Anika Meier über Spaßbilder in Museen

Keine Selfie-Stationen mehr!

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Selfies können ziemlich viel, sie sind sogar fast so etwas wie allmächtig. Sie machen Menschen attraktiver, denken die Menschen, die ständig Selfies von sich posten und dafür täglich 597 Anläufe brauchen. Das richtige Selfie verhilft auf Tinder zu einem Date mit einem möglicherweise wie auch immer passenden Partner, wenn vielleicht auch nur für die nächsten fünf bis 15 Minuten. Auf Instagram verliert man mit dem falschen Selfie ziemlich viele Follower, Snapchat wiederum will und braucht das Selfie, egal wie, am besten super albern, super awesome, super cool mit Face Swap, Filter und Stickern gepimpt. Selfies von Promis bringen Papparazzi um Aufträge, machen allerdings Fans von Justin Bieber sehr sehr glücklich. Was aber Selfies am besten können: Die Kunstwelt auf den Kopf stellen.

Museen zeigen plötzlich so häufig Selfie-Ausstellungen wie Selfies in den sozialen Medien geteilt werden – okay, nur fast. Die Kunstkritik findet das nicht gut und ruft verzweifelt: Es reicht! Keine Selfie-Ausstellungen mehr! Und jetzt wird sich darüber beklagt, dass Menschen nur noch ins Museum gehen, um Selfies zu machen, wie gerade im "New Yorker" geschehen. Die Kritik ist nicht neu. Aber weil sie immer wieder vorgebracht wird, ist sie doch etwas verwunderlich. Besonders verwunderlich ist die Kritik am #museumselfie oder #artselfie, wenn sie mit dem Wunsch nach einem Fotoverbot verbunden wird. Im "Art"-Magazin war aktuell zu lesen: "Die wirklich mutigen Kuratoren erkennt man derzeit am Fotoverbot."

Es ist mutig Museumsbesuchern vorzuschreiben, wie sie sich eine Ausstellung anzusehen haben? "Bitte ohne Smartphone in der Hand! Betrachten Sie jedes Werk mindestens 2 Minuten und 37 Sekunden. Gehen Sie langsam und bedächtig zum nächsten Werk, überholen Sie nicht die Person, die vor Ihnen geht und guckt. Schauen Sie sich das nächste Kunstwerk erst an, wenn Sie sich sicher sind, die vorhergehende Arbeit verstanden zu haben. Wiederholen Sie diesen Vorgang 87 Mal. Verlassen Sie die Ausstellung erst, wenn Sie in der Lage sind, eine Kurzkritik von 1.500 Zeichen zu verfassen. Dankeschön und bis zum nächsten Mal! Sie dürfen Ihr Smartphone wieder verwenden, sobald die Tür des Museums hinter Ihnen zugefallen ist."

Warum eigentlich gibt es ganz offenbar eine richtige und eine falsche Art der Kunstbetrachtung? Warum gibt es vermeintlich richtige und falsche Museumsbesucher? Richtig und erwünscht von den Hütern des Tempels der Kunst ist, wer kommt, um in stiller Kontemplation zu versinken. Unerwünscht ist, wer das Museum als Kreativzone erlebt. Sei es nun, weil Selfies gemacht oder Kunstwerke fotografiert werden. Ist ein Museumsbesuch nicht einfach ein Freizeitangebot wie ein Schwimmbadbesuch? "Also, hier, nein, Rückenschwimmen, das geht überhaupt nicht, machen Sie das mal woanders. Laufen Sie doch rückwärts durch den Wald, da stören Sie wenigstens niemanden."

Wer ins Museum eines Selfies wegen geht – macht das eigentlich tatsächlich jemand außer am Museum Selfie Day? –, der reduziere die Kunst auf einen Gebrauchsgegenstand. Und die Kunst, die sei folglich nur noch eine Kulisse der Selbstdarstellung, so der Gedankengang im "Art"-Magazin. Es wird befürchtet, dass Kuratoren ihre Werkauswahl auf Selfie- und Instagramtauglichkeit hin überprüfen, dass sie vor dem Museumsbesucher einknicken, um deren steigender Ich-Bezogenheit entsprechen zu können. Aber haben Künstler nicht schon immer auf die Bedürfnisse der Käufer und des Kunstmarktes reagiert? Und sollten sich Museen nicht auch an den Besucherwünschen orientieren, wenn sie überleben wollen? Zumindest ein wenig?

 

Ein Problem ist tatsächlich das Selfie. Und das nicht einmal in Kombination mit dem Besucher. Herrscht in einer Ausstellung, aus welchen Gründen auch immer, ein Fotoverbot, wird fix eine Selfie-Station gezimmert. Noch mehr Fotoverbote hätten also noch mehr Selfie-Stationen zur Folge. Und das kann nun wirklich niemand wollen. Hoffentlich. Bitte. Nicht. Kaum hat die Wiener Albertina eine Selfie-Kulisse abgebaut, steht schon die nächste im Eingangsbereich. Auf die große Munch-Ausstellung folgte "Chagall bis Malewitsch. Die russische Avantgarde", auf die Selfie-Wand mit dem Schrei von Munch folgten die Spaziergänger von Chagall. Und immer wieder aufs Neue möchte die Albertina, dass die Besucher "kreative Selfies" machen. Erst mit dem Schrei, jetzt mit den Spaziergängern. Leider ist es nicht wirklich ein kreativer Akt, sich vor eine Wand zu stellen und einmal den Schrei zu imitieren oder sich posierend in die Luft zu schwingen wie die Spaziergänger von Chagall. Das ist nett, süß, kitischig. Irgendwie Kindergeburtstag, irgendwie Volksfest, irgendwie Budenzauber, den man überall erwarten würde, nur nicht unbedingt in einem Museum, das Besucher kreativ herausfordern möchte. Statt eines Fotoverbots in Museen bräuchte man also ein Kreativitätsgebot für Museen oder anders gesagt: Ein etwas ausgeklügelteres Kreativitätsangebot von Museen für ihre Besucher. Keine Selfie-Stationen mehr!

Und hier ein kleines "Best of" von Selfie-Kulissen in Museen:

Albertina #albertinamunch

It's the last day for your selfies! #AlbertinaMunch closes today at 6pm. #AlbertinaMuseum #Albertina

A photo posted by Albertina Museum - Vienna (@albertinamuseum) on

 

Bucerius Kunst Forum #picassome

 

Belvedere Museum #belvedermuseum

 

Museum Kunstpalast #zurbaran

 

Gemäldegalerie #venusofberlin

Venus de otoo #VenusOfBerlin #gemldegalerie #botticelliberlin

A photo posted by (@niajimeno) on

 

Victoria and Albert Museum #botticellireimagined

#shellfie #bottecellireimagined #venus

A photo posted by Michael Gurhy (@exquisitedecadence) on

 

Museum Ludwig

 

Max Ernst Museum

#timburton

A photo posted by @knipfi on

 

NRW-Forum Düsseldorf

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