02.07.2011 - 02.05.2012

NUMBER FIVE: CITIES OF GOLD AND MIRRORS

Charles Atlas „Hail the New Puritan",1985-86, Video, 84:47 Min., Farbe, Ton. Courtesy of Electronic Arts Intermix EAI, New York
Charles Atlas „Hail the New Puritan",1985-86, Video, 84:47 Min., Farbe, Ton. Courtesy of Electronic Arts Intermix EAI, New York

"Ab dem 25. Juni 2011 wird in der JULIA STOSCHEK COLLECTION eine Neupräsentation der Sammlung zu sehen sein.

Die 44 Werke von insgesamt 35 KünstlerInnen umfassende Ausstellung dokumentiert bisher noch nie gesehene Arbeiten, Neuerwerbungen der letzten Jahre und ortsspezifische, räumliche Interventionen.

Statt eines Themendiktats verfolgt die Ausstellung verschiedene inhaltliche Stränge und nimmt Bezug auf tradierte Themen der zeitgenössischen Kunstproduktion. Strategien und Konzepte der Selbstreflexion sind neben der Beschäftigung mit sozialpolitischen Fragestellungen wie z.B. dem Spannungsverhältnis zwischen Urbanismus und modernen Gesellschaftsstrukturen als wesentliche Schwerpunkte in der Auswahl der Werke greifbar. Der Titel Cities of Gold and Mirrors soll eine assoziative Spur legen und Gedankenräume entstehen lassen.

Moderne Wohnlandschaften, einst als bahnbrechende Architekturen gefeiert, können zu Zentren der Gewalt werden, wie die digitale Fotoanimation Le Vele di Scampia von Tobias Zielony (2009) in düsterer Weise demonstriert. Der in den 1960er Jahren gebaute, von Francesco di Salvo entworfene, Wohnkomplex in einem Vorort von Neapel, hat als Keimzelle der Mafia, der Camorra traurige Berühmtheit erlangt und schon lange den Glanz von einst verloren. So steht die aus 7000 Einzelbildern montierte Fotoanimation von Zielony für den Niedergang und die gleichzeitige Mystifizierung dieses Ortes.

Im titelgebenden 16-mm-Film Cities of Gold and Mirrors aus dem Jahr 2009 mischen sich in besonderer Weise fiktive Elemente der japanisch-französischen Fernsehserie 'The Mysterious Cities of Gold' mit der heutigen realen Situation. Der Soundtrack der Zeichentrickserie, die im Südamerika des 16. Jahrhunderts während der Eroberung der Kolonialmächte spielt, dient als akustische Referenz.

Cyprien Gaillard setzt in seinem Film die in den 1970er Jahren entstandene Hotelanlage in Cancún den Ruinen einer ehemals mächtigen Hochkultur entgegen. Nicht in der Rolle eines Archäologen, sondern eines Dokumentaristen zeigt er amerikanische Studenten, die vor der eindrucksvollen Fassade der Pyramidenbauten der Maya ihren 'Spring Break' mit exzessivem Kampftrinken zelebrieren.
Der Film stellt eine harte Konfrontation mit der Banalisierung der Kulturen dar und ist gleichzeitig die Manifestation dieser.

'Manchmal führt es zu nichts, wenn man etwas macht, manchmal führt es zu etwas, wenn man nichts macht.' So lautet ein Zitat Francis Alÿs, das beispielhaft für das Werk des belgischen Künstlers steht. Zufall, Prozess und auch die Möglichkeit des Scheiterns sind essentielle Motive seiner Arbeit. In Alÿs komplexer 4-Kanal-Videoinstallation Rehearsal I (Ensayo I)(1999-2001) versucht ein roter VW-Käfer – angelehnt an die Figur des Sysiphos aus der griechischen Mythologie – im Rhythmus einer mexikanischen Blaskapelle einen Hügel hinaufzufahren: Sobald die Blaskapelle aufhört, lässt er sich den Berg wieder herunterrollen. Alÿs Arbeit zeichnet eine ungeheure Intensität und zugleich Einfachheit aus. Insgeheim erhofft der Betrachter, dass der rote Käfer die Hürde des Berges doch noch nimmt.

Der niederländische Künstler Mark Manders befragt in seinen fragmentierten und teils wie zerstört anmutenden Skulpturen und Installationen immer sich selbst – folgerichtig bezeichnet er sie seit 1986 modellhaft auch als 'self portrait as a building.' Manders Skulpturen sind schwer fassbare Gebilde, die durch ihre Andersartigkeit ihre Bedrohlichkeit entwickeln. Seine aus mehreren Bausteinen bestehenden Anordnungen sind geprägt von einer tiefen Emotionalität und Melancholie, die aber einer stringenten Logik folgen und erst vom Betrachter als Ganzes zusammengefügt werden. Seine Skulpturen funktionieren wie Geschichten, die nie vollkommen sind und wie eine Abstraktion nie ein reales Bild seiner Biografie abbilden.

