31.03.2012 - 17.06.2012
"Töten"
"Killerspiele, Amokläufe, Ehrenmorde, Kindstötungen, Lustmorde, Selbstmorde, politische Morde, Völkermorde, Selbstmordattentäter, Terroranschläge, Kriege und Bürgerkriege, Töten von Zivilisten, getötete Soldaten, vom Töten traumatisierte Soldaten: Das Töten scheint in unserer medialisierten Welt allgegenwärtig geworden. Doch warum spiegelt sich dies kaum in der Wahrnehmung unserer Zeit? Warum gibt es keinen Diskurs über das Töten?
Die Ausstellung versucht diesen Widerspruch zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit zu untersuchen.
Mit dieser Ausstellung wollen wir einen Beitrag zur öffentlichen Auseinandersetzung mit einem präsenten, aber doch tabuisierten Thema leisten. Bei der Konzeption wurden daher ganz bewusst auf spektakuläre Inszenierungen, die auf Schock- und Gruseleffekte abzielen, verzichtet. Dennoch sind manche Arbeiten in der Drastik der Darstellung oder im Ausdruck ihrer künstlerischen Analyse sehr eindringlich.
Verbindendes Element aller künstlerischen Arbeiten ist die Frage, welche Relevanz dem künstlerischen Bild angesichts der medialen Bilderflut noch zukommt. Denn alles, was wir vom Krieg und vom Akt des Tötens zu wissen glauben, sind durch die Medien vermittelte Bilder. Auch wenn das Vertrauen in die Authentizität der medialen Bilderwelt längst erschüttert wurde, bleibt nur das wirklich und wahr, was bildhaft Eingang in das mediale Gedächtnis unserer Zeit gefunden hat.
Die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung entwickeln aus dieser Herausforderung der medialen Bilderflut sehr unterschiedliche Strategien. Manche Künstler reagieren mit dem radikalen Entzug von Bildern. Demgegenüber stehen künstlerische Arbeiten, die sehr explizit das Töten darstellen, um ein bildliches Zeugnis zu erschaffen.
Den Auftakt zur Ausstellung bilden Fotografien von Simon Menner und Taryn Simon, die sich sowohl mit der Opfer- wie auch der Täterperspektive des Tötens auseinandersetzen.
Die Fotografie Zahra/Fahra von Taryn Simon ist als Schlussszene für Brian de Palmas Spielfilm Redacted entstanden. Der Film basiert auf der wahren Geschichte des irakischen Mädchens Abeer Qasim Hamza, die, während sie vergewaltigt wurde, mit ansehen musste, wie amerikanische Soldaten ihre Mutter, Schwester und ihren Vater ermordeten. Nach der Tat wurde sie erschossen, ihr Körper mit Benzin übergossen und in Brand gesetzt. Gespielt wird die Rolle der Fahra von der irakischen Schauspielerin Zahra Zubaidi, die sich derzeit um politisches Asyl in den USA bemüht. Seit der Veröffentlichung des Films hat sie Todesdrohungen von Familienmitgliedern erhalten, die den Film als pornografisch betrachten.
Auch in Jenny Holzers Arbeit Lustmord steht die Gewalt gegenüber Frauen im Zentrum. Auf einem Holztisch liegen, nach Größe und Form geordnet, menschliche Knochen und Zähne, die Assoziationen an Massengräber wecken. Eingefasst sind diese von Silberringen, in die Wortfetzen und Sätze eingraviert sind, die in Ichform von sexueller Gewalt und Mord aus der Sicht von Tätern, Opfern und Beobachtern berichten. Anlass für die Entstehung der Arbeit war die massive Gewalt gegenüber Frauen während des Jugoslawienkrieges, die jedoch nur beispielhaft für das noch immer aktuelle Thema des Lustmords steht. Im Gegensatz zu Taryn Simon tritt die bildhafte Darstellung des Tötens bei Jenny Holzer in den Hintergrund. Im Mittelpunkt befindet sich der Text, der erst durch das Lesen des Betrachters lebendig wird.
Die iranische Künstlerin Parastou Forouhar setzt sich in ihrer Arbeit mit extremer staatlicher Gewalt, Folter und Mord auseinander. Die ornamental wirkende Tapete, die mit farbenfrohen Schmetterlingen überzogen ist, offenbart erst bei genauerer Betrachtung eine brutale Grausamkeit.
