12.05.2012 - 02.09.2012

Alexandra Bircken - "Hausrat"

"Der Kunstverein in Hamburg präsentiert im ersten Obergeschoss die erste institutionelle Einzelausstellung von Alexandra Bircken (*1967, lebt in Köln) in Hamburg und versammelt überwiegend neue Arbeiten aus den Jahren 2010 bis 2012.

Der Titel „Hausrat“ lässt sich im Kontext der Ausstellung durchaus wörtlich verstehen: Die Ausstellungshalle bevölkert eine Vielzahl von Objekten, die entweder direkt aus dem häuslichen Umfeld entnommen sind (z.B. Bügelbrett, Schlittenkufen oder Teppich), mit gewissen heimischen Assoziationen spielen oder das Häusliche vielmehr im Sinne eines Behausens verstehen lassen. Auch Überbleibsel, die gemeinhin als Müll gelten, finden sich in veränderter und bearbeiteter Form wieder: In Latex dauerhaft konservierte, zusammengekehrte Abfälle, getrocknete Früchte oder Blätter werden zu Stillleben kombiniert und ergeben eine Art Bestandsaufnahme. „Accumuli“ heißt denn auch die eine Arbeit, „DNA" (beide 2012) die andere. Dem Häuslichen entnommen sind zum Beispiel auch die verschiedenen Geta-Lit-Platten (spezielle Schichtstoffplatten), deren psychologische Eigenschaften jeden Nutzer unmittelbar in bestimmte Verhaltensweisen drängen. Sauberkeit und Mangelhaftigkeit des eigenen Tuns gegenüber der Reinheit des Materials, stehen hier an erster Stelle. Ihrem ursprünglichen Kontext entzogen, an die Wände des Ausstellungsraumes montiert, wandeln sich die einmal Holz, einmal Stein imitierenden Küchenarbeitsplatten zu einer Behauptung von Autonomie, die durch die abstrahierte Mimikry des vorbildhaften Materials in Form eines idealtypischen Musters latent absurd wird. Die Präsentation der großflächigen Platten direkt auf der Wand, verleiht ihnen eine Bildhaftigkeit und erinnert an monochrome Malerei. In ihrer bildnerischen Monotonie und ohne materiellen künstlerischen Eingriff stehen sie im Gegensatz zu anderen Arbeiten der Ausstellung, die zwar auch Materialitäten und Oberflächen nutzen, diese aber frei verwenden, mit anderen Materialien kombinieren und einer Transformation unterziehen.

In den Skulpturen von Alexandra Bircken spielen Materialien eine außerordentliche Rolle. Es sind vor allem „arme“ Reststoffe oder klassische Konstruktionsmittel, die durch Prozesse handwerklicher Arbeit zu einer neuen Funktion verwoben werden. Neben modellierbaren Materialien wie Wolle, Textilien oder Mörtel verwendet sie auch objets trouvé aus der Natur oder der Alltagswelt. Sie fungieren einerseits als eine Art „Text“, der eine Vielzahl von Implikationen, gesellschaftlichen Distinktionen oder Symboliken vereint. So tragen bestimmte Kleidungsstücke dazu bei, Haltung und Stellung des Trägers zu kommunizieren und ihn von anderen gesellschaftlichen Gruppen abzugrenzen – eine Badewanne (Mud Bath, 2012) abformend und mit pigmentiertem Mörtel überzogen, werden sie formgebende Hülle und passen sich soweit an, dass sie auf den ersten Blick schwer auszumachen sind.

Dies ist nicht die einzige Arbeit, in der die Nähe von Außenhaut und realer Haut aufscheint. So sind Materialien andererseits auch archetypische Texturen. Ein „Stoff“ kann als Membran ganz unterschiedliche umhüllende Funktionen erfüllen – als Bekleidung und als Behausung ebenso wie als Segel -, kann Verschiedenstes verweben und auf ganz stoffliche Weise taktile wie psychologisch unterschiedliche Eigenschaften in sich tragen. Diese Aspekte fließen als mobile oder textile Fragmente in die Arbeiten ein, werden als singuläre Spur oder als verwebtes Element verwendet und in neue Spannungsgefüge gebracht. So denkt Alexandra Bircken diese Funktionen und Zuschreibungen zwar mit, verfremdet aber ihre Eindeutigkeiten innerhalb neuer Kontexte.

Etwas mag ursprünglich einen anderen Zweck gehabt haben und mag diese Herkunft noch in sich tragen, wird aber jetzt neu gefunden und gesammelt und kann eine andere Funktion einnehmen. So werden sie in aktualisierter Kombination einem neuen Ziel untergeordnet und können die in ihnen steckende Energie neu entfalten – auch wenn sie vermeintlich unbrauchbar geworden sind, wie z.B. eine Fruchtschale, ein Gummirest oder ein Ast.

Die Arbeit „Cagey“ (2012) wird durch eine gewebte Außenhaut aus Mörtel, Stoffstreifen sowie Kleidungsstücken zu einem archaischen Zelt, das Schutz anbietet, Wärme suggeriert und doch filigran und porös wirkt. Auf Rollen montiert ist die Skulptur potentiell beweglich – ebenso wie „Chariot“ (2012), bei der ein altes Skateboard und ein gebrauchter Fahrradrahmen als Träger für unterschiedliche Fundstücke wie Stroh, Gummireste oder Kohle dienen – auch wenn sie scheinbar in der Ausstellung gestrandet erscheint.

Indem Bircken Künstliches und Natürliches, Hartes und Weiches unhierarchisch zusammenbringt oder miteinander verwebt, thematisiert sie Gegensätze und Rollenmuster, die auch für den Menschen ihre Netze auslegen, einen gefangen halten und nicht mehr loslassen. Das textile Spinnennetz, in dem sich unterschiedliche Gegenstände wie Kinderspielzeug, Kleidungsstücke oder Äste und Steine verfangen, ist ein häufig wiederkehrendes Motiv ihrer Arbeiten. Dabei steht die Form und Funktion des einzelnen Fundstücks tendenziell im Hintergrund und wird über sich selbst hinaus geführt – ein Ideal metamorphotischer und organischer Entwicklung: So nomadisch wie ihre neuen Arbeiten buchstäblich sind, wenn sie an Segel und Gefährte erinnern, so nomadisch kommt das einzelne Ding prinzipiell daher.

Alexandra Bircken hat bis 1995 am Central Saint Martins College of Art and Design in London Modedesign studiert. Bis zu ihrer ersten Ausstellung 2004 bei „BQ“ in Köln entwarf sie Mode und textile Accessoires, die zwar getragen werden konnten aber ihre rein funktionalen Gebrauchseigenschaften bereits stückweise verloren hatten und schon skulpturalen Charakter aufwiesen. 2004 erhielt Alexandra Bircken ein Atelierstipendium des Kölnischen Kunstvereins. Seitdem ist sie regelmäßig in internationalen Ausstellungen vertreten."

(Quelle: Pressetext Kunstverein Hamburg)

 
Vernissage am 11.05.2012 ab 19:00 Uhr
Kunstverein Hamburg
Hamburger Kunstverein

Kunstverein Hamburg

Klosterwall 23

20095 Hamburg

Tel: +49 (0) 40 / 32 21 57

Fax: +49 (0) 40 / 32 21 59

Web: http://www.kunstverein.de

Öffnungszeiten

Dienstag – Sonntag und an Feiertagen 12 – 18 Uhr

Eintrittspreise

5 Euro, ermäßigt 3 Euro

Freier Eintritt für Mitglieder, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre

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