Tauziehen um Teheran-Sammmlung geht weiter

Keiner traut keinem

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Es hätte der Höhepunkt des Berliner Kunstjahres werden können: Ab Anfang Dezember sollten noch nie im Westen gezeigte Meisterwerke aus dem Depot des Teheran-Museums in der deutschen Hauptstadt ausgestellt werden. Doch die Euphorie ist gegenseitigem Misstrauen gewichen

Man traut seinen Ohren kaum, wenn man die aktuellen Berichte zur Sammlung des Teheraner Museum für Zeitgenössische Kunst (TMOCA) verfolgt, deren großangekündigte Ausstellung  in Berlin sich immer weiter verschiebt. Eine Umgestaltung des iranischen Kabinetts, die Präsident Hassan Ruhani Mitte Oktober vorgenommen hatte und in deren Folge ein neuer Kulturminister eingesetzt wurde, sei Grund für die Verzögerung, hieß es zunächst. In der aktuellen "Zeit"-Ausgabe ist jetzt zu lesen, die Sammlung sei verwahrlost und die Iraner könnten Fälschungen nach Deutschland schicken. In der aktuellen Ausgabe von Monopol wiederum schreibt der Kunsthistoriker Christoph Sehl von Befürchtungen der iranischen Seite, dass der Westen die 30 Meisterwerke - darunter Arbeiten von Picasso, Francis Bacon, Jackson Pollock und Andy Warhol - behalten und nicht zurück in den Iran schicken könnte.

Das Ganze mutet deshalb so surreal an, weil das Ausstellungprojekt auf höchster Ebene ausgehandelt wurde: auf deutscher Seite von Außenminister Frank-Walter Steinmeier sowie dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, auf iranischer Seite vom Kulturministerium sowie dem Direktor des TMOCA. Man sollte davon ausgehen, dass die im Mai unterzeichneten Verträge professionell aufgesetzt wurden. Das Ganze ist schließlich kein Hinterzimmerdeal zwischen Bananenrepubliken.

Es ist aber, und das wird jetzt immer deutlicher, ein Abkommen zwischen zwei Ländern, die über Jahrzehnte hinweg keinen kulturellen oder diplomatischen Austausch hatten. Da verlässliche Strukturen fehlen, über Kompetenzen, Gepflogenheiten und Ansprechpartner große Unsicherheit herrscht, ist das Misstrauen hier wie dort immens: Eine Rückgabegarantie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gilt da so wenig wie ministeriell unterzeichnete Absichtserklärungen. Für manchen im Iran ist Deutschland der Schurkenstaat.

Im Iran selbst hat sich so schon bald nach der Vertragsunterzeichnung im Mai eine bislang kaum vorstellbare Koalition gegen das Ausstellungsvorhaben gebildet: Sie besteht aus Hardlinern, die die Werke als iranisches Kulturgut erachten, das generell nicht in den Westen entliehen werden sollte. Sie besteht aus Parlamentariern und Mitgliedern des Kulturausschusses, die sich von dem Deal übergangen fühlen. Sie besteht aber auch aus liberalen Kräften, Künstler- und Galeristenvereinigungen, die um den Verlust der Sammlung fürchten und in das Projekt eingebunden werden wollen.

Offenbar ist in einigen Fällen die Zertifikation der Werke unsicher. So sollen Exiliraner und im Ausland lebende Privatpersonen, darunter der Gründungsdirektor des TMOCA, Kamran Diba, und der amerikanische Kunsthändler Tony Shafrazi, als Eigentümer einiger Werke firmieren. Sollten die Werke das Land verlassen, so die Befürchtung im Iran, könnten gerade aus dem Umfeld des früheren Schahs Mohammad Reza Pahlavi, zu dessen Herrschaftszeit die Sammlung aufgebaut wurde, Besitzansprüche geltend gemacht werden.

Der neue iranische Kulturminister Seyyed Reza Salehi Amiri hat jetzt eine Kommission gebildet, die über die Ausstellung entscheiden soll – Amiri, der als Unterstützer des Vorhabens gilt, will offenbar die Unterstützung des Parlaments gewinnen. Mitte Dezember reisen dann Andreas Görgen, Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, und Joachim Jäger, der Kurator der Berliner Ausstellung, nach Teheran. Es wird der Showdown dieses kulturdiplomatischen Duells.

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