Protest an der Kunsthochschule Braunschweig

"Stell dir vor, es ist Rundgang und keiner stellt aus"

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Zum Abschluss des akademischen Jahres einer Kunsthochschule gehört der Rundgang, bei dem die Studierenden ihre aktuellen Arbeiten ausstellen. Doch am Mittwochabend werden an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) Braunschweig viele Wände leer bleiben. Der Grund: Die Studierenden wollen ein Zeichen gegen die Missstände an ihrer Bildungseinrichtung setzen. Ein Gespräch mit Marie Dann, Studentin Kommunikationsdesign und freie Kunst und im Senat der Hochschule, im Studierendenparlament sowie im AStA engagiert

Frau Dann, auf welche Missstände wollen die Studierenden mit der Aktion hinweisen?
Dafür muss ich etwas ausholen: Die Hochschule war eine Zeit lang sehr stark verschuldet und hat deswegen viel Autonomie verloren. Zwischenzeitlich hat das Ministerium die Hochschule verwaltet. Ein neuer hauptamtlicher Vize-Präsident wurde eingesetzt. Innerhalb kürzester Zeit hat er die Schulden abgebaut und Rücklagen angesammelt hat. Das ging meiner Ansicht nach komplett auf Kosten der Studienqualität.

Wie hat diese sich konkret verändert?
Zum einen bezieht sich das auf die personelle Ebene, auf Menschen, die ihre Verträge zum Teil nicht verlängert bekommen haben. Zum anderen geht es um Atelierräume, die extern angemietet waren und dann nicht weiter angemietet wurden. Wenn solche Umstrukturierungen soweit auf Kosten der Studierenden gehen, dass diese zum Teil Angst haben, dass sie ihr Studium nicht beenden können, dann ist das zu krass.

Woher kommt diese Angst? Weil wichtige Professoren nicht verlängert wurden?
Genau. Das betrifft zum Beispiel die Kunst-Lehramt-Studierenden, die bestimmte Leistungsnachweise nicht ablegen können, weil das Personal einfach nicht da ist. Es wird auch nicht kommuniziert, inwieweit das sichergestellt wird, sodass Studierende nun auf eigene Kosten ihr Studium verlängern müssen, weil die Gegebenheiten es nicht mehr zulassen, in der vorgesehenen Bachelor- beziehungsweise Masterzeit den Soll zu absolvieren. Hinzukommt, dass die Hochschule eine neue Grundordnung verabschieden musste, was fast zwei Jahre gedauert hat. Neue Stellenausschreibungen, etwa von Professuren, die ausgelaufen waren, wurden stets abgebremst, weil es hieß, dass dies ohne die Grundordnung nicht ginge. Daher wurde dann viel im Zugzwang beziehungsweise aus einer Lethargie heraus entschieden.

Diese Probleme gibt es offenbar schon länger. Gab es nun einen konkreten Anlass für die Rundgangs-Aktion?
Tatsächlich war die im März veröffentlichte neue Hausordnung der Stein des Anstoßes. Bisher hatten wir uneingeschränkte Arbeitszeiten. Nun werden wir um 12 Uhr nachts von einem Sicherheitsdienst dazu aufgefordert, unsere Ateliers zu verlassen. Das empfinden einige als eine Beschneidung des Kunststudiums. Es geht nicht darum, dass alle permanent die Nächste durcharbeiten, aber nicht einmal mehr die Möglichkeit dazu zu haben, das geht nicht. Es geht dabei nicht um die Leute, die gern bis mittags schlafen und dann erst einmal einen Kaffee trinken und um 16 Uhr anfangen zu arbeiten, sondern es geht darum, dass diejenigen, die sich für das Kunst machen entscheiden, meist neben dem Studium arbeiten müssen, zum Teil Familie haben und da an bestimmte Tageszeiten gebunden sind. Dazu kommen Vorlesungen und Seminare, die nur den Abend als Atelierzeit ermöglichen. Und wenn das unterbunden wird, funktioniert dieses Studium nicht.

