Kleidung als Kunst

Mal anprobieren

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Macht Mode die Welt zu einem besseren oder zu einem schlechteren Ort? Zwei Ausstellungen in Berlin und Stuttgart

Die französische Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster ist unter allen Künstlern der "Relational Aes­thetics" wahrscheinlich diejenige, die am wenigsten eindeutig ein Thema verfolgt, weder inhaltlich noch formal. Gonzalez-Foerster arbeitet als Videokünstlerin, macht Installationen, arbeitet ortsspezifisch oder auch ganz ephemer. Literarische und filmische Referenzen spielen eine Rolle, oft geht es um einen Prozess. Ihre Ästhetik ist dabei oft sehr ausgesucht und zurückgenommen. In der Tate Modern Turbine Hall errichtete sie 2008 für die Unilever Series das düstere Zukunftsszenario einer Notunterkunft für Menschen und Kunstwerke, dazu lief ein Film aus Science-Fiction-Ausschnitten. Auch ihre 2015 im Centre Pompidou und anschließend in der Kunstsammlung NRW gezeigte Einzelschau war nicht zur Festlegung geeignet. Es scheint, als gehe es der Künstlerin unter anderem genau darum: sich einen maximalen Aktions-und-Assoziations-Raum zu erlauben.

Der Künstler kann sich aller Themen und alle Rollen annehmen – das ist ein Aspekt, den Dominique Gonzalez-Foerster in ihren Arbeiten immer auch mit behandelt und beharrlich verteidigt. Auf den zweiten Blick geht es auch genau darum in ihrer aktuellen Ausstellung im Berliner Schinkel Pavillon, die auf den ersten vielleicht wirken mag wie eine geschmackvolle Verkleidungsparty. Entstanden ist "Costumes and Wishes for the 21st Century" in einer kongenialen Zusammenarbeit mit dem Designer und Verleger Manuel ­Raeder (verantwortlich für die Ausstattung der beiden Ausstellungsräume) und den Künstlerinnen des Labels Bless.

Die Ausstellung lädt dazu ein, in die Rolle von extremen Künstlerpersönlichkeiten zu schlüpfen. Gonzalez-Foerster experimentiert schon seit einer Weile mit den Charakteren der Opernsängerin Maria Callas, des Schriftstellers Edgar Allan Poe, der Tänzerin Lola Montez oder der Filmfigur Fitzcarraldo, indem sie Kostüme für jeden Charakter anfertigen ließ und sich in die jeweiligen Figuren verwandelte. Warum gerade diese ziemlich populären Persönlichkeiten? "Sie alle haben etwas Getriebenes, das mich interessiert", sagt die Künstlerin, die am Eröffnungstag zwischen den Besuchern steht und sie beobachtet, denn sie sind auch Teil der Ausstellung.

Foto: Andrea Rosetti

Foto: Andrea Rosetti

Dominique Gonzalez-Foersters Kostüm für die Rolle der Lola Montez in einer Installation von Manuel Raeder im Schinkel Pavillon.

 

Da wandeln in dramatische rote Capes gewandete Callas-Diven durch den Raum, Gäste mit lässig zerknautschtem weißem Anzug verkörpern Fitzcarraldo oder seinen Darsteller Klaus Kinski, und eine steife schwarz-weiße Halsbinde verwandelt einige in Edgar Allan Poe. Wie die beiden Designerinnen von Bless, Desiree Heiss und Ines Kaag, die jeweiligen Kostüme weiter interpretiert und für ein schnelles Rollenspiel überarbeitet und vervielfältigt haben, ist großartig. "Erstaunlich, wie wenig ausreicht, um die Charaktere herzustellen", findet auch Dominique Gonzalez-Foerster. Reduziert, pointiert und schlau quergedacht, wie immer bei Bless, reichen Andeutungen, um die Verwandlung zu vollziehen. Bleibt die Frage: Wozu? Die Künstlerin ist überzeugt davon, dass etwas von dem drängenden Wesen, dem künstlerischen Funken in jeder dieser historischen Figuren auf den Träger des Kostüms überspringt. "Costumes and Wishes for the 21st Century" ist das Gegenteil einer Halloweenparty: Statt Geister auszutreiben, werden sie eingeladen und herbeibeschworen.

BLESS, DGF und Manuel Raeder

BLESS, DGF und Manuel Raeder

Installationsansicht Schinkel Pavillon

Während die sonntäglichen Einladungen zum Verkleiden im Schinkel Pavillon den Charakter einer eleganten Mottoparty bei einem extravaganten Gastgeber hatten, auf der jeder Gast zu einer glamouröseren Ausgabe seiner selbst wurde, wird im Württembergischen Kunstverein Stuttgart Mode zum Schlachtfeld, auf dem fast jedes Problem der Gegenwart ausgefochten wird: Ausbeutung, Umwelt, Kolonialismus, Gewalt, Gender. Die österreichische Künstlerin Ines Doujak wählt für ihre Kritik an der ausbeuterischen Textil- und Modeindustrie deren Sprache: Sieben Modekollektionen mit unterschiedlichen Themen werden im Ausstellungsraum in nachgebildeten Pop-up-Stores präsentiert. Eine hat beispielsweise die Feuer in den Textilfabriken zum Motiv, es gibt Flammenhemden und -mützen. Die Modewelt wird zitiert und persifliert: "Begeben wir uns nun in die versiegelte und geschichtsblinde Welt der Mode, um deren schöne Oberfläche einzuschmutzen", heißt es im Katalog. Aber ist die Mode tatsächlich so ignorant, blind und böse? Oder ist sie nur einfach sehr gefräßig und verleibt sich, ohne zwischen gut und schlecht zu unterscheiden, alles ein, was ihr passt?

Während die eine Künstlerin im Schinkel Pavillon feiert, was Kleidung womöglich in jedem freisetzen kann, betont die andere im Württembergischen Kunstverein die politische, dramatische Tragweite von Mode, die jeder Endverbraucher mitverantwortet. Und was sagt das über Kunst? Sie kann sich, ähnlich der Mode, auch alles einverleiben und jedes mögliche Gewand anlegen, zwischen gut und schlecht unterscheidet dann das ­Publikum.

Courtesy: Hemd: Ines Doujak, Kappe: The Hundreds, Model: Tom/Indeed, Foto: Achim Reichert

Courtesy: Hemd: Ines Doujak, Kappe: The Hundreds, Model: Tom/Indeed, Foto: Achim Reichert

Flammenhemd von Ines Doujak

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