Umstrittener Pop-Art-Künstler

Allen Jones wird 80

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Seine Fetisch-Möbelstücke sind berüchtigt. Ist das sexistische Kunst? Diese Frage begleitet seit über 50 Jahren das Werk von Allen Jones

Er ist fasziniert von der weiblichen Form und hat sie als Skulptur, Druck und Gemälde verewigt – die Frau als idealisiertes Kunstgeschöpf, mal Göttin, mal Hure. Trotzdem beteuert Allen Jones immer wieder: "Ich bin Feminist." Der umstrittene Pop-Art-Künstler wird in den 70ern erst von der feministischen Kultzeitschrift "Spare Rib" abgewatscht, dann werfen Aktivisten Stinkbomben in seiner 1978er Ausstellung, und schließlich kippen zwei Protestler 1986 Farbbeize über seinen "Chair" in der Tate Gallery.

Kein Wunder: Für seine provokativen Skulpturen "Table", "Chair" sowie "Hat Stand" steckte er halbnackte Schaufensterpuppen in Lackkorsagen und Schaftstiefel und verarbeitete sie zu Tisch, Sessel und Hutständer. Vor allem der Stuhl schockt: Die Sitzfläche wird von einer am Boden liegenden Frau gestützt, die ihre Beine in die Luft streckt.

Heute sind die Fetisch-Objekte Klassiker der 60er und 70er-Jahre. Am Freitag (1. September) feiert der Gentleman und feinsinnige Intellektuelle Allen Jones seinen 80. Geburtstag.

Geboren 1937 in der englischen Hafenstadt Southampton, wächst er im Westen Londons auf und studiert am Royal College of Arts zusammen mit David Hockney und R. B. Kitaj, beeinflusst von Modernisten und Surrealisten. In den frühen 1960er-Jahren unterrichtet er Lithographie und Zeichnen in London, später führen ihn Gastprofessuren unter anderem an die Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg und die Berliner Hochschule der Künste.

New York zieht ihn an – "das Zentrum der Avantgarde. Ich wollte mich dort austesten", erzählte er dem "Guardian". Dort trifft er 1964 die Stars des abstrakten Expressionismus und entdeckt Fetischhefte aus den 50er-Jahren. Die übertriebenen, holzschnittartigen Illustrationen inspirieren ihn, genauso wie die provokative Subkultur Ende der 60er Jahre. Im "Telegraph" erinnerte er sich, wie er vormittags am Samstag seine Kinder im Kinderwagen der King's Road in Chelsea entlang schob und das Straßentheater bewunderte: "Die Röcke waren kürzer, der Körper auf neue Art und Weise ausgestellt. Und man wusste, nächste Woche würde es jemand noch weiter treiben."

1969 kreiert er seine erste Gruppe ikonischer Fiberglas-Skulpturen "Table", "Chair" sowie "Hat Stand". Sie wird sechsmal reproduziert; eine davon gelangt in die Sammlung des fränkischen Lebemanns Gunter Sachs. Als Sotheby's 2012 seinen Nachlass versteigert, entbrennt ein Bieterwettkampf um die drei Sammlerstücke. 50 000 Euro sollen sie nach Schätzung von Sotheby's pro Stück bringen. Am Ende erreichen alle zusammen etwa drei Millionen Euro.

Dem Londoner Stadtmagazin "Time Out" sagte Jones rückblickend: "Die Skulpturen sind in ihrer Zeit gefangen, aber hoffentlich sind die Leute stark genug, um sie als spielerisch zu sehen, als eine andere Art, die Menschheit zu betrachten." Seither konzentriert er sich vor allem auf zweidimensionale Frauenkörper – graziöser, mit tänzerischen, musikalischen Motiven, einer ganz eigenen Bildsprache.

Im Auftrag des Münchner Sammlers Gert Elfering zeichnete und fotografierte er das Supermodel Kate Moss in Goldgloss: "Ich sägte die Arme und den Kopf von der 'Hutstand'-Skulptur ab und machte sie zu 'Body Armour' (Körperpanzerung)", beschrieb er seine Vorgehensweise im "Interview Magazin". Derzeit arbeitet er mit den Londoner Designern Whitaker Malem zusammen, die mit ihren metallischen Lederbustiers für den Hollywood-Blockbuster "Wonder Woman" bekannt wurden.

Doch eines bleibt bei Allen Jones immer offen, seit mehr als einem halben Jahrhundert: Ob er seine Modelle mit kritischer Distanz oder voyeuristischem Begehren betrachtet – darin besteht die spannende Mehrdeutigkeit seines Werks.

Foto: dpa

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"Chair" des britischen Künstlers Allen Jones 2012 in der Kunsthalle in Tübingen.
Foto: dpa

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"Esclave (Table)" von Allen Jones (1969) 2012 auf der 9. art Karlsruhe.

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