Kunsthalle im Lipsiusbau

Sammlerin Erika Hoffmann zeigt Dresden, was der Stadt entgangen ist

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Nach dem Mauerfall beschloss das Ehepaar Hoffmann, Dresden ihre bis dahin schon beachtliche Kunstsammlung zu vermachen. Es kam anders. Jetzt sind Arbeiten aus der Sammlung im Lisiusbau zu sehen

Es wäre vielleicht nicht nötig gewesen, aber gut: Ein riesiger Busen lockt den Besucher in die neue Schau in der Dresdner Kunsthalle im Lipsiusbau, und der drallen Blondine auf dem Plakat spritzen Milchtropfen wie Fontänen aus den Brüsten. Das obszöne Werk des amerikanischen Künstlers Richard Phillips trägt den Titel „Origin of the Milky Way“ – Ursprung der Milchstraße. Der Ausstellungstitel „Mit dem Fahrrad zur Milchstraße“ spielt darauf an, auch auf den ausgestellten 16mm-Film der Künstlerin Marijke van Warmerdam. Im Video der Holländerin „Met losse handen“ wird der Zuschauer durch subjektive Kamera eins mit einem Fahrradfahrer, der sich langsam in den Himmel hebt.
 
Dass diese freihändigen Höhenflüge der Gegenwartskunst nun im Lipsiusbau zu sehen sind, ist der Sammlerin Erika Hoffmann-Koenige zu verdanken. Die Ausstellung, die Werke aus der in Berlin ansässigen Sammlung Hoffmann in die Elbstadt bringt, ist eine Art „Was-wäre-wenn“-Spiel: Direkt nach dem Mauerfall beschloss das Ehepaar Hoffmann, Dresden ihre bis dahin schon beachtliche Kunstsammlung zu vermachen.
 
Die beiden präsentierten sogar einen Entwurf für eine neue Kunsthalle, ein Entwurf, der vom amerikanischen Künstlers Frank Stella kam: Eine Ausstellungsfläche von 2000 Quadratmetern Größe sollte entstehen, die spielerische Architektur aus miteinander verbundene Pavillons und Gartenanlage hätte eine Verbindung zum barocken Zwinger in unmittelbarer Nähe hergestellt. Wie begehbare Skulpturen hätten die fünf Pavillons mit geschwungenen Dächern in der Parkanlage mit Flüsschen gelegen. Es wäre ein modernes Stück Baukunst geworden, das mit seinen verspielten, ineinander verwobenen und organischen Formen vielleicht an den  Stararchitekten und Städte-Aufwerter Frank Gehry erinnern würde. Doch es blieb bei Entwürfen. Zwei davon sind nun im Lipsiusbau zu sehen. Und auch nach 20 Jahren staunt man über die Innovationskraft – und ärgert sich über den damaligen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf, der das Projekt verhinderte.
 
Die Ausstellung in Dresden hat Erika Hoffmann-Koenige selbst kuratiert. Sie stellt Werke in verschiedenen Medien und von verschiedenen Generationen gegenüber: Andy Warhol, Monica Bonvicini, Isa Genzken, Sarah Morris, El Lissitzky. Neben solchen abgesicherten Positionen bewähren sich auch Wagnisse, etwa ein übergroßen Holzschnitt des Chinesen Fang Lijun - oder eben Richard Phillips Sauerei. Man verlässt mit einem Seufzer das Haus: Schade, dass diese Kunst nur temporär in Dresden zu sehen ist.

Bis 20. September 2099

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