Superstressjahr?

Stilvoll aus der Filterblase

ANZEIGE

Wetter, Hotel, Ausstellungen: Das Smartphone weiß immer schon vorab, wie alles wird. Die Kunst aber kennt keine Sicherheiten. Ein Plädoyer für Kon­trollverlust im Superkunstjahr

Manieren können töten. Als am französischen Hof einmal jener Höfling abwesend war, dessen Aufgabe darin bestand, den Sessel seiner Majestät zu verrücken, blieb der König vor dem Kaminfeuer sitzen und erduldete klaglos die Verbrennung seines Körpers. Gemeine Arbeit hätte ihn schändlich befleckt, und so starb der König in Ehren.

Thorstein Veblen erwähnt diese Anekdote in seinem 1899 erschienenen Buch "The Theory of the Leisure Class" (deutscher Titel: "Theorie der feinen Leute"), das heute als einer der brillantesten Beiträge zur Soziologie des Prestiges gilt. Veblen, 1857 in Wisconsin geboren, erkennt in jenem nicht näher benannten König einen Vorläufer der amerikanischen Oberschicht um 1900, mit deren Sitten und Denkweisen er abrechnet. Stets getrieben davon, "neidvolle Vergleiche" mit anderen zu ziehen, ergötzten sich die feinen Leute an ihrer Unproduktivität, denn "nicht zu arbeiten zeugt von Reichtum und wird deshalb zum konventionellen Merkmal der gesellschaftlichen Stellung". Dabei genüge es nicht, Macht und Reichtum zu besitzen, sondern "beide müssen sie auch in Erscheinung treten": durch "demonstrativen Müßiggang" und durch "demonstrativen Konsum", der keinem anderen Zweck als dem Prestigegewinn diene.

120 Jahre später mag im Distinktionsstreben noch immer eine treibende gesellschaftliche Kraft liegen, Vergnügen und Müßiggang aber sind auf der Strecke geblieben. "Die heutigen Superreichen entsprechen nicht mehr der leisure class, wie Thorstein Veblen sie definiert hat", konstatiert Marc Spiegler, Direktor der Art Basel. Während Käufer früher noch einige Tage auf Messen blieben, sich mit den Galeristen unterhielten und nebenbei vielleicht noch Museen und Sehenswürdigkeiten besuchten, schrumpft das Zeitfenster heute auf ein paar Stunden am VIP-Tag. "Die neuen Käufer auf unseren Messen betreiben Hedgefonds oder Start-up-Unternehmen; sie mögen superreich sein, aber sie sind auch superbusy", so Spiegler.

Zahlreiche Studien belegen, dass der Vorwurf der Unproduktivität, den Veblen gegen die feinen Leute erhob, heute nicht mehr greift. In ihrem Essay "The Rise of the New Global Elite" im US-Magazin „Atlantic“ schreibt Chrystia Freeland, dass das reichste ein Prozent der Amerikaner im Jahr 1916 nur 20 Prozent seines Einkommens durch bezahlte Arbeit erwarb, sich dieser Anteil im Jahr 2004 aber auf 60 Prozent verdreifacht hatte. Der britische "Economist" fragt: "Why is everyone so busy?", und zitiert eine groß angelegte Umfrage der Harvard University, in der beschrieben wird, dass 94 Prozent der Führungskräfte mindestens 50 Stunden pro Woche arbeiten und mehr als die Hälfte über 65 Stunden. Je besser ausgebildet und je reicher die Menschen sind, desto länger arbeiten sie. "Die sogenannte leisure class war noch nie so gestresst wie heute."

Das Ganze ist kein Elitenproblem. Wirtschaftskrisen, Globalisierungsdruck und prekäre Arbeitsverhältnisse sorgen klassenübergreifend für soziale Unsicherheit und Zukunftsängste. Internet, E-Mails und Smartphones beschleunigen die Arbeitsprozesse und verstärken das Gefühl, ständig Entscheidungen treffen und auch in der Freizeit erreichbar sein zu müssen. So wird das Mittagessen unter Geschäftspartnern vom "Office-Salat" am Schreibtisch ersetzt (Rotwein wird ohnehin nur mehr im französischen Film aufgetischt); so verschieben Manager im Flugzeug nach Stuttgart oder Hannover ihre Excel-Tabellen, um nur ja für das sicher superwichtige Meeting gerüstet zu sein. Zum realen kommt ein psychologischer Druck, der Veblens "demons­trative Muße" demonstrativem Stress weichen lässt: Wer heute wichtig erscheinen will, muss unbedingt geschäftig wirken.

