30.10.2011 - 05.02.2012
Auxiliary Constructions - Behelfskonstruktionen
mit Nairy Baghramian, Stefan Eichhorn, Friederike Feldmann, Niklas Goldbach, Lukas Hajek, Stef Heidhues, Dominik Lang, Olaf Lauströer, Jozef Legrand, Heike Mutter und Ulrich Genth, Marten Schech, Felix Schramm, Kilian Rüthemann
"Die Neugestaltung des Ensembles Kunsthausplatz durch Jozef Legrand und die damit verbundene, monatelang präsente Baustelle nehmen wir zum Anlass, das Kunsthaus selbst in den Fokus zu rücken. Künstlerinnen und Künstler wurden eingeladen, sich konkret mit den Räumen des Kunsthauses auseinanderzusetzen. Wie lässt sich das Kunsthaus Dresden – Städtische Galerie für Gegenwartskunst neu denken und nutzen? Auxiliary Constructions – Behelfskonstruktionen wirft Fragen nach der räumlichen Bedingtheit, nach den Eigenarten und Potenzialen des Hauses auf.
Das Gebäude des Kunsthauses wird zum Material der künstlerischen Auseinandersetzung. Den durch das barocke, einstmals in kleine Wohneinheiten aufgeteilte und verwinkelte Haus auferlegten Beschränkungen wird mit künstlerischen Interventionen begegnet, die die räumlichen Bedingungen verschieben.
Die für die Ausstellung ausgewählten und vorwiegend neu produzierten Arbeiten intervenieren an der vorgegebenen architektonischen Grenze, arbeiten ortsbezogen an ihr entlang oder über sie hinaus. Als Kommentar zum Prozess der Ideenfindung und der Umsetzung auf künstlerischer wie kuratorischer Ebene lässt sich Nairy Baghramians Waste Basket (bin for rejected ideas) lesen.
Die Ausstellung thematisiert die Bewegung des Besuchers in diesem architektonischen Setting; die klassische Choreografie des Rundgangs wird aufgebrochen. Verbunden damit ist das Ziel, eine Öffnung des Hauses zu erreichen und eine kontroverse Diskussion um seine Positionierung anzustoßen.
Heike Mutter und Ulrich Genth „zerschneiden“ mit einer Mauer aus bunten Glasbausteinen den ersten Stock des Kunsthauses in zwei Teile. Der vertraute Rundgang durch die Ausstellungsräume ist so nicht mehr möglich und die Besucher sind gezwungen, beide Treppenhäuser zu benutzen. Der modernistische Charakter der Steine wird gebrochen, ist die Vorlage ihrer Verteilung doch das stark verpixelte Foto des Situation Room im Weißen Haus zum Zeitpunkt der Tötung Osama bin Ladens.
Marten Schech hat die Achsen der Räume im Erdgeschoss in den Innenhof hinein verlängert und lässt so einen kleinteiligen geschachtelten Raum entstehen. Die enge Raumstruktur des Kunsthauses wird auf die Spitze getrieben. Die Räume sind im Hof physisch erfahrbar, während die Bewegung der Besucher im Laubengang des Obergeschosses von einem erhöhten Standpunkt aus beobachtet werden kann.
Einen Bezug zum barocken Charakter des Gebäudes stellt Olaf Lauströer mit Spatial Turn her: Er lässt im Umgang des ersten Stocks durch eine rhythmisierte Abfolge von verspiegelten Fensterflächen komplexe Bezüge der Räume ähnlich einem barocken Illusionsraum entstehen.
Stefan Eichhorn betreibt mit Versteck eine Archäologie des Hauses, indem er die Geschichte einer ortspezifischen Installation aufgreift: Die 1996 vernagelte Schiebetür von Günther Uecker im großen Saal des Kunsthauses war seit 1998 beinahe durchgängig hinter einer Arbeit aus Rigipswänden von Eberhardt Bosslet verborgen. Nun wird sie durch zwei Flügeltüren freigelegt. Das Freigeben des Blicks ist jedoch immer nur ein temporäres Moment: Das Öffnen und Schließen der Türen folgt einem festgelegten Rhythmus.
