22.06.2010 - 31.07.2010

MARC BIJL & SILKE KOCH "tomorrowland"

Silke Koch von der Serie "Rockets from Evil Empire", 2008/09, porcelain, plastic, metal, glass, 45 x Ø 13 cm, courtesy TINDERBOX Contemporary Art, Hamburg
Silke Koch von der Serie "Rockets from Evil Empire", 2008/09, porcelain, plastic, metal, glass, 45 x Ø 13 cm, courtesy TINDERBOX Contemporary Art, Hamburg

"Marc Bijl erforscht den Status und die Bedeutung von Symbolen, Logos und Labels. Sie sind Ziel und zugleich Werkzeug seiner Arbeit, die sich in Form von Installationen, Malereien, Skulpturen, Videos oder Wandmalereien manifestiert. Dabei findet er, dass Politik Fiktion und Kunst real ist. Als eine Art Guerillakämpfer stellt er starke Beweise her, die unsere Zeit reflektieren und hat offenbar berechtigte Hoffnungen, etwas ändern zu können; dem Pessimismus, den er beim Versagen von Utopien entdeckt, lächelt er nonchalant durch die Leichtigkeit und Direktheit seiner Arbeiten entgegen. Bijl zwingt den Betrachter – zu Recht –, sich moralisch und ästhetisch zu positionieren.

Immer wieder eignet Marc Bijl sich den öffentlichen Raum und dessen symbolisches Erscheinen an, sowohl als Kunst im öffentlichen Raum als auch als Teile des öffentlichen bzw. kommerziellen Raums, die in den Kunst-Raum transferiert werden. Graffiti als Ausdruck sozialer Wünsche und Desillusionen ist dabei ein großes Thema. Die Arbeit 'The world won´t listen' (2003) entstammt einem Albumtitel der Band The Smiths, den Bijl im Rahmen einer Ausstellung an das Nachbargebäude des Frankfurter Kunstvereins gesprüht hat. Aus dem Ausstellungsraum heraus liest man durch ein Fenster diese Worte und stellt vermutlich fest, wie einfach, aber auch wie poetisch man eigentlich das Dilemma der Künstlerschaft auf den Punkt bringen kann. Diese Direktheit in Bijls Arbeiten lässt ihm keinen Platz, sich zu verstecken und dem Betrachter auch nicht.

In der hiesigen Ausstellung wird unter anderem ein großes Peace-Symbol aus Gasrohren an der Wand brennen, das über eine Gasflasche auf dem Boden mit Gas versorgt wird und so Rußspuren an der Wand hinterlässt – als Wandarbeit, Wandzeichnung und Skulptur zugleich stellt die Arbeit gleichwohl Fragen nach klassischen Gattungsgrenzen in Frage. Obwohl diese Arbeit spektakulär, eingängig und diese Art Symbol schnell fassbar und damit äußerst effektiv ist, stellt sich doch auch die Frage, ob wir alle, und wenn wir uns als noch so pazifistisch begreifen, im Zuge der gegebenen Macht- und Globalisierungsstrukturen, wirklich unschuldig sind oder ob nicht vielmehr die Frage um den Frieden mehr denn je brennt?

Mehr und mehr zeigt Marc Bijl in seinen Arbeiten Referenzen zur Kunstgeschichte der Moderne. Denn Kunst ist immer auch Politik und auch in dieser wird nach 'ismen' sortiert. Die Einflüsse wachsen also, doch Machtstrukturen bleiben das Angriffsziel. Dabei findet Bijl ganz und gar nicht, dass Künstler und Visionäre den besseren Weg zu mehr Humanität und Gerechtigkeit kennen, sonst wäre es ja Realität.

Das Aufzeigen und Demaskieren reaktionärer Implikationen, welches Marc Bijl auch anhand von 'Corporate Graffiti' an der Grenze zwischen Graffiti, Performance und Installation sowie zahlreichen weiteren Sparten im Bezug auf Symbole und Mythen der Populärkultur betreibt, kennt keine Grenze zwischen öffentlichem Raum und Museum oder Galerie; Kunst und Leben werden verschränkt und beides gewinnt an Aufrichtigkeit und auch Normalität. Marc Bijl, Bassgitarrist der Metal/ Gothic / Alternative Band Götterdämmerung, wird immer Punk und Romantiker sein, immer politisch aktiv durch die Kunst.