Es bleibt wenig Platz für Zufälle

In diesem Jahr fallen mit der Documenta in Athen und Kassel, der Venedig-Biennale und Skulptur Projekte Münster drei Großveranstaltungen zusammen. Die Grand Tour stehe an, heißt es. Schlagen wir zur Reisevorbereitung also einmal die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs nach: Seit der Renaissance gingen die Sprösslinge des Adels und später auch des gehobenen Bürgertums auf Bildungsreisen durch den europäischen Kontinent. Sie besuchten Baudenkmäler und Naturschauplätze, lernten fremde Sprachen und Sitten, verfeinerten ihre Manieren, sammelten neue Eindrücke, machten manche erotische Erfahrung, erweiterten also in jedem Sinn ihren Horizont. Monate, ja mitunter Jahre nahm eine solche Grand Tour bis ins späte 19. Jahrhundert in Anspruch.

Das Problem ist nicht, dass sich der heutige Kunstadel in den EasyJet-Flieger zur Venedig-Biennale neben das Kreativprekariat quetscht. Sondern dass niemand wirklich Zeit zu haben scheint. Mehr als eine, vielleicht zwei Übernachtungen mag sich kaum jemand mehr leisten, und das obwohl die Schauen immer weiter ausufern. Da bleibt wenig Platz für Zufälle, kein Raum, um beim Denken mal die Richtung zu wechseln. Soweit die Routen nicht schon vorab festgelegt sind, tauscht man sich vor Ort unablässig am Handy aus, wen und was man gesehen haben muss. Das Smartphone weiß immer schon vorab, wie alles wird: das Wetter, das Hotel, die Ausstellungen. Die Kunst aber kennt keine Gewissheiten.

Wir Journalisten folgen dem Trend und befeuern ihn zugleich: Während klassische Rezensionen immer seltener gelesen werden, schießen die Klickzahlen für Rankings und Listen nach dem Muster "10 Dinge, die Sie auf der XY-Veranstaltung gesehen haben müssen" in die Höhe. Bloß nichts verpassen! Eine Party ist schon lange nicht mehr genug, am anderen Ende der Lagune wartet immer noch was Besseres. Da für wirklichen Exzess, Stoff so vieler Kunstbetriebslegenden, in der schedule kein slot vorgesehen ist, endet die Nacht meist halb besoffen und unbefriedigt um halb eins; man war überall und hat doch nichts erlebt.

Auf der von Maurizio Cattelan und Jens Hoffmann 1999 erdachten 6. Karibik-Biennale war tatsächlich nichts zu sehen, aber einiges zu erleben. Die Veranstaltung war professionell beworben worden, doch den eingeflogenen Journalisten bot sich kein einziges Kunstwerk, dafür konnten sie mit den Künstlern baden, essen und quatschen. An den weißen Stränden von Saint Kitts, so schrieben es die Initiatoren, solle ein "Ort der Ruhe" entstehen, der sich gegen die von Biennalen gefeierte neue "Ökonomie der Aufmerksamkeit", gegen die "Hektik der zeitgenössischen Cocktail-Gesellschaft-Kunstwelt" verbarrikadiere.

Könnte Langeweile produktiv sein?

Doch schon lange vor dieser Betriebs-Persiflage haben sich Künstler dem Zeit-ist-Geld-Diktat widersetzt. Zur Hochzeit der Industrialisierung züchtete Marcel Duchamp Staub und schuf mit seinen Readymades – Alltagsgegenständen, wie einem Rad oder einem Pissoir, die er ins Museum stellte – die wohl faulsten Werke der Kunstgeschichte. Fluxus-Künstler wie John Cage flohen in den Wirtschaftswunderjahren der Nachkriegszeit in meditative Stille; in den 60er-Jahren filmte Andy Warhol den Poeten John Giorno beim Schlafen: fünf Stunden und 20 Minuten, eine Einstellung.

