31.03.2012 - 17.06.2012

"Töten"

Mit Werken von Jenny Holzer, Parastou Forouhar, Michal Kosakowski, Kitty Kraus, Eva & Franco Mattes, Bjørn Melhus, Simon Menner, Yves Netzhammer, Anri Sala, Taryn Simon, Milica Tomic

"Killerspiele, Amokläufe, Ehrenmorde, Kindstötungen, Lustmorde, Selbstmorde, politische Morde, Völkermorde, Selbstmordattentäter, Terroranschläge, Kriege und Bürgerkriege, Töten von Zivilisten, getötete Soldaten, vom Töten traumatisierte Soldaten: Das Töten scheint in unserer medialisierten Welt allgegenwärtig geworden. Doch warum spiegelt sich dies kaum in der Wahrnehmung unserer Zeit? Warum gibt es keinen Diskurs über das Töten?

Die Ausstellung versucht diesen Widerspruch zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit zu untersuchen.

Sie analysiert die aktuellen Ausdrucksformen des Tötens in der zeitgenössischen Kunst, ihre Rezeption des Unaussprechlichen, Unvorstellbaren, Tabuisierten. Denn wenn das Töten scheinbar allgegenwärtig ist, wird seine Gewärtigung zwingend. Die elf international renommierten Künstlerinnen und Künstler verarbeiten die Täter- wie auch die Opferperspektive, sie reflektieren das Töten als physischen Akt und als psychische Phantasie, sie schaffen ein unmittelbares Bild vom Töten oder entwickeln abstrakte Tatanalysen. Sie loten gesellschaftliche Strukturen oder auch individuelle Abgründe aus und spiegeln deren mediale Präsenz. Im Obergeschoss des Kunstpalais thematisieren Künstler die Rezeption von Kriegen und politischen Morden und im Untergeschoss reflektieren sie die medialen Inszenierungen des Tötens.

Mit dieser Ausstellung wollen wir einen Beitrag zur öffentlichen Auseinandersetzung mit einem präsenten, aber doch tabuisierten Thema leisten. Bei der Konzeption wurden daher ganz bewusst auf spektakuläre Inszenierungen, die auf Schock- und Gruseleffekte abzielen, verzichtet. Dennoch sind manche Arbeiten in der Drastik der Darstellung oder im Ausdruck ihrer künstlerischen Analyse sehr eindringlich.

Verbindendes Element aller künstlerischen Arbeiten ist die Frage, welche Relevanz dem künstlerischen Bild angesichts der medialen Bilderflut noch zukommt. Denn alles, was wir vom Krieg und vom Akt des Tötens zu wissen glauben, sind durch die Medien vermittelte Bilder. Auch wenn das Vertrauen in die Authentizität der medialen Bilderwelt längst erschüttert wurde, bleibt nur das wirklich und wahr, was bildhaft Eingang in das mediale Gedächtnis unserer Zeit gefunden hat.

Die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung entwickeln aus dieser Herausforderung der medialen Bilderflut sehr unterschiedliche Strategien. Manche Künstler reagieren mit dem radikalen Entzug von Bildern. Demgegenüber stehen künstlerische Arbeiten, die sehr explizit das Töten darstellen, um ein bildliches Zeugnis zu erschaffen.

Den Auftakt zur Ausstellung bilden Fotografien von Simon Menner und Taryn Simon, die sich sowohl mit der Opfer- wie auch der Täterperspektive des Tötens auseinandersetzen.

Für die Serie Spies, Serial Killers and Terrorists verwendet Simon Menner Schwarz-Weiß-Fotografien von Spionen, Serienmördern und Terroristen in je gleicher Anzahl. Diese können als Täter mit dem Töten indirekt oder direkt in Verbindung gebracht werden. Die jeweilige Identität der Männer bleibt jedoch offen, wird nicht aufgelöst und der Betrachter ist gezwungen seine eigenen Kategorisierungen und Vorstellungen zu hinterfragen: Wie sieht ein Terrorist, ein Mörder oder ein Spion aus?
Simon Menner konfrontiert den Betrachter so mit der grundlegenden Angst, dass in unseren Gesellschaften Individuen existieren, die eine Gefahr für unsere eigene Sicherheit oder die der Gesellschaft darstellen können, ohne dass diese Personen identifizierbar wären.

Die Fotografie Zahra/Fahra von Taryn Simon ist als Schlussszene für Brian de Palmas Spielfilm Redacted entstanden. Der Film basiert auf der wahren Geschichte des irakischen Mädchens Abeer Qasim Hamza, die, während sie vergewaltigt wurde, mit ansehen musste, wie amerikanische Soldaten ihre Mutter, Schwester und ihren Vater ermordeten. Nach der Tat wurde sie erschossen, ihr Körper mit Benzin übergossen und in Brand gesetzt. Gespielt wird die Rolle der Fahra von der irakischen Schauspielerin Zahra Zubaidi, die sich derzeit um politisches Asyl in den USA bemüht. Seit der Veröffentlichung des Films hat sie Todesdrohungen von Familienmitgliedern erhalten, die den Film als pornografisch betrachten.

