20.03.2010 - 25.05.2010
Talents 18 "Kaschmir"

"In Kaschmir beginnt der Garten Eden. Riesige Bäume, Gärten und Obstplantagen charakterisieren die Landschaft am Fuße des Himalaya, daneben schaukeln sanft Hausboote an den Ufern des Dal-Sees. Es ist jedoch nur scheinbar das Paradies. Stacheldraht, Waffen, Demonstrationen, Leid und Tod – Kaschmir ist eines der militarisiertesten Gebiete der Welt. Seit 1947 herrscht ein blutiger Konflikt zwischen Pakistan und Indien um diesen Landstrich. Seine Bewohner kämpfen gegen die militärische Besatzung Indiens und verdoppeln so die kriegerische Auseinandersetzung. Jedes Jahr sterben dort hunderte Menschen. Eine Entspannung des Konflikts ist nicht in Sicht. Stattdessen wiederholen sich die Ereignisse in einer seltsamen Gewohnheit. Immer wieder protestieren die Kaschmiren, immer wieder sterben Menschen. Von dieser Situation des dynamischen Stillstandes erzählt Andy Spyra in seinem visuellen Langzeitprojekt, das die Charakteristika von Reisebildern, Narration und Dokumentarfotografie verbindet – eine einzigartige, subjektive und emotionale Krisenfotografie jenseits der Schnelligkeit der heutigen Medien.
Zufälig reist Andy Spyra 2007 nach Kaschmir und kehrt fasziniert von diesem Gebiet zwei Mal dorthin zurück. Tagelang, wochenlang lässt er sich treiben und anstecken von den Extremen, die das Leben und die Landschaft prägen. Ob schnell oder langsam – er übernimmt den jeweiligen Rhythmus seines Sujets. Das Kaschmir-Projekt ist für den jungen Fotografen auch die Suche nach einer eigenen fotografischen Sprache. So osszillieren seine expressiven S/W-Bilder zwischen Information und Emotion, objektivem Bericht und subjektivem Erleben. Sie zeigen plastisch die Ambivalenz von Krisenfotografie zwischen Nähe und Distanz. Kann ein Fotograf in extremen Situationen nur nüchterner Dokumentarist bleiben?
In der Bildsprache von Andy Spyra werden zwei Seiten sichtbar. Ein Teil seiner Fotografien erinnert an den klassischen Fotojournalismus mit gleichmäßiger Belichtung, ruhigen Aufnahmewinkeln aus Augenhöhe und hoher Tiefenschärfe. Hier werden dynamische Momente eingefroren und Ereignisse verdichtet. Sie sind anscheinend klare Zeugnisse authentischer Situationen. Im anderen Teil seiner Bilder löst sich die scheinbar fotografische Strenge auf und Schwarz dominiert. Es gibt keine gleichmäßige Ausleuchtung oder Scharfzeichnung aller Bildebenen mehr. Zudem beginnt die Perspektive zu wanken, die Größenverhältnisse verschieben sich durch niedrige oder hohe Aufnahmewinkel. Hier wird Andy Spyra selbst Teil des Sujets und verliert den Halt und Überblick, so dass die vermeindliche Objektivität und Gewissheit über die Situation in Kaschmir gänzlich verloren geht. Stattdessen erweitern sich die Bilder um eine zusätzliche Dimension, um die Erfahrungen des Fotografierenden. Von dieser Einbettung des persönlichen Erlebens in den Bilder geht eine unbestimmte Unruhe und Bedrohung aus – und genau dieses Überschreiten des rein faktischen Sehens macht den Konflikt für den Betrachter erfahrbar."
(Quelle: C/O Berlin)
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