11.02.2011 - 08.05.2011
Move | Kunst und Tanz seit den 60ern
Sinnfällig
für die Verbindung von Installation und Teilnahme des Besuchers ist
William Forsythes 'The Fact of Matter' (2009), ein choreografisches
Objekt aus 200 Turnringen, die in unterschiedlicher Höhe von der Decke
hängen. Der Besucher kann mithilfe dieser Ringe den Raum durchqueren,
ohne den Boden zu berühren und damit seine Kraft und Beweglichkeit auf
die Probe stellen.
Forsythe
bietet also eine Struktur an für eine Vielzahl möglicher Bewegungen.
Denselben spielerischen Ansatz verfolgt Christian Jankowski mit seiner
Einladung, in der Ausstellung Hula Hoop zu tanzen ('Rooftop Routine',
2007), und Trisha Brown, die mit Wasser gefüllte Töpfe so aufreiht,
dass der Besucher entweder bewusst in die Töpfe hineinsteigen oder sie
umgehen kann ('The Stream', 1970).
Den
Gegenpol zur spielerischen Erfahrung von Geschicklichkeit und
Leistungsfähigkeit bildet ein grüner Lichtkorridor von Bruce Nauman,
der die Bewegungsfreiheit des Besuchers absichtlich stark einschränkt. 'Green Light Corridor' (1970) besteht aus Pressspanwänden, die man nur
seitwärts durchqueren kann. Enge, intensives grünes Licht und
Schalldämpfung führen zu einer verstärkten Wahrnehmung des eigenen
Körpers, die sich zu Beklemmung steigern und so zu neuer
Selbsterkenntnis führen kann. 'Ein Bewusstsein seiner selbst gewinnt
man durch ein gewisses Maß an Aktivität und nicht, indem man nur über
sich selbst nachdenkt.' (Bruce Nauman)
Die
direkte Beteiligung des Ausstellungsbesuchers hat heute eine Tradition
von vierzig Jahren. 1971 hat Robert Morris mit 'BodySpaceMotio' einen
Skulpturen-Parcours inszeniert, durch den sich der Ausstellungsbesucher
bewegen sollte - ohne Notwendigkeit von genauen Anweisungen oder
Proben. Das hölzerne Schaukelbrett, auf dem der Besucher nun im Haus
der Kunst versuchen kann die Balance zu halten, war damals Teil dieses
Parcours. Manche Objekte existieren nur im Zusammenspiel mit dem
Besucher und machen dessen Körper selbst zur Skulptur. Bei Franz Erhard
Walthers 'Für Zwei (Nr. 31, 1. Werksatz)' von 1967 legen sich zwei
Personen ein Stück Stoff um den Hals, indem sie den Kopf in jeweils
eins der beiden Löcher stecken. Auf diese Weise miteinander verbunden,
stehen sie sich eine Minute gegenüber und sehen sich in die Augen.
In
der Zeit, als diese Werke entstanden, verlagerte sich der Schwerpunkt
von der Betrachtung unberührbarer Kunstwerke hin zu Aktion und
Bewegung. Gleichzeitig erreichte die Kritik am Kunstwerk als Objekt und
Ware einen Höhepunkt. Wie die Performance und das Happening war auch
der Tanz eine willkommene Lösung, um den Objektcharakter eines
Kunstwerks aufzulösen, sich dem Kunstmarkt und damit auch dem
Kapitalismus zu entziehen. Die Künstler der nächsten Generationen wie
Mike Kelley (geb. 1954) oder Pablo Bronstein (geb. 1977) können diese
Entwicklung als gegeben voraussetzen. Sie legen den Schwerpunkt von
Choreografie zunehmend auf allgemeine menschliche Handlungen. Dabei
gilt ihr besonderes Interesse degeneriertem, künstlichem und
manipulierendem Verhalten.
Mike
Kelleys 'Test Room Containing Multiple Stimuli Known to Elicit
Curiosity and Manipulatory Responses' (1999/2010) ist eine Art
Spielzimmer mit überdimensionalen Objekten, die der Besucher berühren
und mit denen er interagieren kann. Zu diesem 'Test Room ...' gehören
mehrere Darsteller: Zwei führen mit den Objekten abwechselnd zärtliche
und aggressive Handlungen aus, zwei weitere - zum Teil im Affenkostüm -
imitieren das Verhalten von Affen. Der Besucher, der die Objekte eben
noch selbst als Bewegungshilfe genutzt hat, ahnt plötzlich wie es ist,
Versuchsobjekt von Verhaltensforschern zu sein.
