Satiriker Böhmermann im Interview

"Wir verkaufen Gold als Scheiße"

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Im Düsseldorfer NRW-Forum hat der Fernsehsatiriker Jan Böhmermann mit seinem Team von der Bildundtonfabrik (btf) seine erste Ausstellung eingerichtet. Es geht um ein Land, in dem etwas durcheinander geraten ist, wie schon der Titel zeigt: "Deuscthland"

Herr Böhmermann, was unterscheidet den Ausstellungsraum von einer Fernsehshow?
Jan Böhmermann: Ich sage es mal so: Wenn man normalerweise versucht, im Schwimmbad Bahnen zu ziehen, dann ist eine Ausstellung ein Sprung ins Mittelmeer. Es ist auch schwimmen, aber anders.

Weil sie mehr Freiheit im NRW-Forum haben als beim ZDF?
Wir haben auch sonst extreme Freiheiten, stoßen aber an redaktionelle Grenzen. Da müssen wir immer einen Arbeitgeber mitdenken, der andere Vorstellungen hat als wir von dem, was richtig und falsch ist.

Ihre Ausstellung heißt "Deuscthland". Schon der Titel sorgt für Verwirrung.
Das "T" ist nach rechts gerückt. Irgendetwas ist durcheinander. Oder ist etwas durcheinander? Man kann es trotzdem Deutschland aussprechen und Ausländer werden es wahrscheinlich nicht merken. Der Hashtag hat sich durch die Autovervollständigung in die Twitter-Maschine eingebrannt. Vielleicht wird er von professionellen Politikern verwendet, ohne dass sie merken, dass es "Deuscthland" heißt. Wir hoffen, dass die Ausstellung durch solche Sachen an dem teilnimmt, was draußen passiert.

Worum geht es in "Deuscthland"?
Wir arbeiten natürlich hart an der Gegenwart. Gegenwart, das ist ein Wort, das man sich im Kunstbetrieb immer um die Ohren haut, habe ich gehört. Ich mache nichts anderes als seit Jahren rund um die Uhr im Internet hängen und alles lesen, was ich lesen kann. Das ist mein Job, und daraus bauen mein Team und ich die Sendung. Ab und zu fällt links und rechts etwas herunter, das sich in einer Fernsehsendung nicht umsetzen lässt. Wir verkaufen Gold als Scheiße. Das ist unsere Art, Sachen zu machen. Dass es keine Scheiße ist, merken die Leute aber erst, wenn es zu spät ist, wenn sie es geschluckt haben.

Haben Sie sich für Ihre erste Ausstellung beraten lassen?
Sie meinen von Leuten, die sich damit auskennen, die akademisch abgesichert sagen können: Das ist Kunst? Nein, wir sind komplette Laien und wissen eigentlich nicht, was wir machen. Das ist beim Fernsehen auch nicht anders. Wir haben noch nie mit Profis gearbeitet und versuchen, das zu vermeiden.

Am Eingang müssen die Besucher ihren Personalausweis vorzeigen. Dann werden sie sortiert nach Deutschen und Ausländern, und das Handy muss man auch abgeben werden ...
... dafür sind 250 Fächer vorgesehen. Wenn die voll sind, ist auch der Ausstellungsraum voll, das haben wir vorher ausgerechnet. Es gibt eine Obergrenze.

Und was passiert, wenn mehr Menschen rein wollen?
Dann atmet die Obergrenze.

Sie stellen in einer Vitrine die Wanderbekleidung von Angela Merkel aus. Lässt sich der Zustand der Berliner Republik an einer beigen Hose und einem karierten Hemd ablesen?
Diese Wanderkleidung finde ich ganz schön, weil sie zum ersten Mal diese Form von Macht, mit der wir seit zwölf Jahren konfrontiert sind, greifbar macht. Die Leute sollen dieses Exponat ruhig anfassen, um ein bisschen Tuchfühlung aufzunehmen. Die Kanzlerin ist ja so wenig fassbar. Rhetorisch bist du eigentlich nach dem zweiten Satz komplett ausgestiegen und hast gar keine Lust mehr zuzuhören. Da ist es zumindest tröstlich, dass man den Stoff anfassen kann.

Wie würden Sie die Jahre unter Angela Merkel beschreiben?
Leben unter Merkel, das ist ein beiger Zustand. Es ist wie ein Wetter, bei dem man nicht weiß, woran man ist. Ist das jetzt gut, ist es schlecht? Man traut sich ja nicht zu sagen, will ich, dass es endet, oder hoffe ich, dass es weitergeht. Man weiß nicht genau, ob es einem egal sein darf oder ob es einem egal sein sollte. Und ich glaube, darin liegt die Gefahr. Deshalb hat es auch so viel Spaß gemacht, sich eine Ausstellung auszudenken, die versucht, mit diesem Nebel umzugehen.

Eine Ausstellung, die die Besucher aktiviert, mitzumachen.
Verbotsschilder gibt es nicht, alles ist möglich. Nur klauen sollte man möglichst nichts. Das ist die einzige Regel, die wir voraussetzen. Es gibt zum Beispiel einen Automaten, mit dem man aktiv am öffentlichen Diskurs teilnehmen kann – wenn man sich traut. Wer keine Reichweite und keine Öffentlichkeit für seine Meinung hat, kann in eine der vier Kabinen gehen und sich per Knopfdruck zwischen zwei Wahlmöglichkeiten entscheiden, zum Beispiel Israel oder Palästina, Westen oder Osten, Kind oder Karriere. Wenn Sie drücken, wird ein Foto ihres Gesichts gemacht, das dann zusammen mit der Meinung in unsere sozialen Medienkanäle eingespeist wird. Per Zufallsgenerator erreichen sie eine Reichweite von vier Millionen.

Ein Verbotsschild gibt es in der Ausstellung allerdings doch: Keine Fotos, weshalb ja auch das Handy abgegeben werden muss. Warum?
Man kann die Exponate nicht fotografieren, ohne 90 Prozent von dem wegzugeben, was sie sein sollen. Das ist totaler Quatsch.

Sie selbst haben mal eine kostenpflichtige Abmahnung bekommen, weil sie auf Twitter ein Bild gepostet haben, ohne den Fotografen vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.
Ja, weil ich das Urheberrecht verletzt habe. Ich sehe das aber nicht so. Die Schöpfungshöhe eines Fotos ist nicht mehr zeitgemäß bewertet. Das muss sich ändern. Ein Foto ist nichts mehr wert.

Aber ist es dann nicht widersprüchlich, das Fotografieren in der eigenen Ausstellung zu verbieten?
Da geht es nicht ums Urheberrecht. Es geht darum, dass die Leute gesunden Menschenverstand beweisen müssen. Man macht auch nicht mit dem Autoschlüssel einen Kratzer in Michael Mittermeiers Porsche. Das ist einfach gehässig.

Ziemlich schräger Vergleich.
Wieso? Es geht darum, Sachen kaputt zu machen, die andere Leute aufbauen. Das geht nicht. Erst recht nicht, wenn die Regeln klar sind. Fotos sind nicht erwünscht.

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