Ähnlich wie Manders inszeniert und visualisiert Andro Wekua in seinem Film Never sleep with a strawberry in your mouth (2010) seine eigene, wenn auch imaginäre Biografie. In einer alptraumhaften Kulisse, einem Hotel in seiner Heimatstadt Sochumi in Georgien, begibt sich sein Alter Ego in der Gestalt eines maskierten Jungen zurück auf die Spuren seiner Kindheit. Seine Bildsprache, eine Mischung aus Science-Fiction und Horror ist dennoch kein stimmiges Abbild seiner Erinnerung, sondern ein Konstrukt aus erinnerter und realhistorischer Vergangenheit. Im Titel schwingt zugleich eine Warnung mit, die nur durch die Andeutung eine verführerische Kraft entwickelt. Der Film erzählt keine Geschichte, sondern erinnert in seiner absurden Bildsprache und Farbgebung an Traumsequenzen. Die scheinbare Narration wird immer wieder unterbrochen, wodurch eine beklemmende Atmosphäre entsteht. Wekuas Arbeiten fußen auf theatralischen Kompositionsprinzipien, Podeste und räumliche Eingriffe sind wesentliche Merkmale, die die auratische Kraft seiner Installationen noch verstärken. David Claerbouts Arbeiten setzen ebenfalls auf die formalen Darstellungsprinzipien der medialen Welt. Inhalt und Form gehen dabei eine Symbiose ein, die sich sowohl in der Art der Inszenierung als auch in den Darstellungsmodi an die des Kinofilms orientiert. In seiner 2-Kanal-Installation American Car (2002-2004) verwirrt er den Betrachter mit zwei Projektionen, die nicht gleichzeitig zu sehen sind. Die erste Projektion der Installation zeigt das Innere eines Autos. Zwei Männer in Rückenansicht schauen aus dem Fenster, Regen fällt auf die Windschutzscheibe. Die zweite Projektion zeigt das Auto von außen, wie es völlig frei in einer nicht weiter bestimmten Landschaft steht. Claerbout deutet an, folgt keiner Erzählung, sondern nutzt den Moment der Spannung, um den Betrachter mit seiner Erwartungshaltung zu konfrontieren. In American Car 'spielt' er gewissermaßen beide Screens 'gegeneinander aus' und erzeugt so eine Spannung, die immer auch ein Gefühl der Leerstelle beim Zuschauer hinterlässt.

Im Vordergrund der Ausstellung stehen, der Ausrichtung der Sammlung gemäß, filmische Arbeiten, die in einer sorgfältig durchdachten Präsentationslandschaft zu begehen sind; gleichwohl sprengen Arbeiten wie die von Mark Manders, aber auch Positionen wie Simon Denny, Jon Kessler, Zilvinas Kempinas oder Wolfgang Tillmans die klare mediale Einschränkung und machen einmal mehr die Virulenz der komplexen Themen deutlich.

Folgende Künstler sind in der Ausstellung vertreten:
Francis Alÿs, Charles Atlas, Salvatore Bevilacqua, Johanna Billing, David Claerbout, Jane Crawford, Keren Cytter, Simon Denny, Olafur Eliasson, Robert Fiore, Cyprien Gaillard, Andreas Gursky, Nancy Holt, DAS INSTITUT and Adele Röder , Zilvinas Kempinas, Jon Kessler, Mark Manders, Gordon Matta-Clark, Jessica Mein, Adrian Paci, Oliver Payne, Davide Pepe, Rob Pruitt, Nick Relph, Robin Rhode, Christoph Schlingensief, Jeremy Shaw, Robert Smithson, Christoph Schlingensief, Wolfgang Tillmans, Clemens von Wedemeyer, Andro Wekua, Christoph Westermeier, Tobias Zielony"
(Pressetext: Julia Stoschek Collection)

 
Vernissage am 25.06.2011 ab 19:00 Uhr
Julia Stoschek Collection
Julia Stoschek Collection

Julia Stoschek Collection

Schanzenstraße 54

40549 Düsseldorf

Tel: +49 (0) 211 / 58 58 84 0

Fax: +49 (0) 211 / 58 58 84 19

Web: http://www.julia-stoschek-collection.net

Öffnungszeiten

Sa 11 - 16 Uhr



und nach Voranmeldung

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