Krakau eröffnet ein Museum für Gegenwartskunst

Heilt unsere Wunden

ANZEIGE

Der Satz trifft wie ein Schlag. „Kunst macht frei“, behauptet der gewellte Schriftzug. Die unmissverständliche Anspielung auf die Toraufschrift am Konzentrationslager Auschwitz. Die Installation des polnischen Künstlers Grzegorz Klaman hängt nicht irgendwo im neuen Museum of Contemporary Art Kraków (MOCAK), sondern am Eingang zu den Ausstellungsräumen.

Die Provokation an dieser Engstelle ist Teil der ersten MOCAK-Sonderschau „Historia w sztuce“ („Geschichte in der Kunst“) und zugleich Fanal für die Freiheit, die sich Kunst in diesem Haus – dem ersten seiner Art in Polen – herausnehmen wird. Museumsdirektorin Maria Anna Potocka kuratierte die Ausstellung.

Für die Wahl des Eröffnungsthemas waren Alternativen auch kaum denkbar. Geschichte ist allgegenwärtig in Krakau, vor allem die Besatzungszeit, das Ghetto und die in unmittelbarer Nähe gelegenen Vernichtungslager haben schmerzhafte Spuren hinterlassen. Dass „Historia w sztuce“ sich auf die Nazizeit konzentriert, erklärt sich darüber hinaus aus der Lage des Museums auf dem Gelände der früheren Emaillefabrik von Oskar Schindler.

Das MOCAK teilt sich die historischen Gebäude mit einem im Juni 2010 eingeweihten Museum der Okkupationsgeschichte der Stadt, wobei die umgebauten Hallen vom italienischen Architekten Claudio Nardi geschickt um einen großzügigen MOCAK-Eingangsbereich ergänzt wurden. 4000 Quadratmeter Ausstellungsfläche stehen zur Verfügung; im Untergeschoss kann schon jetzt eine beachtliche Sammlungsbasis von 21 Positionen präsentiert werden, wobei Maria Anna Potocka die künstlerische Vielfalt als „Lektion in Toleranz“ begreift.

Starke Videokunst aus Westeuropa fällt auf: Ragnar Kjartansson lässt sich von einer Stellvertreterin seiner Mutter anspucken, Lars Laumann führt Interviews mit US-Todeskandidaten, Leopold Kessler filmt seine Interventionen im öffentlichen Raum, etwa das Durchlöchern von Wiener Straßenschildern.

Im Hinblick auf Kunst von Frauen ist die Kollektion ausbaufähig. Die drei vertretenen Künstlerinnen stammen aus Polen, wie die Sammlung überhaupt als Plädoyer für polnische Gegenwartskunst zu lesen ist. Noch vermisst man namhafte Künstler wie Wilhelm Sasnal, Agnieszka Polska oder Tomasz Kowalski, stößt dafür aber auf eindringliche Polyesterskulpturen von Krištof Kintera und eine Arrestzelle von Tomasz Bajer, die Guantánamo mit der Stildoktrin des amerikanischen Minimalismus kurzschließt. Die Installation hätte durchaus in die „Historia w sztuce“-Ausstellung im Erdgeschoss gepasst, die sich bis auf wenige Ausnahmen auf europäische Ereignisse beschränkt.

Reich ist die Schau mit Arbeiten von knapp 50 Teilnehmern vor allem hinsichtlich der diversen Strategien, mit denen die Künstler auf Geschichte reagieren. Sie jonglieren – wie Grzegorz Klaman, Paweł Susid oder Maciej Toporowicz – mit geschichtlichen Symbolen, entwerfen Alternativversionen historischen Geschehens oder mischen sich selbst in den eigentlich abgeschlossenen Raum der Ereignisse ein.

Die Geschichte als Konstrukt, ein Konzept, das weitgehend von Einzelschicksalen abstrahiert, wird auf dem Aktionsfeld der Kunst geradezu zersetzt. An ihre Stelle treten Erzählungen, die ihren Realismus aus der Subjektivität ihrer Autoren schöpfen. Zu erleben ist das etwa in Yael Bartanas Einkanalvideo „Night­mares“, das übrigens auch im polnischen Pavillon der Venedig-Biennale präsentiert wird. In einem Warschauer Stadion lässt Bartana einen Redner auftreten, der drei Millionen polnische Juden – so viele wurden dort während des Zweiten Weltkriegs ermordet – zur Rückkehr nach Polen auffordert. „Heilt unsere Wunden und eure eigenen“, hallt es durch das leere Stadion.

Ein Gemenge aus Scham, Verdrängung, Unfähigkeit zu Trauern thematisiert auch die Spanierin Dora García, die eine Fake-Ausgabe der „Evening Times“ hergestellt hat. Die Zeitung verkündet das Wunder der Entdeckung von sechs Millionen lebenden Juden in Argentinien, als hätte es den Holocaust nie gegeben. Und auch Boaz Arad führt das utopische Moment gleich wieder ad absurdum, wenn er Adolf Hitler eine Entschuldigung gegenüber Israel abnötigt – als Soundmontage aus gefilmten Reden des Diktators, dessen akustische Scheinbotschaft von den Sprüngen der dazugehörigen Filmbilder widerlegt wird.

Im MOCAK setzt der vielbeschworene Atem der Geschichte aus. Und auch die Betrachter halten dann und wann die Luft an, wenn das Altbekannte, Immer-schon-Gewusste auf dem Prüfstand steht.

Museum of Contemporary Art Kraków (MOCAK), Krakau, bis 25. September

Drucken

Weitere Artikel aus Reviews