Taryn Simon schafft durch die Re-Inszenierung ein eigenes Bild der Tat und des Opfers, für die es sonst kein bildliches Zeugnis gegeben hätte. Wie der Titel der Arbeit bereits deutlich macht, steht im Zentrum nicht nur das individuelle Schicksal des irakischen Mädchens – sondern generell das Thema Gewalt gegen Frauen. Um dies zu erreichen, entleert die Künstlerin den Ort des Geschehens von allem Spezifischen. Durch die Verallgemeinerung findet eine Deterritorialisierung statt: Das Bild wird zur ortlosen Ikone.

Auch in Jenny Holzers Arbeit Lustmord steht die Gewalt gegenüber Frauen im Zentrum. Auf einem Holztisch liegen, nach Größe und Form geordnet, menschliche Knochen und Zähne, die Assoziationen an Massengräber wecken. Eingefasst sind diese von Silberringen, in die Wortfetzen und Sätze eingraviert sind, die in Ichform von sexueller Gewalt und Mord aus der Sicht von Tätern, Opfern und Beobachtern berichten. Anlass für die Entstehung der Arbeit war die massive Gewalt gegenüber Frauen während des Jugoslawienkrieges, die jedoch nur beispielhaft für das noch immer aktuelle Thema des Lustmords steht. Im Gegensatz zu Taryn Simon tritt die bildhafte Darstellung des Tötens bei Jenny Holzer in den Hintergrund. Im Mittelpunkt befindet sich der Text, der erst durch das Lesen des Betrachters lebendig wird.

Die iranische Künstlerin Parastou Forouhar setzt sich in ihrer Arbeit mit extremer staatlicher Gewalt, Folter und Mord auseinander. Die ornamental wirkende Tapete, die mit farbenfrohen Schmetterlingen überzogen ist, offenbart erst bei genauerer Betrachtung eine brutale Grausamkeit. 

Die Schmetterlinge setzen sich aus scheinbar unendlich wiederholten Folter- und Mordszenen zusammen. Parastou Forouhar thematisiert so die Brutalität autoritärer Regime, von denen sie selbst persönlich betroffen ist. Ihre Eltern, wichtige iranische Oppositionspolitiker, wurden 1998 in ihrem Haus in Teheran ermordet. Die wahren Mörder sind jedoch bis heute nicht angeklagt worden. Doch auch hier ist das individuelle Schicksal nur der Ausgangspunkt, die abstrahierten Folter- und Mordszenen sind als allgemeingültige Anklage gegen staatliche Folter und Mord zu verstehen.

Den bildhaften Darstellungen des Tötens stehen in der Ausstellung künstlerische Arbeiten gegenüber, die mit einem radikalen Bildentzug antworten. Kitty Kraus verzichtet in ihrer seit 2006 fortschreitenden Installation Dekaputkapitalisation auf die Darstellung von Guillotinierungen.

Stattdessen sammelt sie Texte, tippt sie in ihren Computer und druckt sie aus, bis leere Tintenpatronen dem Textfluss ein Ende setzen. Die formale Homogenität des Textkörpers ist bei näherer Betrachtung aus verschiedenen historischen, juristischen, medizinischen Quellen zusammengesetzt, die sich mit der etymologischen und historischen Verbindung von Kapital und Kaput auseinandersetzen.

Auch bei Milica Tomic tritt die bildhafte Darstellung des Tötens in den Hintergrund. Die Künstlerin dokumentiert mit Texten, Textverweisen und einer Zeitleiste ihre seit über zehn Jahre andauernde Arbeit Container. In diesem Projekt rekonstruiert sie einen brutalen Massenmord aus dem Jahr 2001 in Nordafghanistan, bei dem Tausende Taliban-Gefangene von Soldaten der Nordallianz in einem Container, in dem sonst Waren befördert werden, gefangen gehalten und mehrere Tage durch die Wüste transportiert wurden. Als die Gefangenen nach Wasser und Luft verlangten, schossen die Soldaten Löcher in den Container. Die Überlebenden wurden ermordet und in Massengräbern vergraben.

Anri Salas Film Nocturnes porträtiert zwei Männer, deren Lebensgeschichte und Charakter auf den ersten Blick sehr unterschiedlich erscheinen. Jacques ist ein fanatischer Fischsammler, der zurückgezogen in seiner Wohnung mit Aquarien lebt. Sehr detailliert erzählt er von den Fischen, ihren Vorlieben, ihrem Verhalten in der Gruppe und gegenüber fremden Menschen. Denis ist ein junger, französischer Soldat, der sehr offen von den traumatischen Erlebnissen des Krieges berichtet und sich nach seiner Rückkehr nach Frankreich in die virtuelle Welt eines Kriegscomputerspiels flüchtet.

