Transmediale.10

„Wir zeigen keinen technologischen Schnickschnack“

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Unter dem Titel „Futurity Now!“ widmet sich die Transmediale im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) der Zukunft. Stephen Kovats, der künstlerische Leiter dieses Festivals für digitale Kultur, und der Kurator Marcel Schwierin über den Klimawandel, Medienkunst und überkommende Vorstellungen vom Fortschritt.

 

Herr Kovats, seitdem Sie die Transmediale leiten, spielt die Festivalarchitektur eine wesentliche Rolle. Diesmal wurde im Foyer des HKW eine Raumstation gebaut, die so gar nicht nach Zukunft aussieht.

STEPHEN KOVATS: Eine Raumstation hat heute nicht unbedingt mehr etwas mit Zukunft zu tun. Es gibt welche, die längst verbraucht im Ozean verschwunden sind. Aber dieses besondere Objekt führt ganz viel kulturelles Gepäck mit sich. Es visualisiert unsere gängige Idee von Zukunft. Das Schöne an unserer Raumstation ist, dass sie im Widerspruch dazu steht: Das Ding wurde aus Türen eines Plattenbaus in Halle-Neustadt gebaut. Ironischer, dachten wir, kann der Zerfall ideologischer Utopien nicht reflektiert werden.

 

Herr Schwierin, Sie haben das Film- und Videoprogramm der Transmediale.10 kuratiert. Welche uneingelösten Zukunftsvisionen verhandeln Künstler hier? Können Sie ein Beispiel nennen?

MARCEL SCHWIERIN: Bjørn Melhus parodiert in seinem Film „Captain“ die Fernsehserie „Star Trek“ und lässt im Weltraum seine eigene Familiengeschichte aufleben. Damit wird der große Traum der 60er-Jahre, den Weltraum zu besiedeln, ins Persönliche zurückgeholt.

 

Eine Arbeit, die Melhus 2005 gemacht hat. Von Reynold Reynolds zeigen Sie dagegen einen aktuellen Film mit dem Titel „Secret Machine“. Das Markenzeichen des Amerikaners sind seine hochstilisierten Bilder. Womit beschäftigt er sich?

SCHWIERIN: Reynolds thematisiert den menschlichen Körper und seine Vermessung. Das war ja auch so eine Utopie des 20. Jahrhunderts: Zum einen, dass man den Körper ganz und gar verstehen könne – davon sind wir immer noch sehr weit entfernt. Zum anderen, dass die Leistungsfähigkeit des Körpers durch technische Optimierung unendlich steigerbar sei. Das ist eine Idee des Fordismus.

 

Warum beschäftigt sich die Transmediale gerade jetzt mit der Zukunft?

KOVATS: Schlicht und einfach: Die Zukunft hat uns eingeholt. Unsere Vorstellungen von dieser großen Unbekannten sind stark geprägt von den Bildern des 20. Jahrhunderts. Und nun sind wir im 21. Jahrhundert angekommen. Jetzt lautet die Frage, ob das, was unsere Gesellschaft als Zukunft einmal verstanden hat, heute noch existiert? Oder ist es besser, das alles zu vergessen, um unsere Systeme wieder funktionsfähig zu machen? Wir sind an einem Moment angelangt, an dem wir auch über unsere Fehler nachdenken müssen.

SCHWIERIN: Für mich ist mit dem Klimawandel die Frage nach unserer eigenen Zukunft völlig unbeantwortet. Insofern ist es logisch, dass wir uns jetzt zurückwenden und schauen, wie denn unsere Zukunftskonzepte aussahen und was man daraus entwickeln könnte.

 

Kunst, die mit neuen Medien umgeht, scheint aber doch ideal zu sein, um innovative Zukunftsszenarien zu gestalten?

KOVATS: Wir zeigen keinen technologischen Schnickschnack. Es geht nicht darum, neue „Science-Fiction-Instrumente“ oder Apparaturen der Zukunft zu präsentieren. Die Idee von „Futurity Now!“ ist, dass unser Verständnis von Zukunft neu definiert werden muss. Die Heirat von Technologie und Fortschritt ist nicht mehr der Stoff, der unsere Gesellschaft vorantreiben kann. Wir haben uns beispielsweise die Frage gestellt: Welche Kunstwerke drücken eine bestimmte Unsicherheit zwischen den analogen und digitalen Welten aus?

 

Ist das der Fokus der diesjährigen Ausstellung, die den Titel „Future Obscura“ trägt?

KOVATS: Ja, hier stellt jede Arbeit das Bild an sich in Frage. Die Ausstellung im HKW ist eine Art ästhetische Momentaufnahme von Bildern, die uns das Verständnis von Zukunftsideen erschweren ...

 

... oder auch den Blick für das Kommende zu schärfen, wie bei dem japanischen Künstler Ryoji Ikeda, der mit seiner Installation „Data.Tron“ zu den Stars des Festivals gehört.

KOVATS: Bei Ikeda taucht man ein in den reinen digitalen Rausch, sozusagen in ein Sinnbild der Zukunft des 21. Jahrhunderts, das beherrscht ist von Technologien. Diese Perspektive aufzuzeigen, gehört für uns auch dazu.

 

Die Transmediale findet vom 2. bis 9. Februar statt. Rahmenveranstaltungen und Festivalprogramm mit Ausstellung, Videoscreenings, Performances, Konferenz und Partnerevents ist unter www.transmediale.de abrufbar


 

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