10.09.2010 - 10.10.2010
Walter Bruno Brix | mapping the body | Fadenzeichnungen, Papierarbeiten und Objekte

"Eine Landkarte des Körpers erstellen – die traditionelle chinesische Philosophie kennt body-maps, also Körper-Landkarten, die den Fluss der Lebenskraft Chi durch den menschlichen Körper verdeutlichen. Die body-maps von Walter B. Brix dienen nicht diesem Zweck. Sie lehnen sich an unser westliches Verständnis einer Landkarte an und bedienen sich deren stilisierter Ästhetik. Die fast quadratischen Bilder zeigen Ausschnitte von männlichen Körpern in feinen roten Linien, gestickt oder genäht mit einem dünnen Garn und zart aquarellierte grüne Schatten. Die einzelnen Teile sind mit ebenfalls gestickten Benennungen in schwarzen Großbuchstaben versehen, wie Orte oder Flüsse auf Landkarten.
Was für Landschaften/Körper sehen wir? Es sind junge, muskulöse Männer, einer stehend, einer liegend und der dritte in einer hockenden Stellung. Wir sind aufgefordert, uns diese Körper näher anzusehen. Jede body-map setzt sich aus fünf bis sechs dieser quadratischen Bilder von Ausschnitten zusammen. Diese überschneiden sich oder lassen Teile weg, die Anschlüsse passen nicht genau, wir müssen uns also den Körper als Ganzes ergänzen.
Ein Prinzip, das wir aus Landkarten kennen. Dort wird uns eine Landschaft auf abstrahierte Art und Weise präsentiert, die wir uns zu einem Bild ergänzen. Dies macht die Vorstellung spannend. Jeder von uns stellt sich einen anderen Körper, einen anderen Mann vor. Das Bild, das er sich aus den Linien und Schatten auf der Leinwand wie aus einer Kurzschrift vervollständigt.
Im Werk von Brix ist dieses Prinzip einer Zeichnung mit wenigen Linien und kaum Schatten oft zu finden. Sehr reduziert geben sich die Bilder meist und doch erkennen wir sofort die Vorbilder, oft aus der westlichen Kunstgeschichte zitiert. In dieser Art der Zeichnung wird der Einfluss der ostasiatischen Kunst auf das Werk von Brix deutlich. Dort ist das Arbeiten mit Chiffren und die Verkürzung von Bildern auf Linien ein seit Jahrtausenden gepflegtes Grundprinzip der malerischen wie zeichnerischen Kunst.
Ist es möglich, diese Qualität auf westliche Kunst zu übertragen? Die Arbeit von Brix beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen Ja. Ihm gelingt es, die Reduktion auf die Spitze zu treiben, ohne die Bilder flach und bedeutungslos werden zu lassen. Die Bilder wirken nicht japanisch oder chinesisch, sie haben eindeutig westliche Wurzeln und sind in der zeitgenössischen Kunst verankert.
Ein sehr interessanter Aspekt ist in diesem Zusammenhang die Nicht-Reproduzierbarkeit der Bilder. Fotos, welche die Bilder verkleinern, sind denkbar ungeeignet, um die zarten Linien und Schatten sichtbar werden zu lassen. Was auf den Originalen für das Auge des Betrachters leicht lesbar ist und eine pflanzenhafte Zartheit inne hat, ist auf Fotos fast verschwunden. Die Bilder verlangen also vom Betrachter Anwesenheit und das Ansehen der Originale.
In den Zeichnungen der Serie „mirrored“, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind, ist die Wichtigkeit der Linie ebenso betont, wie in den gestickten Bildern. Hier jedoch ist die Möglichkeit der abstrakten Wahrnehmung durch zwei interessante Kunstgriffe hervorgehoben. Die Zeichnungen sind in sich selbst gespiegelt. Es ist kaum möglich, den wirklichen Inhalt, auch hier sind es wieder junge Männer, wahrzunehmen. Immer schieben sich durch die Spiegelung neu entstehende Formen in den Vordergrund der Wahrnehmung.
Zusätzlich, als würde dies noch nicht ausreichen, den Betrachter zu irritieren, ist in jedem Bild ein orangefarben aquarellierter Farbfleck auf eine Seite gesetzt, unabhängig von der eigentlichen Zeichnung. Diese Formen sind vollkommen abstrakt, können aber als Blüte wahrgenommen werden. Sie dienen dazu, die Ebene des Papiers, auf dem sich die Zeichnung befindet, in den Fokus des Betrachters zu rücken.
Auch bei den ebenfalls vertretenen Zeichungen der Serie „men at home“ kommt Aquarellfarbe zum Einsatz. Hier betont sie jedoch die Körper der gezeigten Männer und hebt diese aus der Zeichnung hervor. Die Vorbilder sind Fotos von Männern, die sich mit Gegenständen oder in einer Umgebung präsentieren, die sie mit Stolz als ihren Besitz markieren.
Die teils erotisch aufgeladenen Momente sind jedoch auch fast immer als innerlich einsame Situationen entzifferbar. Hier wird das Dilemma der männlichen Selbstwahrnehmung sichtbar. Einerseits die Sehnsucht nach zärtlicher, liebender Berührung, gleichzeitig die Forderung nach männlicher Coolness."
(Pressetext: Jürgen Bahr)

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