Beide Geschichten werden parallel erzählt und lassen so Gemeinsamkeiten erkennen, indem die Porträtierten über Einsamkeit und gesellschaftliche Abgründe sprechen. Jacques, der nur über seine Fische kommunizieren kann, berichtet von einem neuen Fisch, der behutsam zu den restlichen Fischen ins Aquarium gesetzt werden muss, damit diese ihn nicht sofort auffressen. Denis spricht sehr detailliert über die Brutalität des Krieges und den Moment, in dem er gezwungen war, Menschen zu töten.

Auch Bjørn Melhus reagiert auf die mediale Bilderflut mit einem radikalen Bilderentzug. So ordnet der Künstler in seiner Installation Still Men out there 18 Monitore wie drei große Blüten auf dem Boden an. Die Bildschirmflächen weisen nach oben und über Lautsprecher sind Auszüge aus verschiedenen Kriegsfilmen, z.B. Black Hawk Down, zu hören. Der Betrachter, der sich zwischen den Monitoren durch den verdunkelten Raum bewegt, steht mitten im Geschehen: Kugeln fliegen durch den Raum, treffen hörbar auf zusammensackende Körper und Explosionen lassen das Chaos der Kriegshandlungen erahnen.

Übertragen wird die Soundcollage in eine abstrakte Farbinstallation: Die monochrom aufleuchtenden Bildschirme tauchen den Raum in farbiges Licht. Melhus entrückt die Bilder des Geschehens in einen synästhetischen Erfahrungsraum – und überlässt es dem Betrachter, sich die Gewaltexzesse der Hollywood-Schlachten zu vergegenwärtigen.
Durch die deutliche Choreografie von Licht, Sound und Texten, die mit pathetischem Patriotismus gespickt sind, stellt Melhus den Betrachter in das Spannungsfeld zwischen emotionaler Manipulation und distanzierender Bewusstwerdung dieser Manipulation, zwischen Täuschung und Entlarvung.

Wie stark virtuelle und reale Welten ineinander übergehen und wie schwer eine eindeutige Unterscheidung ist, zeigen Eva und Franco Mattes in ihrer Videoarbeit No Fun. Eine Woche performte Franco Mattes für mehrere Stunden einen Suizid auf der Internetplattform Chatroulette und ließ sich per Zufallsprinzip mit anderen Chattern per Videocam verbinden. Die Reaktionen der User variierten sehr stark: Manche waren geschockt, andere schrieben zynische Kommentare oder klickten einfach weiter. Lediglich eine Person meldete sich bei der Polizei in der Hoffnung, den vermeintlichen Selbstmörder noch retten zu können.

Adressen unmöglicher Orte nennt Yves Netzhammer seine Videoinstallation. In den Animationen wie auch in den Rauminstallationen verlieren Figuren und Gegenstände ihre Verortung. Sie zerbrechen, schweben durch den Raum, lösen sich auf. Bildzeichen, voller gesellschaftlicher Aktualität verdichten sich zu poetisch schönen und zugleich alptraumartig erschreckenden Szenerien.

Diese handeln von ganz grundlegenden existentiellen Themen, von Einsamkeit, Krankheit, Brutalität und Mord. KZ-Häftlinge werden misshandelt, Menschen von Panzern überrollt oder gesteinigt. Die Täter sind unerbittlich und führen ihre Verbrechen mit einer erschreckend zarten Zielgerichtetheit aus. Die Opfer sind wehrlos, passiv, begeben sich scheinbar sehnsüchtig in die Opferrolle.

Zum Abschluss der Ausstellung wird der Betrachter durch Michal Kosakowskis Videoinstallation Zero killed mit seinen ganz persönlichen Mordfantasien konfrontiert. Seit 1996 hat der Künstler Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen zu ihren Mordfantasien interviewt und ihnen die Möglichkeit gegeben, diese in Kurzfilmen zu inszenieren. Die einzige Bedingung war, dass die Protagonisten selbst in diesen Filmen mitwirkten, entweder als Opfer oder als Täter.

Mehr als ein Jahrzehnt später traf Kosakowski diese Menschen erneut, um sie nach ihren Gefühlen zu fragen, die sie während ihrer Morddarstellungen empfanden, und interviewte sie zu aktuellen sozialen Themen wie Rache, Folter, Krieg, Terrorismus, Medien, häusliche Gewalt, Todesstrafe oder Selbstmord. Der Künstler verdeutlicht so, dass das Töten voraussetzungslos ist und von jedem potentiell ausführbar ist."

(Quelle: Pressetext Kunstpalais Erlangen)

 
Vernissage am 30.03.2012 ab 19:00 Uhr
Kunstpalais Erlangen
Kunstpalais  Erlangen, Erlangen

Kunstpalais Erlangen

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91054 Erlangen

Tel: +49 (0) 9131 / 86 27 35

Fax: +49 (0 )9131 / 86 21 17

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Öffnungszeiten

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Mi 10 – 20 Uhr

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Ermäßigt: 2 Euro

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