30.09.2011 - 04.11.2011
Immortal yearning
"Immortal Yearning, dieser Schrei, er ist leicht kitschig: 'The Longing for
eternity', aber er ist evident. Wir können ihn wegwünschen, wegdenken
und doch taucht er wieder auf, schnellt hoch wie ein clowneskes
Stehaufmännchen, das eine kurze Zeit lang eben mal in der Seitenlage
war.
Immortal yearning
ist eine Ausstellung über das Verschwindung und Wiederauftauchen
und um diesen Bruchteil einer Sekunde Schwebezustand dazwischen. Es ist
kein Zwischen-den-Stühlen-Sein, sondern die unsichtbare Brücke zwischen
zwei Teilen, zwischen ja und nein, entweder oder. Scheinbar gibt es sie,
die beiden Pole: Licht und Schatten, gut und böse, fern und nah. Wir
behaupten aber, das das verborgene und oft übertünchte Dazwischen das
Eigentliche ist. Ines von Sassen, Joanna Szproch und Brigitte Schröter
machen das, und auch die Verwundung darüber, sichtbar.
Immortal yearning
- Die drei Künstlerinnen thematisieren die Unschuld dieses
unmenschlich menschlichen Wunsches. Der Schein des Schönen und seine
Dekonstruktion, trügerische Idyllen. Leicht und flüchtig, hingehauchte
Momente, strotzend vor Poesie, einer Poesie, die sich aus dem tiefen See
der Melancholie speist. Allen Werken gemeinsam ist eine gewisse
Selbstversunkenheit, die aber bei näherem Hinsehen keineswegs etwas
Passives hat. Die Ausstellung 'Immortal Yearning' zeigt Melancholie und Schönheit als schützende Schilder, ja Waffen.
Unser tastendes Auge dringt nicht durch. Keine Frau, kein Mädchen, kein
Kind wird hier Opfer. Davor schützt bei allen Drei der atmosphärische
Filter, durchtränkt mit Unausgesprochenem und einer Rückkehr zur Stille.
Räume, Situationen, Stimmungen, das unnahbare
Verlangen nach kindlicher Unbedingtheit. Den Kern verletzen? Den Kern
spalten? Der Mythos der Unverletzlichkeit durchzieht die
Menschheitsgeschichte, Achill wird in ein Bad getaucht, das ihn
unverletzlich machen soll, zufällig gerät ein Blatt an seine Ferse und
sein Plan geht fehl. Immer spürt irgendwer irgendwo die 'verletzliche'
Stelle auf.
Das offensichtliche und vor aller Augen Entlarven und Aufdecken ist
fast eine sportliche Leistung geworden. Schwachstellen bloßzulegen ist
im Zeitalter der Globalisierung usus und die darin enthaltene
Grausamkeit, politische Gepflogenheit.
Immortal Yearning
,
Frauen und Kinder, die ihrem Verlangen nach Melancholie frönen und
dadurch Unabhängigkeit erlangen, ja, unabhängig vom Betrachter
existieren. Die Bilder befriedigen unsere Schaulust, doch sie verstören
auch, und dann entsteht am Kreuzpunkt von Lust und Schmerz, Erkenntnis.
Joanna Szproch
Szproch pendelt derzeit zwischen Warschau und Berlin. Ihre Arbeiten
zeigen Räume der Privatheit und Intimität, die sich dem Betrachter
darbieten und zugleich entziehen. Frauen, Frauengestalten, wie Chiffren
kommen sie daher. Ganz real und doch von weit her, bannen sie den Blick.
Wir blicken in Räume oder in Ausschnitten von Räumen, die Wohnzimmer
sein könnten oder fliegen mitten hinein in vorbeihuschende Natur. Da
gibt es Verhüllung und Entblößung, Unbedingtheit und ein unbekleidet
Sein, ein Sichbedecken und ein Bedecktsein und oftmals ergibt eines das
Andere und Vielschichtigkeit verstellt den Blick. Aus einer scheinbar
voyeuristische Situation wird eine Heldentat, ein mutiges Geheimnis.