Warhols mondäne Ereignislosigkeit steht in radikalem Kontrast zur Geschäftigkeit unserer Gegenwart, wie sie der US-amerikanische Kunstkritiker und Wahrnehmungsforscher Jonathan Crary in seinem Buch "24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus" beschreibt. Crary legt darin dar, wie der Schlaf im Zuge der Aufklärung und Industrialisierung zunehmend als Zeitverschwendung in Verruf gerät. Vor 100 Jahren schliefen Amerikaner im Durchschnitt noch zehn Stunden. Vor einer Generation waren es noch acht Stunden. Heute sind es nur noch sechseinhalb Stunden. Der Schlaf, so Crary, werde geraubt von einer neuen, digital befeuerten Aufmerksamkeitsökonomie: "Da es aber keinen Zeitpunkt, Ort oder Anlass mehr gibt, wo man nicht shoppen, konsumieren oder Daten abrufen kann, dringt die Unzeit des 24-Stunden-Takts in alle Aspekte des sozialen oder persönlichen Lebens ein."

Der weltweit wohl bekannteste Kurator Hans Ulrich Obrist scheint kein Problem mit dieser Entwicklung zu haben – er rühmt sich dafür, mit nur vier Stunden Schlaf auszukommen. Obrist wurde vom Magazin "ArtReview" gerade wieder einmal zum "wichtigsten Mann der Kunstwelt" gekürt, begründet wurde die Entscheidung damit, dass der Schweizer sich mit der "Distribution von Ideen" beschäftige. Dagegen ist nichts zu sagen – nur müssen Ideen, um Kunst zu sein, auch anschaulich werden, braucht es Raum und Zeit, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Was tun? Entschleunigung predigen, wie die vielen neuen Achtsamkeits-Magazine "Happinez" , "Flow", "Happy Way", "Ma Vie", "Herzstück" und wie sie alle heißen, und sich damit gleich wieder in die neoliberale Verwertungskette einsortieren? Langsamkeit ist kein Patentrezept, das wussten schon die Aktivisten der Situationistischen Internationale. Deren Chefideologe Guy Debord gab zwar die Parole "Arbeitet niemals!" aus – Langeweile war für ihn aber nur die Kehrseite des Kapitalismus und daher "immer konterrevolutionär". Ganz im Sinne der heutigen Akzelerationisten befeuerten sie den Irrsinn der Spektakelgesellschaft lieber noch, in der Hoffnung, dass sie an ihrer eigenen Absurdität ersticken möge.

Für das Entwerfen von "Situationen" ist auch Tino Sehgal bekannt. In seiner Kunst gibt es keine Objekte, sondern nur zwischenmenschliche Interaktion, in deren Verlauf von ihm instruierte Interpreten das Publikum in Gespräche verwickeln oder zum Tanz bitten. Der Ausstellungsraum wird im beuysschen Sinn zur lebendigen sozialen Plastik, zu einem Ort des Austauschs und kreativen Experiments. Sehgals Werk ist immer wieder mit Thorstein Veblen in Verbindung gebracht worden – wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen: Wo Veblen die leisure class für ihre Unproduktivität verdammt, spricht aus Sehgals Werk der Glaube an das emanzipatorische Potenzial der Muße.

Vielleicht wäre mit ein bisschen Umdeutung und Bewusstwerdung ja tatsächlich schon geholfen. Könnte Langeweile produktiv sein? Passiert auf einem monochromen Bild möglicherweise mehr als auf Facebook? Sind wir vernetzt oder isoliert? Ist Stress wirklich professionell? Oder mitunter ziemlich pseudo? Trinken wir noch ein Glas? Und ist es nicht eigentlich ziemlich toll, gerade hier zu sein?
Im deutschen Pavillon der Venedig-Biennale stellt im Mai übrigens Anne Imhof aus, die sich einst als Interpretin bei Tino Sehgal verdingt hat. Die letzten Performances der Künstlerin dauerten vier bis fünf Stunden. Aber das soll jetzt wirklich keinen Stress auslösen.

Drucken

Zurück zur Übersicht

Weitere Artikel aus dem Dossier