28.03.2011 - 31.07.2011

Theatergarten Bestiarium

"Eine Rekonstruktion einer experimentellen Ausstellung

Die Ausstellung gründet auf 'Bestiarium: Theater und Garten der Wildheit, des Kampfes und des Glücks' (1986), einem Essay des Münchner Galeristen Rüdiger Schöttle. Der darin beschriebene Theatergarten geht zurück auf den Barock- und Rokokogarten des 17. und 18. Jahrhunderts mit seinen natürlichen und künstlichen Welten. 14 internationale Künstler produzierten für den von Schöttle beschriebenen Garten Arbeiten, die in einer gemeinschaftlich entwickelten Installation präsentiert wurden.

Nach einer zweijährigen Entwicklungsphase wurde 'Theatergarten Bestiarium' 1989 erstmals im Institute for Contemporary Art, P.S. 1 in New York gezeigt. Der Weg zur endgültigen Ausstellung war geprägt von einem intensiven Austausch zwischen allen Beteiligten. Die von Rüdiger Schöttle gedanklich konzipierte und von Chris Dercon produzierte Ausstellung war ein Experiment und von Beginn an als 'work in progress' angelegt. Man wollte keine Gegenüberstellung isolierter Einzelwerke, die nach chronologischen oder diskursiven Gesichtspunkten angeordnet werden. Der Produktionsprozess und seine Entwicklung rücken in den Fokus.

Das entstandene Gesamtkunstwerk vereint Architektur, Skulptur, Musik, Fotografie, Film und Theater und inspirierte eine jüngere Generation von Künstlern und Kuratoren zu neuen Ausstellungsformen, wie Liam Gillick, Dominique Gonzalez-Foerster, Pierre Huyghe, Tino Sehgal, Rirkrit Tiravanija und Xavier Veilhan. 'Theatergarten Bestiarium ist ein Meilenstein in der Ausstellungsgeschichte. Besonders denkwürdig ... war, dass die Ausstellung eine neue Art des Ausstellens erfand. Richard Hamilton sagte mir einmal: Man erinnert sich nur an Ausstellungen, die neue Wege beschreiten. 'Theatergarten Bestiarium' ist also ein Modellfall.' (Hans-Ulrich Obrist)

Das Konzept vermischt Projektionen und Reflexionen, durch die sich der Besucher als Zuschauer und Schauspieler bewegt. Das für den Barockgarten typische Ensemble aus Wegen, Pflanzen, Skulpturen, Brunnen, Seen und Grotten erwecken im Geist des Betrachters Geschichten und Mythen, ein sogenanntes 'Theater der Erinnerung'. Rüdiger Schöttle schreibt von einem Garten, 'der zugleich Fenster in die Vergangenheit und in die Zukunft ist'.

Der Theatergarten präsentiert sich als überdimensionales Tischplateau mit Hügeln, Tälern und Seen. Von oben herab werden auf die Landschaft Abbildungen historischer Gemälde und Filmstills projiziert.

Der Besucher wird von der Arbeit 'La Scala' des Künstlerpaares Fortuyn/O'Brien empfangen, die ihm einen Eingang in unwirkliches Gebiet suggeriert. Es folgt eine leere Vitrine. In deren Seiten spiegeln sich die Objekte und Projektionen des Gartens wider, davor liegen Teile eines menschlichen Skeletts, 'Valor Impositus' von James Coleman. Diese Vitrine steht am Anfang von zwei Alleen: auf diesen Wegen durchschreiten die Besucher - die 'Bestien' - den Park. Die Vitrine steht anstelle der am Entree eines Barockgartens zu erwartenden Votiv- oder Gedenksäule. Coleman möchte mit der Kombination von Vitrine, Reflexion und Skelett dem Herzstück des Theatergartens ein Memento Mori einschreiben.

Die Besucher finden drei verschiedene Theater vor, die die Entwicklungsstufen der Theaterarchitektur widerspiegeln: Die Arbeit von Jeff Wall ist ein dreidimensionaler aufgerichteter Grundriss eines barocken Logentheaters, der an ein Bürogebäude erinnert. 'Das barocke Konzept des Logentheaters verkörpert den historischen Augenblick des Übergangs von der höfischen Gesellschaft in einen bürokratischen Staat.' (Jeff Wall)
Das 'Cinema Theater' von Dan Graham ist eine Kombination aus mittelalterlicher Raumbühne, Kino und Gartentheater. Die Projektionsleinwand ist durch Zweiwegspiegelglas ersetzt, das gleichzeitig als Bühnenrückwand für das davor liegende Gartentheater dient. Auf Ihr wird der Film 'Die Machtergreifung Ludwig XIV' von Roberto Rossellini gezeigt. Rodney Graham greift schließlich mit seinem 'Circus Gradivus' auf das Theater der Antike zurück.

Der Theatergarten vereint Berge und Wälder en miniature von Christian-Philipp Müller; Gemüsegärten von Alain Séchas; eine Souffleursloge, die an eine Grotte erinnert von Juan Muñoz; Wassertropfen, die wie Seen anmuten von Hermann Pitz und die tribünenartigen Wasserfälle 'Garden View - The Waterfall - Coutyard View' von Marin Kasimir. Die Diaprojektion von Ludger Gerdes zeigt Ansichten des Schlossgartens von Schwetzingen, die von Schriftbildern durchzogen werden.

Eine Komposition von Glenn Branca begleitet den Theatergarten. Mit dem Dirigentenpult 'Antiphonaire' von Bernard Bazile verweist diese auf die Orchestrierung des Gartens.

Nach der ersten Station im P.S. 1 wurde 'Theatergarten Bestiarium' weitere sechs Mal präsentiert und dabei den räumlichen Gegebenheiten der Ausstellungsorte angepasst, zum Beispiel im Teatro Lope de Vega in Sevilla, im Chateau d'Oiron, im Studio national des arts contemporain von Le Fresnoy und im Pont du Gard. In Le Fresnoy wurde die Installation 2008 komplett restauriert und rekonstruiert. Frankreichs Fond National d'Art Contemporain (F.N.A.C.) erwarb die Installation 1990 im Ganzen.

25 Jahre nach der Ursprungsversion von Rüdiger Schöttle und Chris Dercon ist 'Theatergarten Bestiarium' zum ersten Mal in München zu sehen - ein Ausdruck der gegenseitigen Wertschätzung vor dem Weggang von Chris Dercon zur Tate Modern nach London, und Abschluss einer Serie von Ausstellungen zu München als Kunststadt: 'Made in Munich. Editionen von 1968 bis 2008' (2008), 'Die Kraftprobe. 200 Jahre Kunstakademie München' (2008), 'Ein Blick für das Volk. Die Kunst für Alle' (2006) und 'Die Götter Griechenlands. Peter Cornelius' (2004).

Mit Arbeiten von Bernard Bazile, James Coleman, Fortuyn/O'Brien, Ludger Gerdes, Dan Graham, Rodney Graham, Christian Phillip Müller, Juan Muñoz, Hermann Pitz, Rüdiger Schöttle, Alain Séchas und Jeff Wall; Musik von Glenn Branca

In Zusammenarbeit mit Centre National des arts plastiques (CNAP), Paris"
(Pressetext: Haus der Kunst)

 
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