02.07.2011 - 02.05.2012
NUMBER FIVE: CITIES OF GOLD AND MIRRORS
"Ab dem 25. Juni 2011 wird in der JULIA STOSCHEK COLLECTION eine Neupräsentation der Sammlung zu sehen sein.
Die 44 Werke von insgesamt 35 KünstlerInnen umfassende Ausstellung
dokumentiert bisher noch nie gesehene Arbeiten, Neuerwerbungen der
letzten Jahre und ortsspezifische, räumliche Interventionen.
Statt eines Themendiktats verfolgt die Ausstellung verschiedene
inhaltliche Stränge und nimmt Bezug auf tradierte Themen der
zeitgenössischen Kunstproduktion. Strategien und Konzepte der
Selbstreflexion sind neben der Beschäftigung mit sozialpolitischen
Fragestellungen wie z.B. dem Spannungsverhältnis zwischen Urbanismus und
modernen Gesellschaftsstrukturen als wesentliche Schwerpunkte in der
Auswahl der Werke greifbar. Der Titel Cities of Gold and Mirrors soll
eine assoziative Spur legen und Gedankenräume entstehen lassen.
Moderne Wohnlandschaften, einst als bahnbrechende Architekturen
gefeiert, können zu Zentren der Gewalt werden, wie die digitale
Fotoanimation Le Vele di Scampia von Tobias Zielony (2009) in düsterer
Weise demonstriert. Der in den 1960er Jahren gebaute, von Francesco di
Salvo entworfene, Wohnkomplex in einem Vorort von Neapel, hat als
Keimzelle der Mafia, der Camorra traurige Berühmtheit erlangt und schon
lange den Glanz von einst verloren. So steht die aus 7000 Einzelbildern
montierte Fotoanimation von Zielony für den Niedergang und die
gleichzeitige Mystifizierung dieses Ortes.
Im titelgebenden 16-mm-Film Cities of Gold and Mirrors aus dem Jahr 2009
mischen sich in besonderer Weise fiktive Elemente der
japanisch-französischen Fernsehserie 'The Mysterious Cities of Gold' mit
der heutigen realen Situation. Der Soundtrack der Zeichentrickserie,
die im Südamerika des 16. Jahrhunderts während der Eroberung der
Kolonialmächte spielt, dient als akustische Referenz.
Cyprien Gaillard setzt in seinem Film die in den 1970er Jahren
entstandene Hotelanlage in Cancún den Ruinen einer ehemals mächtigen
Hochkultur entgegen. Nicht in der Rolle eines Archäologen, sondern eines
Dokumentaristen zeigt er amerikanische Studenten, die vor der
eindrucksvollen Fassade der Pyramidenbauten der Maya ihren 'Spring
Break' mit exzessivem Kampftrinken zelebrieren.
Der Film stellt eine harte Konfrontation mit der Banalisierung der Kulturen dar und ist gleichzeitig die Manifestation dieser.
'Manchmal führt es zu nichts, wenn man etwas macht, manchmal führt es zu
etwas, wenn man nichts macht.' So lautet ein Zitat Francis Alÿs, das
beispielhaft für das Werk des belgischen Künstlers steht. Zufall,
Prozess und auch die Möglichkeit des Scheiterns sind essentielle Motive
seiner Arbeit. In Alÿs komplexer 4-Kanal-Videoinstallation Rehearsal I
(Ensayo I)(1999-2001) versucht ein roter VW-Käfer – angelehnt an die
Figur des Sysiphos aus der griechischen Mythologie – im Rhythmus einer
mexikanischen Blaskapelle einen Hügel hinaufzufahren: Sobald die
Blaskapelle aufhört, lässt er sich den Berg wieder herunterrollen. Alÿs
Arbeit zeichnet eine ungeheure Intensität und zugleich Einfachheit aus.
Insgeheim erhofft der Betrachter, dass der rote Käfer die Hürde des
Berges doch noch nimmt.
Der niederländische Künstler Mark Manders befragt in seinen
fragmentierten und teils wie zerstört anmutenden Skulpturen und
Installationen immer sich selbst – folgerichtig bezeichnet er sie seit
1986 modellhaft auch als 'self portrait as a building.' Manders
Skulpturen sind schwer fassbare Gebilde, die durch ihre Andersartigkeit
ihre Bedrohlichkeit entwickeln. Seine aus mehreren Bausteinen
bestehenden Anordnungen sind geprägt von einer tiefen Emotionalität und
Melancholie, die aber einer stringenten Logik folgen und erst vom
Betrachter als Ganzes zusammengefügt werden. Seine Skulpturen
funktionieren wie Geschichten, die nie vollkommen sind und wie eine
Abstraktion nie ein reales Bild seiner Biografie abbilden.
