Sechs Fragen an Shirin Neshat

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„Women Without Men“ spielt im Teheran des Jahres 1953, als der demokratisch gewählte Premierminister Mohammed Mossadegh durch einen von den USA gelenkten Staatsstreich gestürzt wurde und es zu Massenprotesten kam. Als der Film vergangenes Jahr in Venedig den Silbernen Löwen gewann, brach eine neue Massenbewegung an – die sogenannte grüne Revolution.
Das war natürlich nicht geplant, denn wir haben insgesamt sechs Jahre an dem Film gearbeitet. Aber die Parallelen zwischen damals und heute, zwischen der Filmprotagonistin Munis und der bei den Demonstrationen getöteten Neda sind frappierend – ich kann nur hoffen, dass diese Überschneidung die Leute angeregt.
Trotz des historischen Bezugspunkts ist Ihr Film im Stil des magischen Realismus gehalten. Die vier Protagonistinnen finden in einem Garten Zuflucht, ein Utopia abseits der Gesellschaft. Man könnte das durchaus als Eskapismus interpretieren.
Ich denke, man kann auch politische Fragen allegorisch behandeln. Man muss dafür nicht auf einen dokumentarischen Ansatz zurückgreifen. Auch die große Melancholie meines Films verstört die Leute. Aber Melancholie ist in unserer Kultur nicht negativ besetzt, sie ist ein Punkt der Selbstreflektion und Philosophie, während Melancholie im Westen oft als Resignation verstanden wird.
Wird Ihr Film im Iran gezeigt?
Unter der Hand sind überall DVDs erhältlich, aber offiziell wird er nicht gezeigt. Schon die Romanvorlage wurde verboten, und die Autorin Shahrnush Parsipur saß jahrelang in Haft.
Und Ihre Kunst?

Unter dem Reformer Chatami wurden im Museum für zeitgenössische Kunst in Teheran einmal zwei meiner Videos gezeigt, aber das ist lange her.
Sie arbeiten stets mit einer hoch stilisierten und symbolischen Bildsprache. Haben Sie nicht manchmal Bedenken, den westlichen Kunstmarkt mit dosiertem Exotismus zu bedienen?

Der Vorwurf der Vereinfachung kommt bei meiner Arbeitsweise automatisch. Der Schleier zum Beispiel, der in meinen Werken immer wieder auftaucht, ist für uns nicht exotisch, sondern Teil des Alltags. Wenn jemand darin ein Klischee erkennt, sagt das mehr über seine eigene Herkunft und Sozialisation aus als über meine Kunst. Ob ich glaube, dass ich unstatthaft mit meinen Themen umgehe? Nein, denn ich glaube daran, was ich tue.
Frauen sind bei Ihnen stets passive Opfer männlicher Unterdrückung. Man erfährt nichts über die wirkliche, sicher komplexere Situation.
Das liegt auch daran, dass ich nie in den Iran reise. Ich würde mir das Recht, den gegenwärtigen Iran zu zeigen, niemals einräumen. Das sollen die Menschen machen, die dort leben. Mein Mittel ist die Fiktion.

„Women Without Men“, deutscher Kinostart: 1. Juli

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