16.09.2011 - 08.01.2012
Carlo Mollino | Maniera moderna
"Die Werkauswahl
der Ausstellung spiegelt die Vielseitigkeit von Carlo Mollinos Werk: zu
sehen sind seine Zeichnungen und Architekturpläne, Möbel und
Einrichtungsgegenstände, sein Rennauto 'Bisiluro', seine Fotomontagen,
die Polaroids mit den weiblichen Aktdarstellungen, seine Essays über
Architektur, Fotografie und Abfahrtski und weiteres Archivmaterial. Ein
fotografischer Essay von Armin Linke, der anlässlich der Ausstellung
entstanden ist, gibt einen Überblick über Mollinos Bauten und ihren
Erhaltungszustand. Lange war der
Umgang mit Mollinos Bauten nachlässig. Bezeichnend ist, dass der Turiner
Stadtrat 1960 den Abriss der erst 1940 fertiggestellten Società Ippica
Torinese beschloss. In den letzten Jahren hat Carlo Mollino zwar
zunehmend Aufmerksamkeit erfahren. Dennoch steht seine volle Anerkennung
als Architekt noch immer aus. Dagegen sind die von ihm entworfenen
Möbel bei Sammlern längst stark begehrt: 2005 wurde ein Tisch für 3,8
Millionen Dollar versteigert. Zeitgenössische Künstler wie Karole
Armitage und David Salle, Nairy Baghramian, Steven Claydon, Armin Linke,
Mai-Thu Perret, Heidi Specker und Simon Starling beziehen sich in
eigenen Arbeiten ausdrücklich auf Carlo Mollino. Bei Jürgen Teller und
anderen Fotografen ist die Casa Mollino für Shootings begehrt. 1905 in Turin
geboren, fällt Mollinos Berufsanfang in die Zeit vor, während und nach
dem Zweiten Weltkrieg. Mollino lernt die Grundbegriffe der Architektur
von seinem Vater Eugenio, im ersten Viertel des 20. Jh. ein angesehener
Ingenieur und Architekt. Auf diese Weise fällt ihm der Einstieg leicht,
und er besitzt von Anfang an eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit.
1931, nach Abschluss der Ausbildung, nimmt ihn der Vater in sein Büro
auf. 1936 entsteht die Inneneinrichtung der Casa Miller, Carlo Mollinos
Domizil und Studio für weibliche Porträts. Wie bei anderen Anfang des
20. Jahrhunderts geborenen Architekten sind Gegensätze ein prägendes
Element seiner Arbeiten: Bei seinem ersten Auftragswerk, dem Headquarter
für die Federazione Agricoltori Cuneo (1933-35), kommt die Strenge und
Monumentalität faschistischer Prägung zum Einsatz. Anschließend geht
Mollino für immer auf Distanz zu politischen Regimes. Schon der zweite
Auftrag, die Società Ippica Torinese (1937-1940), zeigt die dynamischen
Kurven, die für sein weiteres Werk typisch bleiben. Mit ihnen macht
Mollino Anleihen beim Barock. Wiederholt setzt er auch Elemente des
Surrealismus ein: Bei der Inszenierung weiblicher Modelle in seinen
Interieurs lässt er Materialen, die weich und seidig sind, auf harte und
stark spiegelnde Oberflächen treffen. Die Art, wie er Licht und
Schatten, Stofflichkeit und Oberflächen behandelt, lässt an Man Ray
denken. Die Effekte leben vom Kunstlicht, wie es einem Nachtmenschen
gemäß ist. Mollinos
Aneignung von alpenländischen Baumethoden, von Elementen des Barock und
Surrealismus ist konzeptuell und hält von Ideologien Abstand. Die rein
funktionale, geometrisch einfache Architektur mancher Zeitgenossen lehnt
er als steril und mechanistisch ab. 'Unser Leben ist unglücklich, denn
es ist nützlich und schnell' ('we live unhappy because it is useful and
fast'), urteilt er und sucht Schönheit in der Zweckfreiheit. Dazu passt
das ihm von einigen attestierte Dandytum: Wiederholt entwirft er für die
privaten und intimen Bedürfnisse von Individualisten - und nicht
zuletzt für sich selbst. Projekte, die
Mollino während des Zweiten Weltkriegs entwirft, werden nicht
realisiert, aber in 'Domus' und 'Lo Stile' publiziert. 1947 vollendet er
die Bergstation und Skihütte am Lago Nero in 2.400 m Höhe, die bald
darauf schon sich selbst bzw. dem Zahn der Zeit überlassen bleibt.
Bauten wie das Auditorium für Radiotelevisione Italiana oder der
Lutrario Ballsaal in Turin von 1959 sind in letzter Zeit stark verändert
worden. Zu sehen sind heute in Turin die Casa Mollino (1961-1970), die
von Fulvio und Napoleone Ferrari betreut wird, und das postum
eingeweihte Teatro Regio mit seiner fächerförmigen Decke (1965-1973). In allen
Entwürfen kommt Mollinos Faszination von der Schönheit einer
schwungvollen, körperlichen Bewegung zum Ausdruck. Das Dach der
Seilbahnstation Lago Nero strebt so dynamisch aufwärts, als wollte es
förmlich abheben. Beim Entwerfen dieser Schwünge kann Mollino auf eigene
Erfahrung zurückgreifen. Ab 1953, dem Todesjahr des Vaters, weitet er
seine sportlichen Aktivitäten aus: Gleichzeitig Amateur und Virtuose,
übt er sich in Abfahrtski, Kunstfliegen und Rennfahren. Seltsam
gleichmütig wagt er in diesen Disziplinen Experimente, bei denen alles
schief gehen könnte, ihm aber nie etwas zustößt. 1955 nimmt er mit dem
eigens dafür entworfenen 'Bisiluro' an einem Autorennen in Le Mans teil.
