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Germanwings-Absturz

"Kunst ist etwas, das bleibt"

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Als Ende März der Pilot eines Germanwings-Flugs die Maschine zum Absturz brachte, kamen dabei alle Passagiere ums Leben. Darunter auch die junge Künstlerin Juliane Noack. Wir sprachen mit ihrem Lebensgefährten David Nowak über Kunst und Erinnerung

Es gab einen Punkt, an dem niemand mehr daran zweifeln konnte, dass der Absturz kein Unfall war. Der Pilot, der eine Maschine der Germanwings am 24. März gegen die französischen Alpen steuerte, wollte sich und den 150 Passagieren das Leben nehmen. Unter den Opfern der unfassbaren Tat war auch die 30-jährige Künstlerin Juliane Noack und ihr ungeborenes Kind.

Noack hat 2012 ihren Abschluss an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle gemacht. Im Jahr darauf bekam sie ein Arbeitsstipendium und wurde durch die Galerie Katrin Eitner in Berlin vertreten. In diesem Frühjahr war sie für einen Arbeitsaufenthalt in Spanien. Auf dem Rückflug ließ der Co-Pilot die Maschine abstürzen.

Die meisten Angehörigen der Opfer haben nach dem Unglück die Öffentlichkeit gemieden. Nun hat der Freund der Künstlerin, David Nowak, gemeinsam mit den Eltern und der Galeristin Katrin Eitner einen Förderverein gegründet. Daraus soll eine Stiftung hervorgehen, die jungen Künstlern den ersten Schritt in den Kunstbetrieb erleichtert. 

Versucht man, die Tat des Co-Piloten zu verstehen, steht man schnell hilflos da. Daher das Motto der Stiftung: "Aus Sinnlosem neuen Sinn schaffen." Wir haben mit David Nowak darüber gesprochen, wie Kunst bei der Erinnerung hilft, und was nun mit Juliane Noacks Arbeiten passiert.

 

Herr Nowak, viele Angehörige haben nach dem Germanwings-Unglück den Kontakt mit den Medien vermieden. Warum treten Sie mit ihrem Projekt jetzt an die Öffentlichkeit?
Es geht mit dem Projekt nicht nur darum, die persönliche Leidensgeschichte eines Opfers zu erzählen. Es geht um eine zukünftige Perspektive, die sich daraus ergibt. Es ist unser Ziel, mit dem Verein, aus dem später die Stiftung erwachsen soll, neuen Sinn zu schaffen. Das ist auch unser Motto. Deswegen treten wir an die Öffentlichkeit. Das hat einen anderen Schwerpunkt und bekommt eine andere Dynamik.

Sie hatten schon seit dem Sommer den Plan, ein Stipendium für junge Künstler ins Leben zu rufen. Jetzt haben Sie einen Förderverein für junge Künstler mitbegründet. Welches Ziel hat das Projekt? Welche Arbeit liegt noch vor Ihnen?
Das Ziel des Projekts ist, zum einen ein Gedenken an Juliane zu schaffen, das sich nicht nur auf Vergangenes beruft. Also auf Julianes Vergangenheit und ihre Person als Künstlerin. Es soll auch in die Zukunft strahlen. Dabei geht es darum, das andere große Ziel umzusetzen: Wir wollen mit der geplanten Juliane Noack Stiftung deutschlandweit junge Künstler fördern, die in einer ähnlichen Situation sind wie Juliane es selbst war. Nämlich in der Zeit nach dem Abschluss, der für viele Kunstschaffende schwierig ist. Wir wollen im Kern Stipendien und Projektförderung für junge Künstler anbieten, haben aber auch schon weitere Fördermöglichkeiten wie Reisekostenförderung im Blick.

Von vielen Seiten wurde Ihnen und der Familie Noack nach dem Unglück Rückhalt zugesichert. Auch die Lufthansa war für das Projekt offen. Welche Institutionen beteiligen sich jetzt?
Wir sind, um nur einige Beispiele zu nennen, in Kontakt mit der Staatskanzlei und dem Kultusministerium von Sachsen-Anhalt. Ebenso mit der Stadt Halle/Saale, wo Juliane Noack studiert hat. Die Lufthansa hat einen Hilfsfonds gegründet, bei dem sich Angehörige ab 2016 um Projektmittel bewerben können. Diese Möglichkeit werden wir natürlich auch nutzen. Dieser Fonds ist unabhängig von den Schadensersatzregelungen. Und ab 2016 planen wir deutschlandweit auf weitere Institutionen zuzugehen, denn wir benötigen finanzielle Unterstützung, um überhaupt starten zu können. Familie Noack und ich haben bereits entschieden, dass wir das Geld, das wir eventuell als Schadensersatz von der Lufthansa erhalten, in die Juliane Noack Stiftung geben werden.