Wobei auch andere Kunsthochschulen, etwa in Leipzig, ebenfalls um 24 Uhr schließen. Da hat Braunschweig offenbar in den vergangenen Jahren einen besondern Luxus ermöglicht.
Ja, und das war auch ein großes Aushängeschild. Viele, die mit dem Wissen darum ihr Studium hier angefangen haben, schauen sich jetzt schon nach Alternativen um. Das kann sich keine Hochschule leisten. Wenn Studierende durch einen Sicherheitsdienst aus dem Atelier geschickt werden, schafft das ein Klima, was sehr ungesund ist. Die andere Problematik ist, dass diese Hausordnung von heute auf morgen ohne Vorankündigung und ohne Mitsprache per E-Mail hochschulöffentlich vom Präsidium versandt wurde. Niemand konnte vorab seine Meinung dazu sagen. Das ist sehr ungünstig gelaufen, weil wir aus Studierendensicht in den vergangenen Monaten immer wieder versucht hatten, in den Dialog mit der Hochschulleitung zu treten. Aber diese verfolgt eben ein anderes Ziel.

Welches Ziel meinen Sie zu erkennen?
Ich denke, es geht ganz grundsätzlich um die Wertigkeit von Kunst beziehungsweise der Kunstausbildung. Offenbar geht es darum, nur das zu ermöglichen, was rentabel oder produktiv ist. Die Hochschulleitung ist daran interessiert, dass hier Leute rausgehen, die irgendwann mal Rang und Namen haben. Die Hochschule soll Leute anziehen, die hier lehren oder studieren wollen. Diesem Wunsch nach einem lebendigen Ort ist gar nicht entgegenzusetzen, aber wenn der schöne Schein im Fokus liegt, statt nach den internen Strukturen zu schauen, wird es problematisch.

Nun bleiben die Wände beim Rundgang leer. Wer hat die Initiative für diese Aktion ergriffen?
Es gab eine Gruppe von Studierenden, die sich unabhängig von der offiziellen Studierendenvertretung gegründet und sich regelmäßig das ganze Semester über einmal in der Woche getroffen hat. Der Auslöser für den jetzigen Rundgang war eine Plakataktion. Von einem Tag auf den anderen war die ganze Hochschule behängt mit Plakaten auf denen stand: „Stell dir vor es ist Rundgang und niemand stellt aus“. In gelber Schrift auf schwarzem Grund.

Der Rundgang ist im akademischen Jahr ein wichtiger Moment – inwieweit haben Sie die Entscheidung, keine Kunst auszustellen, in der Studierendenschaft diskutiert?
Da ist sehr intensiv und ambivalent darüber gesprochen wurden, denn wir schneiden uns natürlich auch ins eigene Fleisch. Indem wir keine klassische Ausstellung machen, die von kunst- und kulturaffinen Menschen besucht wird, verbauen wir uns potenzielle Kontakte in die Kunstwelt.

Was erwartet die Besucher bis Sonntag in Braunschweig?
Der Rundgang soll nicht vermitteln, dass wir faul sind oder uns verweigern. Wir wollen die Besucher nicht vergraulen, deshalb wird es Infoblätter geben und alle anwesenden Studierenden können darüber in Gesprächen Auskunft geben. Wir laden dazu ein, auf einer immateriellen Ebene den Diskurs über Kunst zu treten und darüber zu sprechen, wozu man sie und eine entsprechende Ausbildung überhaupt braucht. Die Woche ist voll mit einem alternativen Programm von Mittwoch bis Sonntag. Es wird ein Papier ausliegen, auf dem noch einmal steht, welche Probleme wir sehen und auch Lösungsvorschläge machen. Es gibt verschiedene Aktionen, auch Kunstaktionen und Performances, etwa vom Studiengang Darstellendes Spiel. Jede Klasse hat da ihren eigenen Umgang gefunden.

Welche Hoffnung verbinden Sie mit der Aktion?
Mein Ziel ist, dass die Kommunikation zwischen der Hochschulleitung, zwischen den Menschen, die hier die Entscheidungen treffen und den Studierenden stark verbessert wird. Das man schaut, was unsere Bedürfnisse sind. Und das Entscheidungen, die uns betreffen, nicht mehr hinter verschlossenen Türen getroffen werden.

 

 

 

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