Die Kurven dieses Rennautos, Mollinos Fotos von Skispuren im Tiefschnee
(1950 erschien seine Lehrpublikation 'Introduzione al Discesismo'), von
weiblichen Akten, und seine aeronautischen Zeichnungen belegen: Es geht
ihm bei allem darum, kunstvoll geschwungene Linien zu schaffen. Man
könnte sagen egal was Mollino tut, er zeichnet: auf Papier, in den
Schnee, in den Himmel oder entlang weiblicher Körper. Er kann mit beiden
Händen zeichnen, auch gleichzeitig, und braucht nach der ersten Skizze
bis zur maßstabgetreuen Bauzeichnung kaum einen Zwischenschritt. Seine
Zeichnungen können als gedanklicher Ausgangspunkt für seine Entwürfe
gelesen werden. Die von Mollino
entworfenen Möbel sind Einzelstücke. Sie folgen nicht der Warenlogik des
in Serie gefertigten Möbels. Dadurch bleiben sie sowohl dem
industriellen Design wie dem Kunsthandwerk fremd und erhalten erst als
autonome Kunstwerke Sinn. Nur wenn es vom Auftraggeber bestellt wird,
produziert Mollino eine höhere Auflage; so bei den Sesseln für die Casa
Minola (1944-1946) oder der Bestuhlung für den Lutrario Ballsaal
(1959-60). Für seine Stühle kombiniert Mollino traditionelle Elemente
wie den alpenländischen Brettstuhl mit Techniken der Holzverformung und
dringt dabei an die Grenze des Möglichen vor. Charakteristisch für die
Sessel ist die Kombination von elegant gebogenem Holz und körperhafter
Polsterung. Die Gestelle von Schreibtischen konstruiert er nach
aeronautischem oder naturhaft-organischem Muster. Glas- und
Marmorplatten montiert er mit gebogenem Metallrohr. Die Möbel sind ein
weiterer Höhepunkt in Mollinos Schaffen. Alle Phasen - die
surrealistische, die naturhaft-organische und die modernistische mit den
geraderen Formen - sind in der Ausstellung vertreten. Gezeigt werden
Entwürfe für Cadma, Casa Orengo, Casa Rivetti, Uffici Lattes, Casa del
Sole, Mostra USA, Casa Devalle, Auditorium RAI und Casa Mollino. Drei
verloren geglaubte Stühle aus einer Privatsammlung sind zum ersten Mal
zu sehen. Mollino
fotografiert über Jahre weibliche Akte in von ihm gestalteten
Interieurs. Anfangs sitzen ihm Bekannte wie Ada Minola oder Lina Modell.
Zentrales Bildelement ist das wellige, glänzende Haar, das Mollino mit
der Genauigkeit von Hochglanzmagazinen arrangiert. Später ersetzt er die
Leica durch eine Polaroid. Dunklere Fantasien über Begegnungen mit
einer Fremden treten in den Vordergrund: Mollino lässt nun Prostituierte
für sich posieren. Die Polaroids sollten ihn in seinem Leben nach dem
Tod begleiten. Von 1961-1970 baute Carlo Mollino sein Apartment in der
Via Napione, in dem er auch einige der Polaroids aufnahm. Es sollte ihm
möglicherweise als äußere Hülle für den Übergang in die nächste
Seinsstufe dienen. Umgeben von den Frauen der Polaroids und anderen
persönlichen Schätzen wollte er in einem Bett in Bootsform davonsegeln: 'Wie die Chinesen von Rang zu ihren Lebzeiten ihr eigenes Mausoleum
ausschmücken, bereite ich den Flur meines Hauses als eine
Zwielicht-Avenue auf, wo Fotografien und viele andere Andenken eines
Lebens aufeinander folgen: alle schön, jedenfalls fast', ('I am
preparing, like the Chinese of rank who in life adorns his own
mausoleum, a corridor of my house to be a twilit avenue where the
photographs and many other mementos of life shall follow in sequence:
all beautiful, or almost') schreibt er 1973, dem Jahr, in dem er an
einem Herzinfarkt stirbt. Mehr als zweitausend Polaroids wurden später
in diesem Apartment - heute die Casa Mollino, betreut von Fulvio und
Napoleone Ferrari - gefunden. Zu Lebzeiten hat
Mollino dieses Apartment nie bewohnt und nie jemanden dorthin
eingeladen. So haftet der Casa Mollino die Aura geheimnisvoller
Einsamkeit an. Auch die anderen Interieurs wirken wie höchst private
Settings, für das Auge einer Kamera geschaffen und wenig am Nutzen für
ständige Bewohner interessiert. Die Casa Miller von 1936 zum Beispiel
war ein Zweizimmer-Apartment mit Badezimmer, aber ohne Küche. Zusammen
mit anderen Eigenheiten - er war Freimaurer, ewiger Junggeselle und
beschäftigte sich mit Okkultismus - hat dies bis heute
psychologisierende Deutungen von Mollino als 'holy madman' begünstigt. Außer Armin
Linke sind zwei weitere zeitgenössische Künstler vertreten: Simon
Starling mit einem Film, bei dem die Kamerafahrt in Nahsicht den Kurven
eines Mollino-Stuhls entlang fährt (Four Thousand Seven Hundred and
Twenty Five [Motion Control / Mollino], 2007), und Nairy Baghramian mit
der Installation 'Teestube', die sich auf Mollinos surrealistische
Installation Té numero 2 bezieht, die er gemeinsam mit seinem
Künstlerfreund Italo Cremona 1935 in Turin geschaffen hat." (Pressetext: Haus der Kunst)

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