Geboren 1970 in den Niederlanden, nahm Marc Bijl bereits an zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen teil, darunter die Prag  und die Moskau Biennale. Im MUSAC / Léon, Spanien, im National Museum of Art Oslo, im Stedelijk Amsterdam, in der New Yorker Mary Boone sowie in der Marianne Boesky Gallery, in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, im Museum Boijmans van Beuningen sowie im Witte de With Rotterdam waren seine Arbeiten zu sehen. Derzeit läuft die Gruppenausstellung 'restless empathy' im Aspen Art Museum, 2009 war die Einzelausstellung 'the simple complexity of it all' im Kasseler Fridericianum zu sehen. Bereits mehrfach hat Marc Bijl Einzelausstellungen in der Athener Galerie The Breeder sowie bei Upstream in Amsterdam gezeigt.

Silke Koch, geboren 1964 in Leipzig, studierte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst und war Meisterschülerin von Astrid Klein. Kurz vor der Wende hat sie die DDR gen Westdeutschland verlassen, um später zum Studium nach Leipzig zurückzukehren. Im Zuge von Stipendien hielt sie sich in New York und Columbus, Ohio, USA auf und hatte ebenfalls zahlreiche Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, darunter in Rotterdam, in der Leipziger Baumwollspinnerei, in Norwegen, Los Angeles sowie in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland.

Mit einer Erweiterung von der Fotografie auf Video, Installation und Skulptur wird in Silke Kochs Oeuvre nicht weniger als bei Marc Bijl verhandelt, dass Kunst immer auch Politik ist. In der Ausstellung 'tomorrowland' wird unter anderen die Arbeit 'after gravity´s rainbow' zu sehen sein: 13 aus gefundenen Vasenteilen und anderen Dingen kreierte Objekte, die auf metaphorische und poetische Weise 'wunderschöne' V2-Raketen darstellen und die Bezug nehmen auf einen absurden, euphorischen Wettlauf um die Eroberung des Weltalls, nachdem die irdische Geografie bereits mit Mauern und Stacheldrähten versehen und durch hysterische Masterpläne des Wettrüstens verplant wurde. Hier werden Phänomene untersucht, in deren Verlauf gängige Geschichtsbegriffe und Historie neu definiert und konstruiert werden. Realität und Erfindung, Erinnerung und Projektion, Historie und Annahme, Ironie und Ernst wirken bei der derzeitigen Herausbildung von Geschichtsbildern zusammen. Das 21. Jahrhundert hat die Vorstellungen und Träume der 1960er und 1970er Jahre nicht einlösen können. Dafür entstehen neue Verteilungskämpfe, auch wenn der Gegner von damals fehlt.

In Arbeiten wie 'New Leipzig' oder 'Beethoven' geht es um die Frage nach Identitäten und im Vergleich dazu der Vorstellung über Identitäten. 'New Leipzig' untersucht anhand von Fotografien einen Ort namens New Leipzig in den USA, der Menschen aus Deutschland selbst sowie Kunstliebhabern der 'New Leipzig School' durchaus surreal vorkommen mag: Das dortige 'Oktoberfest' und die Devotionalien des 'New Leipzig Museum' in einer Wellblechhalle werfen Fragen auf, was eigentlich deutsch ist. Eine Frage, die Silke Koch insbesondere interessiert als eine Frau, der die Realität nach der Wende schon einmal vorkommen konnte wie Fiktion bzw. umgekehrt. In Bonn überdeckte Koch die Bronzeplatte mit den Lebensdaten an Ludwig van Beethovens Denkmal als Sohn der Stadt mit einer Bronzeplatte, auf der die Gravur 'Beethoven - Geburtsort unbekannt' zu lesen ist. In diesem Zusammenhang sind auch Videoarbeiten zu sehen, in denen beispielsweise die explodierenden Tom & Jerry im Comic einem Selbstmordattentäter gegenübergestellt werden: Fragen, ob die Realität nicht immer viel krasser ist als die Kunst es jemals sein kann, tauchen auf und werfen uns auf uns selbst und unsere Möglichkeiten zurück.

Marc Bijl und Silke Koch schaffen es durch die von ihnen entworfenen Bilder, die Kunst sehr selbstverständlich näher an das Leben heranbringen – und umgekehrt. Wir freuen uns sehr, mit 'tomorrowland' eine Ausstellung nicht nur über den aktuellen, sondern auch den zukünftigen Stand der Kunst zeigen zu können, die im Grunde auch eine sehr private ist."
(Pressetext: TINDERBOX Contemporary Art)

 
TINDERBOX Contemporary Art
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