20.11.2011 - 03.03.2012
Helmut Dorner - "Flussstück mit Blumen"
"Eine Ausstellung der Veränderung in 40 Büchern 2009-2011
Im Gestöber entgrenzter und vernetzter Ästhetiken, welche um die Jahrtausendwende an globaler Intensität gewannen, konnte es scheinen, als sei Helmut Dorners Kunst ein wenig zu still geworden für diese Welt. Das Gesums utopischen Aufbruchs entzündete sich an Visionen allumfassender Kommunikation und Hybridisierung der für Dorner typische konzentrierte Dialog zwischen Künstler und Bild indes, seine Exkursionen durch den Binnendschungel von Farben, Formen, Materialien, die Absenz des explizit Politischen, aber auch des demonstrativ Dekorativen, mochte da Manchem als aus der Zeit gefallen erscheinen, als Residuum einer puristischen Kunst, die nur sich selbst verpflichtet ist.
Die jüngsten Zeichen stehen auf Artistic Research integrative, adaptive, nutzbringende Kunst als flexibler Joker in den ökonomischen, wissenschaftlichen und politischen Wertschöpfungsketten. Das "Nicht-Identische" der Bildenden Kunst als "Statthalter der nicht länger vom Tausch verunstalteten Dinge" (T. W. Adorno), macht sich da schnell der Mehrzweckverweigerung verdächtig, des Anscheins snobistischer "Kunst-als-Kunst".
Helmut Dorners neue Zeichnungen bei Kadel-Willborn können jedoch als Indiz dafür gewertet werden, dass es heute gerade die vermeintliche "Kunst-als-Kunst" ist, die aufs Neue ein produktives, kritisches Eigenleben entfaltet. Die Ausstellung "The Table - The Waves - Flussstück" zeigt 40 eigens für die Ausstellung gebundene
Bücher mit etwa 1065 Buntstiftzeichnungen, platziert auf schmalen Wandkonsolen und knöchelhohen Tischen auf dem Fußboden der Galerie, wo die Seiten der aufgeschlagenen Bände an die Wellen eines Flusses erinnern. Ihre buntscheckigen Gischtkronen bilden mal minimalistische, mal opulente, mal gestische, mal geometrische Farbstimmungen; Impressionen und Improvisationen, die sich vom konkreten Eindruck gelöst haben und selbst konkreter Eindruck geworden sind. Von Zeit zu Zeit werden Wortfetzen nach oben gespült, ironische Kommentare, die den Anschein abstrakter Entrücktheit konterkarieren. Was lässt diese in sich ruhenden, in sich bewegten Arbeiten so frisch und widerständig erscheinen, wo sie doch zunächst Assoziationen an den Serialismus der Klassische Moderne
einerseits, den anfänglichen Purismus der documenta - Moderne andererseits wecken mögen?
Die Antwort ist dialektischer Natur. Kein Artefakt, kein Kunstwerk ist evident in seiner Wirkung. Gerade weil die sich selbst verpflichtete Kunst kein Leitmedium mehr ist, ist sie in der Lage, neue Bedeutungsfacetten zu entfalten. So zeichnen sich Dorners Arbeiten im Lichte einer zunehmend synchronisierten und integrierten Gegenwartskultur durch das Beharren auf dem Primat des Weltverhältnisses des Einzelnen aus, der seine innere und äußere Umgebung inmitten dichter werdender (Ein)Bindungen weiterhin als Einzelner wahrnimmt und interpretiert. Dabei ist er weniger dem Mythos des autonomen Individuums oder dem Vexierbild des außerhalb der Kunstgeschichte schaffenden Künstlers verpflichtet, als vielmehr der Intuition, dass auch in Zeiten neuer Kollektivsingulare wie "Globalisierung" der Einzelne als sinnliches Wesen an spezifischen Orten lebt, in spezifischen Witterungen, unter spezifischen Lichtverhältnissen, mit spezifischen biographischen Prägungen, geleitet von spezifischem Wissen, die nie vollständig von anonymeren Kontexten absorbiert werden können letztere sind ohnehin der Latenz der Individualität eingepreist. Erneut mit Adorno gesprochen: "Im ästhetischen Fürsichsein steckt das von kollektiv Fortgeschrittenem Jede Idiosynkrasie lebt, vermöge ihres mimetisch vorindividuellen Moments, von ihrer selbst unbewußten kollektiven Kräften."
Vor einem solchen Hintergrund entstanden und entstehen Dorners Zeichnungen, die mit dem Label "abstrakt" nur unzureichend beschrieben wären. Vielmehr begegnet uns in Dorner ein genuiner Phänomenologe. Es geht ihm um den als Prozess verstandenen Weg zu "den Sachen selbst" (Edmund Husserl), doch existieren diese, so das fruchtbare Paradoxon aller Spielarten der Phänomenologie, eben nur als Erscheinungen für das Subjekt und dessen (memoriale) Lebenswelt. In dieser Welt spielen auch jene Marginalien eine Rolle, die - global gesehen - keine Bedeutung haben. Eine flüchtige Erinnerung aus der Kindheit an die spiegelnde Wasseroberfläche eines Flusses. Der gleichzeitige, immerfort wechselhafte Lichteinfall durch das Atelierfenster. Die Konvergenz von innerem und äußerem Bild im offenen, letztlich unabschließbaren Prozess des Gestaltens.
Dorners Serie kann dahingehend als durchaus trotziger Versuch einer zeichnerisch sich artikulierenden Primärerfahrung verstanden werden, deren hoher Abstrahierungsgrad eine Brandmauer gegen vorschnelle Identifikationsangebote bildet. Genau deshalb entwickelt sie im kontextverliebten Kontext ihrer Zeit eine implizit zeitkritische Dimension, gelten Primärerfahrungen doch als Ding der Unmöglichkeit. Wenn Kunst aber eine Freiheit kennt, dann die des "Trotzdems". Dorner selbst sieht die Freiheit des Künstlers folglich nicht als Freiheit des Souveräns: "Die Freiheit des Künstlers ist die Freiheit einer
Ratte im Kanal." -Jörg Scheller
(Quelle: Pressemitteilung Galerie Kadel Willborn)
Hirschstrasse 45
76133 Karlsruhe
Tel: +49 (0) 721 / 467 28 01
Fax: +49 (0) 721 / 467 28 00
Web: http://www.kadel-willborn.de
Öffnungszeiten
Mi - Fr 12 - 18 Uhr
Sa 11 - 14 Uhr

