antonia habe Mitte der 50er-Jahre als Angestellte im Haus einer Familie gearbeitet, bei der Dalí damals zeitweilig gewohnt habe. Die beiden hätten eine heimliche Liebesbeziehung unterhalten. Antonia ist 86 und lebt noch, leidet aber seit Jahren an Demenz.

Dass Pilar Abel die Exhumierung durchgesetzt und somit Dalís letzte Ruhe gestört hatte, hatte sehr viele Spanier empört. Gerichtsmediziner Narcís Bardalet, der Dalí seinerzeit einbalsamierte und an der Exhumierung teilnahm, sagte, er sei "erschüttert" gewesen, als dem Leichnam Haare sowie Proben von Nägeln und Knochen entnommen wurden. Er sei immer felsenfest davon überzeugt gewesen, dass Dalí keine Kinder gehabt habe, weil er "medizinische Informationen" habe, die aber "vertraulich" seien, betonte er jetzt. Mehr wolle er allenfalls nach dem Prozess erzählen. Der Maler, der unter anderem auch eine enge längere Beziehung zur damaligen Disco-Queen Amanda Lear unterhielt, hatte oft behauptet, impotent zu sein.

Dalí starb am 23. Januar 1989 mit 84 Jahren an Herzversagen und wurde auf eigenen Wunsch in der Krypta seines "Theater-Museum Dalí" in Figueres beigesetzt. Rund 60 000 Menschen erwiesen dem eitlen Exzentriker damals die letzte Ehre. Knapp drei Jahrzehnte später fand dort in Figueres am Abend des 20. Juli unweit der Grenze zu Frankreich das statt, was die Renommierzeitung "El País" als "Happening post mortem" im besten Stile Dalís bezeichnete.

Als die eineinhalb Tonnen schwere Marmorplatte auf der Totengruft gehoben wurde, wurde eine Frage schnell geklärt: Ja, das berühmte Bärtchen ist noch intakt, wie die wenigen Anwesenden - darunter Forensiker Bardalet - bestätigten. Die Exhumierung des Malers, Bildhauers, Schriftstellers und Graphikers zog Schaulustige und Journalisten aus aller Welt an. Augenzeugen sprachen von einem "surrealen Spektakel". Die entnommenen Proben sollen nun bald zurück ins Grab. Man sei froh, dass die "absurde" Geschichte zu Ende sei, teilte die Dalí-Stiftung jetzt mit. Von Frau Abel will man die Übernahme der entstandenen Exhumierungskosten einklagen.

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