21.05.2010 - 10.07.2010

ABIGAIL O‘BRIEN "Temperance"

ABIGAIL O‘BRIEN "vital organs sculptures - purple brain", 2009, lebensgross / life size, erstarrte Zuckermasse, auflage / edition of 5, gbk# aob 118, courtesy Galerie Bugdahn und Kaimer, Düsseldorf
ABIGAIL O‘BRIEN "vital organs sculptures - purple brain", 2009, lebensgross / life size, erstarrte Zuckermasse, auflage / edition of 5, gbk# aob 118, courtesy Galerie Bugdahn und Kaimer, Düsseldorf

"Die bemerkenswerte Photo-Serie, die Abigail O’Brien in der Oatfield Sweet Factory von Letterkenny in der Grafschaft Donegal geschaffen hat, lässt sich auf mehreren Ebenen interpretieren. Die prosaischste Lesart richtet sich auf den dokumentarischen Charakter dieses Werks, das von den Geräten, Materialien und Arbeitsgängen bei der Herstellung traditioneller Süßigkeiten kündet, zugleich aber auch die Männer und Frauen zeigt, die mit der Alchemie der Süßwaren-Produktion beschäftigt sind. Mischen und Kneten, Gießen und Formen, Pressen und Rühren, Schneiden und Rollen verbinden sich zu einer Art Süßwaren-Choreographie. Selbst Außenstehende spüren die Konzentration, aber auch die ruhige Gelassenheit, mit der die einzelnen Gesten ausgeführt werden. Wie die Zwerge in dem Film Willy Wonka and the Chocolate Factory legen die Arbeiter auf eine Art Hand an, dass es geradezu nach Hexerei aussieht. Aber wir sehen nicht nur die Arbeiter bei der Routine ihrer Tätigkeiten. Wir sehen sie auch in ihren Pausen, wie beispielsweise in ‚Breaktime’ [Pause] oder in ‚Time Out’ [Auszeit]. Da wird eine fundamentale Vereinzelung und Ermattung spürbar, die den Betrachter in die Rolle eines Voyeurs bringt. Die Männer und Frauen, die hier abgebildet sind, könnten auch Schauspieler sein, die von der Kamera nach einem Auftritt hinter der Bühne mit gefallenen Masken erwischt werden.

O’Brien fasst diese Sequenz unter dem Titel ‚Temperance’ [Mäßigung] zusammen und verweist damit auf das Streben nach Harmonie und Balance, auf die Suche nach einer Mitte. Für Aristoteles war Mäßigung der Scheitelpunkt zwischen zwei Abgründen – den Abgründen von Maßlosigkeit und Gefühllosigkeit. Die Künstlerin untersucht diese Extreme in den Ritualen und Abläufen des Fabrikalltags und erinnert uns als Betrachter zugleich daran, dass unser Hunger manchmal größer ist als unser Magen. Ein Zustand maßvoller Ausgewogenheit ist daher vielleicht erst möglich, wenn man ins Extrem gegangen ist (‚Good Girl 1’ und ‚Good Girl 2’) [Gutes Mädchen 1/2] oder sich dem Exzess hingegeben hat (‚Fools Gold’) [Narrengold]. Aus diesem Grund oszilliert O’Briens Werk zwischen den Extremen von Bewegung und Ruhe, von Luxus und Leere. Symbolisch schlägt sich dies nieder zum Beispiel in den delikat-barocken Falten einer Zuckermasse, die sich in flache Förmchen ergießt.(...)"
(Pressetext: Galerie Bugdahn und Kaimer)

 
Galerie Bugdahn und Kaimer
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