Den bildhaften Darstellungen des Tötens stehen in der Ausstellung künstlerische Arbeiten gegenüber, die mit einem radikalen Bildentzug antworten. Kitty Kraus verzichtet in ihrer seit 2006 fortschreitenden Installation Dekaputkapitalisation auf die Darstellung von Guillotinierungen.
Auch bei Milica Tomic tritt die bildhafte Darstellung des Tötens in den Hintergrund. Die Künstlerin dokumentiert mit Texten, Textverweisen und einer Zeitleiste ihre seit über zehn Jahre andauernde Arbeit Container. In diesem Projekt rekonstruiert sie einen brutalen Massenmord aus dem Jahr 2001 in Nordafghanistan, bei dem Tausende Taliban-Gefangene von Soldaten der Nordallianz in einem Container, in dem sonst Waren befördert werden, gefangen gehalten und mehrere Tage durch die Wüste transportiert wurden. Als die Gefangenen nach Wasser und Luft verlangten, schossen die Soldaten Löcher in den Container. Die Überlebenden wurden ermordet und in Massengräbern vergraben.
Anri Salas Film Nocturnes porträtiert zwei Männer, deren Lebensgeschichte und Charakter auf den ersten Blick sehr unterschiedlich erscheinen. Jacques ist ein fanatischer Fischsammler, der zurückgezogen in seiner Wohnung mit Aquarien lebt. Sehr detailliert erzählt er von den Fischen, ihren Vorlieben, ihrem Verhalten in der Gruppe und gegenüber fremden Menschen. Denis ist ein junger, französischer Soldat, der sehr offen von den traumatischen Erlebnissen des Krieges berichtet und sich nach seiner Rückkehr nach Frankreich in die virtuelle Welt eines Kriegscomputerspiels flüchtet.
Auch Bjørn Melhus reagiert auf die mediale Bilderflut mit einem radikalen Bilderentzug. So ordnet der Künstler in seiner Installation Still Men out there 18 Monitore wie drei große Blüten auf dem Boden an. Die Bildschirmflächen weisen nach oben und über Lautsprecher sind Auszüge aus verschiedenen Kriegsfilmen, z.B. Black Hawk Down, zu hören. Der Betrachter, der sich zwischen den Monitoren durch den verdunkelten Raum bewegt, steht mitten im Geschehen: Kugeln fliegen durch den Raum, treffen hörbar auf zusammensackende Körper und Explosionen lassen das Chaos der Kriegshandlungen erahnen.
Wie stark virtuelle und reale Welten ineinander übergehen und wie schwer eine eindeutige Unterscheidung ist, zeigen Eva und Franco Mattes in ihrer Videoarbeit No Fun. Eine Woche performte Franco Mattes für mehrere Stunden einen Suizid auf der Internetplattform Chatroulette und ließ sich per Zufallsprinzip mit anderen Chattern per Videocam verbinden. Die Reaktionen der User variierten sehr stark: Manche waren geschockt, andere schrieben zynische Kommentare oder klickten einfach weiter. Lediglich eine Person meldete sich bei der Polizei in der Hoffnung, den vermeintlichen Selbstmörder noch retten zu können.
Adressen unmöglicher Orte nennt Yves Netzhammer seine Videoinstallation. In den Animationen wie auch in den Rauminstallationen verlieren Figuren und Gegenstände ihre Verortung. Sie zerbrechen, schweben durch den Raum, lösen sich auf. Bildzeichen, voller gesellschaftlicher Aktualität verdichten sich zu poetisch schönen und zugleich alptraumartig erschreckenden Szenerien.
Zum Abschluss der Ausstellung wird der Betrachter durch Michal Kosakowskis Videoinstallation Zero killed mit seinen ganz persönlichen Mordfantasien konfrontiert. Seit 1996 hat der Künstler Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen zu ihren Mordfantasien interviewt und ihnen die Möglichkeit gegeben, diese in Kurzfilmen zu inszenieren. Die einzige Bedingung war, dass die Protagonisten selbst in diesen Filmen mitwirkten, entweder als Opfer oder als Täter.
(Quelle: Pressetext Kunstpalais Erlangen)

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