15.06.2012 - 17.09.2012

Alfredo Jaar – "The way it is. Eine Ästhetik des Widerstands"

"Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst zeigt eine Ausstellung des chilenischen Künstlers Alfredo Jaar (*1956), die in sechs Werkgruppen gegliedert zeitgleich in drei Berliner Institutionen präsentiert wird. Die monografische Ausstellung ermöglicht einen retrospektiven Überblick über fast vier Jahrzehnte künstlerische Produktion. Sie gibt Einblick in die politische Brisanz der Arbeiten des zweifachen documenta-Teilnehmers und macht die vom Künstler angewandten kritischen Verfahren der Archivierung, der Recherche und der Intervention nachvollziehbar.

Der als Architekt und Filmemacher ausgebildete Künstler arbeitet mit städtischen Räumen wie mit Museumsräumen. Er seziert Oberflächen und Strukturen, produziert raum- und gesellschaftsbezogene künstlerische Statements. Schwerpunkte der Ausstellung setzen sich nun mit der Beobachtung von Bildsprachen und Bildprogrammen sowie mit deren Dekonstruktion auseinander. Sie thematisieren die künstlerische Strategie der Bildverweigerung, stellen Jaars Recherchearbeit vor und zeigen seine Überlegungen zur Präsentation und Erreichbarkeit verschiedener Öffentlichkeiten. Untersuchungen der Visualisierung politischer und sozialer Ereignisse und der Umgang mit daraus entstehenden Bildern lassen Alfredo Jaars kritischen Zugriff auf Medien und Medienöffentlichkeiten nachvollziehbar werden.


Ausgangspunkt und Bezugsgröße der Kunst Alfredo Jaars ist stets die gründliche Analyse der Hintergründe und Wirkungen konkreter Ereignisse und Situationen. Bereits frühe Arbeiten der 1970er Jahre beschäftigten sich mit Widerstandsformen im öffentlichen und halböffentlichen Raum und kritisierten damit die Verhältnisse in Chile, ohne von der staatlichen Zensur belangt werden zu können. Auch nach Jaars Übersiedlung in die USA, auf die eine internationale künstlerische Karriere folgte, kamen die in Chile entwickelten und erprobten künstlerischen Verfahren weiterhin zur Anwendung.

Alfredo Jaar - The way it is. Eine Ästhetik des Widerstands - der Titel der nun in den Räumen der NGBK, der Berlinischen Galerie und der Alten Nationalgalerie gezeigten Ausstellung bezieht sich auf zwei Projekte, die Alfredo Jaar in den frühen 1990er Jahren in Berlin realisierte. Zum einen verweist er auf die künstlerische Intervention „Eine Ästhetik zum Widerstand“, die Jaar 1992/93 im Pergamonmuseum präsentierte (organisiert von der NGBK in Zusammenarbeit mit dem DAAD).
Zum anderen spielt der Titel auf die temporäre Installation „The Way It Was“ an, die der Künstler 1991 in einer unbewohnten Berliner Erdgeschosswohnung realisierte (im Rahmen der Ausstellung „Heimat“, organisiert von der Galerie Wewerka & Weiss). Beide Projekte können als Beispiele für Alfredo Jaars Interesse an Zeitgeschichte gelten sowie an den Möglichkeiten und Limitationen von Bild- und Textsystemen. Jaar betont die Diskrepanz zwischen realem und reflektiertem Raum.

Der Weg, der nun zwischen den drei Ausstellungsstationen zurückgelegt werden muss, und die Zeit, die vergeht, bis die nächste Begegnung mit Jaars Werken erfolgt, schärft zudem die Fähigkeit der Betrachter_innen der Ausstellung, die Bildfindungen und Themen des Künstlers mit der eigenen Gegenwart in Bezug zu setzen. So ist es möglich, reflektierend die Ernsthaftigkeit, Eigenart und Entschiedenheit der Werke Alfredo Jaars zu erfahren.


In der NGBK liegt der Ausstellungsschwerpunkt auf Jaars selten gezeigten frühen künstlerischen Arbeiten: Hochpolitische Interventionen in den öffentlichen Raum, die zwischen 1974-1981 in Chile entstanden sowie weiterer Arbeiten, die sich mit dem Land und der Zeit der Militärjunta beschäftigen.

In der Berlinischen Galerie werden vier komplexe Werkgruppen kombiniert und miteinander in Beziehung gesetzt: 1.) In und für Berlin entstandene Werke – dazu zählt die Rekonstruktion des Pergamon-Projekts „Eine Ästhetik zum Widerstand“ und die Fotoserie "A New World", die zum ersten Mal überhaupt präsentiert wird; 2.) Arbeiten zu Afrika-bezogenen Themen, die einen Schwerpunkt von Alfredo Jaars Schaffen bilden – insbesondere seine beeindruckende Serie zum Völkermord in Ruanda; 3.) Installationen in denen Licht und Blendung eine zentrale Rolle spielen, wie z.B. "Lament of the Images“, die Rekonstruktion des Beitrages zur Documenta11 im Jahr 2002; 4.) die sogenannten „Press Works“, in denen Alfredo Jaar sich immer wieder pointiert mit der Aktualität von Presseberichterstattungen und deren Interessen auseinandersetzt.

In der Alten Nationalgalerie wird die Ausstellung ergänzt durch zwei Interventionen in die Sammlung des 19. Jahrhunderts: Hier wird „1+1+1“ gezeigt, ein für die documenta 8 (1987) entstandenes Werk, mit dem Jaar internationale Bekanntheit erlangte. Die Arbeit wird nach 25 Jahren erstmalig wieder in Deutschland präsentiert und um die ebenfalls 1987 entstandene, konzeptuell ähnliche Installation „Persona“ ergänzt.

Nach den beiden monografischen Ausstellungen zu Felix Gonzalez-Torres und VALIE EXPORT, 2006 im Hamburger Bahnhof und 2003 in der Akademie der Künste, stellt das RealismusStudio der NGBK mit Alfredo Jaar erneut eine einflussreiche Einzelposition ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die dezidiert das Politische in die künstlerische Arbeit integriert."

(Quelle: Pressetext)

 
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