Die Arbeit Good Fence von Stef Heidhues, die die Besucher über einen Umweg durch den Kassenraum ins Innere des Kunsthauses leitet, gleicht einer Sperre. Die Künstlerin arbeitet mit räumlichen Ein- und Ausschlüssen und reflektiert ihre Ambivalenz: Sie können zugleich Ausgrenzung wie auch Abgrenzung sein.
Das fragile Moment der Konstruktion findet sich auch in der Arbeit Untitled von Kilian Rüthemann: Eine dünne Glasscheibe liegt auf einer filigranen Metallkonstruktion, das Eigengewicht der Platte scheint sie in jeden Augenblick zum Bersten zu bringen und erzeugt eine Spannung – hält die Konstruktion oder nicht?
Dominik Lang baut mit Non-Site im großen Saal eine räumliche Struktur aus mobilen Wandelementen, die ihm in seinen Maßen entspricht. Der derart „gefaltete“ Raum nimmt Bezug auf den ihn umgebenden, stellt ihn jedoch durch seine andersgeartete Ausdehnung zugleich infrage. Die durch Scharniere miteinander verbundenen Elemente stehen auf Rollen und ermöglichen es, das Setting immer wieder zu modifizieren.
Bei Friederike Feldmanns Wandmalerei with a little help ist die Behelfskonstruktion elementarer Bestandteil des Bildes selbst: Das strenge Raster der weißen Punkte dient als räumliche Orientierung beim Auftragen der gestischen Formen auf die Wand und bildet zugleich einen Gegenpunkt zu der Spontaneität der dahinter liegenden Schrift, die für den Betrachter nicht zu entschlüsseln ist.
Die raumgreifende Installation Ohne Titel von Felix Schramm im vorderen Galerieraum des Hauses changiert zwischen Skulptur und Modell: In einer Konstruktion aus verschiedenen Wandelementen werden sowohl Modelle bestehender Arbeiten wie auch Körperabformungen integriert. Die verschiedenen Elemente bewahren ihre eigenständigen Formen und lassen im Zusammenspiel zugleich neue entstehen.
Jozef Legrand öffnet im Gewölbesaal die Fenster, die bislang verschlossen waren, und gibt so den Blick nach außen auf den von ihm gestalteten Kunsthausplatz frei. Durch die Öffnung und die farbige Gestaltung der Wände erschient der Raum in einem völlig neuen Licht. Mit Berlin-Dresden laundry/Der Zukunft ist es egal, auf welcher Seite der Mauer sie sich befindet verweist der Künstler auf die transformative Kraft, die räumliche Eingriffe haben können.
Ebenso greift Niklas Goldbachs Arbeit Untitled die Frage von innen und außen wieder auf: Ein männliches Modell, in eine gleichsam urbane Uniform aus schwarzer Hose und weißem Hemd gekleidet, wird im Kunsthaus im Stil einer Werbung für Luxusartikel fotografiert. Die Bilder werden ohne jegliche Beschriftung wie bei einer Viral-Marketing-Kampagne über mehrere Wochen im Stadtraum Dresdens plakatiert. Die Besucher finden dann die Motive als gerahmte Fotografien im Kontext der Ausstellung wieder.
Neben den Arbeiten von Niklas Goldbach und Felix Schramm bringt Lukas Hajeks Prak aufgrund der figurativen Darstellung eine tangible Körperlichkeit in die Ausstellung. Zusätzlich ist der auf einem LED-Display laufende Satz „until I count three“ der kleinen, in einer Kiste zusammengekauerten Figur eine latente Drohung."
(Quelle: Pressetext Kunsthaus Dresden)
Rähnitzgasse 8
01097 Dresden
Tel: +49 (0) 351 / 804 14 56
Fax: +49 (0) 351 / 804 15 82
Web: http://www.kunsthausdresden.de
Öffnungszeiten
Di - Do 14 - 19 Uhr
Sa/So und an Feiertagen 11 - 19 Uhr
Freitag Eintritt frei
Jeden Sonntag 15 Uhr Führung durch die Ausstellung