Pablo
Bronstein platziert mitten im Raum einen architektonischen Bogen, der
mit Ornamenten verziert ist und die Gestaltung öffentlicher Plätze im
frühen Barock zitiert ('Magnificent Triumphal Arch in Pompeian
Colours', 2010). Ein Performer schreitet um diesen Bogen herum und
weist in Bühnensprache auf ihn hin ('Oh, what a beautiful arch! It
reminds me of ancient Rome'). Dieses Verhaltensmuster höfischer Eleganz
scheint dem Betrachter von heute aufgesetzt und geziert. Das
gesellschaftliche System, für das der Bogen steht und das die
Bewegungen des Performers dirigiert, wirkt wie ein Korsett und lange
überholt.
Auch
João Penalvas Installation 'Widow Simone (Entr'acte, 20 years)' (1996)
kreist um soziale Choreografie als Form der Kontrolle: Penalva
berichtet in dokumentarischer Form von einem Tänzer, der seit über 20
Jahren in dem Ballett 'La Fille mal gardée' die Rolle der Witwe Simone
tanzt. Trotzdem hat dieser Tänzer aus urheberrechtlichen Gründen nicht
das Recht, die Choreografie an andere weiterzugeben und Penalva, der
selbst Tänzer war, darin zu unterrichten. Der Tänzer ist nur die
ausführende Marionette.
Xavier
Le Roy und Tino Sehgal geben die Idee für einen Handlungsablauf vor,
ohne dafür überhaupt noch ein materielles Objekt einzusetzen. Beide
Künstler schaffen stattdessen die Grundlage für eine
zwischenmenschliche Begegnung. In 'Production' von Xavier Le Roy und
Mårten Spångberg üben Tänzer in der Ausstellung einen Tanz ihrer Wahl
ein. Falls ein Besucher daran besonderes Interesse zeigt, gehen die
Tänzer auf ihn zu und bieten ihm ein Gespräch an, das sich je nach
Resonanz auf einen kurzen Dialog beschränkt oder zu einem gemeinsamen
Rundgang durch die Ausstellung ausweiten kann. Die Begegnung endet in
einer Vorführung: Die Tänzer setzen für den Besucher eine der
Installationen in Gang. Hier ist der Austausch zwischen Tänzer und
Besucher selbst die Choreografie, und der Besucher kann sie
entscheidend beeinflussen.
Auch
die Werke von Tino Sehgal existieren nur solange der Ausführende
anwesend ist. In seinem Beitrag für diese Ausstellung liegt die
ausführende Person auf dem Boden, führt sehr langsame Bewegungen aus
und erreicht dadurch eine skulpturähnliche Wirkung. ('Instead of
Allowing Some Thing to Rise Up to Your Face Dancing Bruce and Dan and
Other Things', 2000). Bei jeder Aufführung ergeben sich Abwandlungen:
Der Interpret führt niemals genau dieselbe Folge von Bewegungen auf,
und auch die Betrachter reagieren unterschiedlich. Trotz der ständigen
Veränderung gelingt es Sehgal, diesen flüchtigen Ereignissen den Status
eines Werks zu verleihen: etwa indem er fordert, dass seine Arbeiten -
wie Skulpturen oder Gemälde - während der gesamten Ausstellungsdauer zu
sehen sind. Wie die Künstler der 60er-Jahre will auch Tino Sehgal das
Kunstwerk von der Bedeutung als rein materielles Objekt befreien. Die
Chance, dies durch Choreografie zu erreichen, scheint gegeben.
Mit
Janine Antoni (* 1964), Pablo Bronstein (* 1977), Trisha Brown (*
1936), Boris Charmatz (* 1973), Lygia Clark (* 1920), William Forsythe
(* 1949), Simone Forti (* 1935), Dan Graham (* 1942), Christian
Jankoswki (* 1968), Isaac Julien (* 1960), Mike Kelley (* 1954), Robert
Morris (* 1931), Bruce Nauman (* 1941), João Penalva (* 1949), La Ribot
(* 1962), Xavier Le Roy (* 1963) & Mårten Spångberg (* 1968), Tino
Sehgal (* 1976), Franz Erhard Walther (* 1939) und Franz West (* 1947)
Ein
digitales Archiv mit Filmen von wichtigen Performances der letzten 50
Jahre rundet die Präsentation ab. "Move" wird von Stephanie Rosenthal,
Hauptkuratorin an der Hayward Gallery in London, kuratiert und für die
Präsentation in München von Julienne Lorz angepasst. Im Anschluss reist 'Move' zur K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (16. Juli - 25.
September 2011).
Katalog 'Move. Choreographing you', hrsg. von Hayward Publishing; mit Essays
von Susan Leigh Foster, André Lepecki, Peggy Phelan und Stephanie
Rosenthal, 176 Seiten, ISBN 978-1-85332-282-2; in Englisch
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes
Mit freundlicher Unterstützung von
Bayerische Hausbau GmbH
Outset Contemporary Art Fund
Institut Français, München"
(Pressetext: Haus der Kunst, München)

Prinzregentenstraße 1
80538 München
Tel: +49 (0) 89 / 21 12 71 13
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