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Gruppenschau in Paris

Hello Africa?

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In der Pariser Fondation Louis Vuitton versteht die Ausstellung "Art Afrique" Geografie als Marke

Afrikanische Kunst hat nicht unbedingt ein Territorium. In Wangechi Mutus Videoarbeit "The End of Carrying All" von 2015 kämpft sich die New Yorker Künstlerin als Computerspielheldin durch eine animierte feindliche Steppenlandschaft. Während im Hintergrund eine rote HD-Sonne untergeht, stapeln sich Objekte in dem Korb auf Mutus Kopf, bis die gebürtige Kenianerin eine ganze gierige Zivilisation zu tragen scheint. Die Arbeit gehört zu den eindrücklichsten der Ausstellung "Art Afrique", die sich in drei Teilen als Schlaglicht auf die afrikanische Kunstszene versteht. Wie Wangechi Mutu vorführt, ist diese Kategorie instabil: Da ist der historisch beladene schwarze Frauenkörper, gleichzeitig steht er auch für eine global mobile Künstlergeneration, die menschliche Körper als digitale Avatare inszeniert und zu universellen Gestalten formt.  

Obwohl die Ausstellung mehrere Werke des sogenannten "Afro-Futurism" zeigt (Jody Brand und Athi-Patra Ruga zählen dazu), ist ihre prägendste Kategorie die Geografie. Das untere Geschoss des Gehry-Glaspalasts bestückt die Sammlung des Unternehmers Jean Pigozzi. Seine Kriterien des Sammelns sind verlässlich: Subsahara-Staaten, am besten keine Akademieausbildung, keine Exil-Afrikaner. So lässt sich das Narrativ von Kunst als Identitätsausdruck ungebrochen aufrechterhalten. In "Être là" richtet sich der Blick auf Südafrika, wo drei Generationen von Künstlern in ihrem Verhältnis zum Aufstieg und Fall des Apartheid-Regimes umrissen werden. Im ersten Raum lauert eine Armee aus Hundewesen von Jane Alexander, im Hintergrund schunkelt bereits die unverkennbare Tonspur einer William-Kentridge-Oper. Zusammen mit David Koloane und David Goldblatt werden die vor 1960 Geborenen als Vertreter eines erwachenden politischen Bewusstseins beschrieben, das der nächste Künstlerschwung in einen Glauben an Veränderung geformt hat. Die dritte Generation ab 1980 wird als vernetzte, aber geschichtsbewusste Ingenieure eines neuen südafrikanischen Selbstverständnisses vorgestellt.

Die Schau inszeniert glamourös hochkarätige Werke in der polierten Architektur. Doch die identitätspolitische Frage, die die Kunstwelt gerade umtreibt, ist auch hier zwiespältig. Ein Label wie "Art Afrique" impliziert eine genealogische Homogenität, die globale und digitale Mobilität unterschätzt – und die europäischen (weißen) Künstlern meist erspart bleibt.

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