In welchem Stadium befindet sich das Projekt derzeit?
Wir sind noch ganz am Anfang. Der erste Schritt war es, den Förderverein zu gründen. Der ist jetzt getan. Wir sind in der "stillen Phase", in der man konzipiert und erste Gespräche mit möglichen Unterstützern führt. Und wir denken darüber nach, wie man Synergien mit weiteren Organisationen oder Projekten sinnvoll nutzen kann. Das sieht man an der Galerie Katrin Eitner und Julianes künstlerischen Nachlass. Die Galeristin Katrin Eitner ist ebenfalls im Vereinsvorstand und seit Beginn an der Planung für die Künstlerförderung beteiligt. Schon dadurch arbeiten wir eng zusammen. Die Galerie bereitet den ersten Katalog mit Julianes Werken vor. Dieser soll zur Ausstellung erscheinen. Der Katalog soll auch auf den Förderverein und die zukünftige Juliane Noack Stiftung aufmerksam machen. Bei der Umsetzung sind auch Künstler und Designer beteiligt, mit denen Juliane früher zusammengearbeitet hat. Einige davon sind auch Vereinsmitglieder. Im Grunde führt das Julianes Art zu arbeiten und Projekte zu initiieren weiter. 

Lässt das Projekt persönliche Trauerbewältigung zu etwas Allgemeinerem werden?
Ich hoffe sehr, dass das passiert! Es soll nicht nur in diesem persönlichen Rahmen bleiben. Es war von Anfang an geplant, etwas für die Allgemeinheit daraus zu schaffen.

Welche Funktion hat die Kunst bei der Bewältigung von Trauer?
Für mich persönlich ist Kunst etwas in sich Wertvolles. Nicht im materiellen Sinn, sondern als etwas, das man wertschätzen kann. Kunst ist etwas, das bleibt, eine Aussage trifft und Bedeutung hat, unabhängig von der Funktion. Das ist etwas sehr Schönes, fast Mystisches.

Welche Rolle spielt Juliane Noacks Kunst bei der Erinnerung?
Wenn ich Julianes Arbeiten sehe, dann steckt für mich sehr viel von ihrer Person darin. Das künstlerische Schaffen beeinflusst das gesamte Wesen. Juliane war Künstlerin und ihre Arbeit hat unseren gemeinsamen Alltag stark geprägt. Deswegen steckt in ihren figürlichen Skulpturen und Schmuckobjekten unglaublich viel von ihrem Wesen.

Juliane Noack wurde schon von einer Galerie vertreten und einige ihrer Arbeiten sind schon in einer Sammlung. Was geschieht nun damit?
Julianes Eltern sind die Erben der Arbeiten, die sich noch in Julianes Besitz befanden. Sie haben im Frühjahr beschlossen, die Werke momentan nicht zu verkaufen, um keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen. Den künstlerischen Nachlass verwaltet die Galerie Katrin Eitner. Es geht beispielsweise darum, ein Werkverzeichnis zu erarbeiten. Obwohl Juliane noch sehr jung war, sind wunderbare Arbeiten zusammengekommen. Wenn für Julianes Eltern der richtige Zeitpunkt gekommen ist, wird auch ein Verkauf möglich sein. Aber vor allem ist uns wichtig, dass die Stücke an einen guten Platz kommen, zum Beispiel in eine Sammlung, wo sie auch öffentlich gesehen werden. Auch darüber werden erste Gespräche geführt. Sicher ist allerdings schon jetzt, dass die Kunststiftung Sachsen-Anhalt Ende 2016 eine Einzelausstellung in ihren Räumlichkeiten in Halle ausrichten wird. Das genaue Datum soll voraussichtlich im Laufe des Januars feststehen. Ein weiterer Ausstellungsort ist geplant, aber noch nicht endgültig entschieden.

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