11.06.2010 - 24.07.2010

Verhandlungssache

Aus der Ausstellung "Verhandlungssache", courtesy Kunstpavillon - Tiroler Künstlerschaft, Innsbruck
Aus der Ausstellung "Verhandlungssache", courtesy Kunstpavillon - Tiroler Künstlerschaft, Innsbruck

"Madeleine Bernstorff, Ana Hoffner, Brigitta Kuster, Mona Vatamanu & Florin Tudor, Ina Wudtke, Inga Zimprich / The Faculty of Invisibility
kuratiert von Andrei Siclodi   

Eine Ausstellung im Rahmen des Internationalen Fellowship-Programms für Kunst und Theorie im Künstlerhaus Büchsenhausen.

'Es macht (...) das Wesen einer Nation aus, dass alle Individuen etwas miteinander gemein haben, auch, dass sie viele Dinge vergessen haben. (…) Die Nationen sind nichts Ewiges. Sie haben einmal angefangen, sie werden enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablösen.' Ernest Renan, Schriftsteller, Historiker, Archäologe, Religionswissenschaftler, Orientalist, Mitglied der Académie française und Antisemit in seiner Rede Was ist eine Nation? vom 11. März 1882 an der Sorbonne.   

Was konstituiert das heutige EUropa? Ist die Europäische Union tatsächlich lediglich ein Staatenverbund zum Zweck der Durchsetzung eines neoliberalen Binnenmarkts? Oder spielt das politische Zusammenwachsen des vormals in Ost und West geteilten Europas als eine „Werte- und Kulturgemeinschaft“ unter dem Mantel der „Reintegration“ zwecks Wohlstands und Stabilität darin eine wichtige, möglicherweise entscheidende Rolle im Prozess der Durchsetzung marktwirtschaftlicher Interessen des Westens im Osten? Nach der großen Osterweiterung 2004 (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowenien, Slowakei und Ungarn) und der kleinen 2007 (Rumänien und Bulgarien) entwickelt EUropa immer mehr Profilzüge einer Nation – „Nation“ im Sinne der Definition des amerikanischen Politikwissenschaftlers Benedict Anderson: als eine „immagined community“, eine als begrenzt und souverän vorgestellte Gemeinschaft. Die zwar politisch gescheiterte, aber immerhin bis 2004 aktiv betriebene Entwicklung einer EU-Verfassung sowie die aggressive Abschottung der EU-Grenzen nach außen sind eindeutige Anzeichen für diese Entwicklung. Angesichts dieser Lage stellt sich unmittelbar die Frage nach den soziopolitischen Absichten und den dahinter liegenden Mechanismen, aber auch nach den historischen Voraussetzungen, die eine bedeutende Rolle als Grundlage für diese Entwicklung spielen dürften. Und nicht zuletzt steht die Frage im Raum: Ist diese Entwicklung (noch) verhandelbar?   

Die Ausstellung Verhandlungssache / Matter of Negotiation stellt vor dem Hintergrund dieser Fragen künstlerische (Ver-)Handlungspolitiken in den Mittelpunkt, die sich Strategien der Artikulation von Sprache und Erinnerung bedienen und im Prozess der Subjektivierung eines „neuen EUropas“ eine wichtige Rolle spielen könnten. Queerer Aktivismus einst und heute, Institutionskritik, das Erbe des Kolonialismus sowie die postkommunistische Gesellschaft bilden hierfür das thematische Gerüst, auf dem sich sechs diskursive Positionen entfalten und zueinander in Beziehung treten. Die Ausstellung wird als eine Heterotopie im Sinne Foucaults verstanden, als einen Ort also, der die Reflexion und Problematisierung gegebener gesellschaftlicher und kultureller Normen und deren Widerspruch ermöglichen.   

Verhandlungssache / Matter of Negotiation ist das Ergebnis der Auseinandersetzung mit den Projekten, künstlerischen Vorstellungen und Arbeitsweisen der Teilnehmerinnen am Internationalen Fellowship-Programm für Kunst und Theorie im Künstlerhaus Büchsenhausen 2009-2010. Ihre künstlerischen Ansätze, Untersuchungsgebiete und Themen bildeten den ursprünglichen Ausgangspunkt. Das kuratorische Konzept sah die schrittweise Entwicklung der Ausstellungsthematik und des Displays parallel zum Fortschreiten der Projekte der involvierten Künstlerinnen vor: Madeleine Bernstorff beschäftigte sich mit der Repräsentation der Suffragetten, der militanten Frauenrechtlerinnen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, im frühen Stummfilm. Ana Hoffner ging in ihrem künstlerischen Forschungsprojekt der Frage nach der Organisation von Sexualität im gegenwärtigen Europa sowie der Instrumentalisierung dieser Sexualität durch den kapitalistischen Westen zum Zweck der Umsetzung eines eurozentristischen, kolonialen Projekts im ehemaligen Osten nach. Ina Wudtke bereitete die Ausstellung Griot Girlz, die feministische Kunst im Kontext von Musik mit afro-amerikanischen Wurzeln zeigt, vor. Inga Zimprich widmete sich gemeinsam mit der Faculty of Invisibility (Sönke Hallmann u. a.) der Auseinandersetzung mit dem performativen Versprechen der Vereinten Nationen, diesem exemplarischen, diplomatischen Verhandlungsraum, innerhalb dessen 'Sprache, Gesetz und Gemeinschaft ineinanderschnellen' (Inga Zimprich).   

Die aus diesen Projekten und den darüber geführten Diskussionen entstandenen Beiträge sind in der Ausstellung zu sehen. Zu diesen Positionen gesellen sich drei ehemalige Büchsenhausen-StipendiatInnen, die sich auf unterschiedlicher Weise für eine aktive Aufarbeitung von Geschichte einsetzen: Brigitta Kuster beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit dem kolonialen Archiv bzw. der kolonialen Bibliothek und den darin begrabenen Vorstellungen, deren Auswirkungen im Prozess der Konstitution des heutigen EUropas weiterhin eine Rolle spielen. Mona Vătămanu & Florin Tudor thematisieren das Erinnern als unabdingbare Voraussetzung für das Verstehen unserer gegenwärtigen postkommunistischen Gesellschaft. In ihren Arbeiten adressieren sie symbolhaft die durch den Wertewandel der letzen zwei Dekaden hervorgerufene allgemeine gesellschaftliche Verunsicherung.   

Eine Ausstellung ist immer auch selbst Verhandlungssache, das Resultat eines vielschichtigen Verhandlungsprozesses im Rahmen seiner Gegebenheiten. Verhandlungen können erfolgreich verlaufen, aber auch scheitern. In Verhandlungssache / Matter of Negotiation werden bewusst beide Ergebnisse zur Diskussion gestellt."
(Pressetext: Andrei Siclodi)

 
Kunstpavillon - Tiroler Künstlerschaft
Der Kunstpavillon im Kleinen Hofgarten.

Kunstpavillon - Tiroler Künstlerschaft

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Öffnungszeiten

Di - Fr 10 - 12 / 14 - 18 Uhr
Sa 11 - 17 Uhr

Eintrittspreise

Freier Eintritt

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