Ähnlich wie Manders inszeniert und visualisiert Andro Wekua in seinem
Film Never sleep with a strawberry in your mouth (2010) seine eigene,
wenn auch imaginäre Biografie. In einer alptraumhaften Kulisse, einem
Hotel in seiner Heimatstadt Sochumi in Georgien, begibt sich sein Alter
Ego in der Gestalt eines maskierten Jungen zurück auf die Spuren seiner
Kindheit. Seine Bildsprache, eine Mischung aus Science-Fiction und
Horror ist dennoch kein stimmiges Abbild seiner Erinnerung, sondern ein
Konstrukt aus erinnerter und realhistorischer Vergangenheit. Im Titel
schwingt zugleich eine Warnung mit, die nur durch die Andeutung eine
verführerische Kraft entwickelt. Der Film erzählt keine Geschichte,
sondern erinnert in seiner absurden Bildsprache und Farbgebung an
Traumsequenzen. Die scheinbare Narration wird immer wieder unterbrochen,
wodurch eine beklemmende Atmosphäre entsteht. Wekuas Arbeiten fußen auf
theatralischen Kompositionsprinzipien, Podeste und räumliche Eingriffe
sind wesentliche Merkmale, die die auratische Kraft seiner
Installationen noch verstärken. David Claerbouts Arbeiten setzen
ebenfalls auf die formalen Darstellungsprinzipien der medialen Welt.
Inhalt und Form gehen dabei eine Symbiose ein, die sich sowohl in der
Art der Inszenierung als auch in den Darstellungsmodi an die des
Kinofilms orientiert. In seiner 2-Kanal-Installation American Car
(2002-2004) verwirrt er den Betrachter mit zwei Projektionen, die nicht
gleichzeitig zu sehen sind. Die erste Projektion der Installation zeigt
das Innere eines Autos. Zwei Männer in Rückenansicht schauen aus dem
Fenster, Regen fällt auf die Windschutzscheibe. Die zweite Projektion
zeigt das Auto von außen, wie es völlig frei in einer nicht weiter
bestimmten Landschaft steht. Claerbout deutet an, folgt keiner
Erzählung, sondern nutzt den Moment der Spannung, um den Betrachter mit
seiner Erwartungshaltung zu konfrontieren. In American Car 'spielt' er
gewissermaßen beide Screens 'gegeneinander aus' und erzeugt so eine
Spannung, die immer auch ein Gefühl der Leerstelle beim Zuschauer
hinterlässt.
Im Vordergrund der Ausstellung stehen, der Ausrichtung der Sammlung gemäß, filmische Arbeiten, die in einer sorgfältig durchdachten Präsentationslandschaft zu begehen sind; gleichwohl sprengen Arbeiten wie die von Mark Manders, aber auch Positionen wie Simon Denny, Jon Kessler, Zilvinas Kempinas oder Wolfgang Tillmans die klare mediale Einschränkung und machen einmal mehr die Virulenz der komplexen Themen deutlich.
Folgende Künstler sind in der Ausstellung vertreten:
Francis Alÿs, Charles Atlas, Salvatore Bevilacqua, Johanna Billing, David Claerbout, Jane Crawford, Keren Cytter, Simon Denny, Olafur Eliasson, Robert Fiore, Cyprien Gaillard, Andreas Gursky, Nancy Holt, DAS INSTITUT and Adele Röder , Zilvinas Kempinas, Jon Kessler, Mark Manders, Gordon Matta-Clark, Jessica Mein, Adrian Paci, Oliver Payne, Davide Pepe, Rob Pruitt, Nick Relph, Robin Rhode, Christoph Schlingensief, Jeremy Shaw, Robert Smithson, Christoph Schlingensief, Wolfgang Tillmans, Clemens von Wedemeyer, Andro Wekua, Christoph Westermeier, Tobias Zielony"
(Pressetext: Julia Stoschek Collection)

Schanzenstraße 54
40549 Düsseldorf
Tel: +49 (0) 211 / 58 58 84 0
Fax: +49 (0) 211 / 58 58 84 19
Web: http://www.julia-stoschek-collection.net
Öffnungszeiten
Sa 11 - 16 Uhr
und nach Voranmeldung