Präsentation überkreuzt Verweigerung, Sehnsucht, das schmerzliche,
innige Verlangen nach Autonomie.
Brigitte Schröter
Die Malerin und Fotografin wurde in Deutschland geboren und ist in
Frankreich aufgewachsen. Sie lebte in Wien und in Paris und pendelt nun
zwischen Berlin und einem verwunschenen Landhaus in der Normandie, das
früher einmal ein Gefängnis war. Schröter kennt ihre Modelle meist gut,
die Eindrücke, die sie festhält, basieren nicht auf einem raschen kurzen
Eindringen oder dem Streifen einer Person. Schröter legt in ihren
Arbeiten den Kern und die Schönheit seiner Unversehrtheit frei, ein
freundlicher Flirt, ein Akt der Befreiung, im Moment des Entstehens
unverletzt eingefangen und sichtbar gemacht. Eventuell entstehen in
Berlin noch kurz vor der Ausstellungseröffnung neue Arbeiten, wir dürfen
gespannt sein, denn Brigitte Schröter führt für die 'Subjekte ihrer
Begierde' ihr Schwert so leicht wie ein Florett: diamantbesetzt, wie aus
weiter Ferne schiebt es den Schleier, den Dunst von Lug und Trug
beiseite, und das Modell ruht machtvoll aus auf dem obersten über und
über bestickten Kissen des Throns der Melancholie, dort wo keine Erbse,
die Gesäßmuskeln mehr sticht.
Ines von Sassen
Rosa und Hellblau, spielende Kinder am Strand, ein Idyll. Doch
schon nach wenigen Sekunden kippt die Wahrnehmung, und es kommen
doppelbödige Lesarten ins Spiel. Schaulust und Voyeurismus werden
sabotiert durch allzu konkrete Inhalte: Totenköpfe, Flüchtlingsschädel
statt Muscheln zu finden, das ist kein kindlicher Traum, kein Vergnügen,
sondern die exemplarische Antwort auf unsere 'Moderne Zeiten'. Es ist
die voyeuristische Inszenierung der modernen Kultur, der permanente
Kampf um das Verschwinden. Die allgegenwärtige Möglichkeit ausgelöscht
zu werden, weil man nicht passt, da nicht hingehört. Ausgemerzt wird,
was im falschen Moment auf der Bildfläche erscheint. Somit sind Sassens
Kinderbilder der Versuch einer Rettung vor dem Verschwinden.
Sehen wir in die zerschnittenen Porträtgesichter der Künstlerin,
lässt uns die Bildtechnik spüren, er ist da, der Schmerz. Er kann
geleugnet oder verdrängt werden, aber dann kommt wieder, als Härte,
Verspannung oder Ruhelosigkeit. Wir würden gerne fliehen, aber das Auge
der Medusa hat uns schon in seinem Bann. Die ganze Zeit gibt es einen
Krieg zwischen dem, was wir sind und dem, was wir sein wollen. Zerrissen
sind wir, Schnitzel oder Schnipsel, ein großes Tohowabo und jedes Mal,
wenn ein Gedanke kommt, wird der Gedanke bewertet. Es gibt eine ständige
Selbstkritik. Wir beschuldigen uns, wir hassen uns, wollen gut sein,
besser sein, die perfekte Person. Stattdessen aber sind wir ein
verschobenes Puzzle, unschuldig in Machart und Wert. Wir schaffen uns
aus den Versatzstücken unserer Vergangenheit ein schöneres,
erträglicheres Selbst und erfinden uns neu in der Lücke zwischen Lüge
und Wahrheit. Dem Archetyp des Antreibers in uns vermögen wir nicht
entkommen, aber wir können ihm seine Bedeutung entziehen. Sassen vermag
das und darum ist ihre Kunst unverzichtbar"
(Pressetext: Galerie Su de Coucou)

Weserstraße 202
12047 Berlin
Tel: +49 (0) 30 / 896 431 39
Web: http://www.sudecoucou.net
Öffnungszeiten
Di - Sa 14 -19 Uhr

