Zu Gast bei Viktor Pintschuk

Der Kunst-Oligarch

Bei manchen Menschen geht alles sehr schnell – so schnell, dass selbst die Innenarchitekten nicht hinterherkommen. Viktor Pintschuk ist so ein Mann. Als er 1990 in der Industriestadt Dnipropetrowsk ein neuartiges Patent zur Kons- truktion von Stahlpipelines anmeldet, ist er 29 Jahre alt. Schon ein Jahr später beliefert seine Firma Interpipe Energiegiganten wie Gazprom – aus dem jungen Ingenieur wird über Nacht einer der vielversprechends­ten Unternehmer der Ukraine.
 
Ebenfalls über Nacht muss sein Interesse an zeitgenössischer Kunst gewachsen sein: Kaum drei Jahre nachdem er erste Arbeiten erworben hat, eröffnet er 2006 sein Privatmuseum in Kiew – das erste für zeitgenössische Kunst auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetrepublik. Im selben Jahr „entdeckt“ er Andreas Gursky. „Ich hatte noch nie von ihm gehört“, sagt Pin­tschuk heute. „Aber die Arbeiten haben mich sofort überzeugt.“

Heute, das ist ein Samstag Ende Ok­to­ber. Und weil bei Pintschuk noch immer ­alles sehr schnell geht, durfte er gerade seine erste Gursky-Retrospektive eröffnen: 24 Hauptwerke des Düsseldorfer Fotografen, neun davon aus Pintschuks Privatbesitz. Dazu Highlights aus der Videokunstsammlung von Julia Stoschek. Zur Feier des Tages hat Kraftwerk ein brillantes Konzert im Innenhof eines seiner Einkaufs­zentren gespielt – und jetzt sitzt der mit geschätzten 6,8 Milliarden Euro Vermögen zweitreichste Mann der Ukraine in seiner Altbau- wohnung und spricht über die neue, große Liebe zur Kunst. 

Allein: Die Kunst, von der er spricht, ist nirgends zu sehen. An den Wänden des riesigen Apartments, das man sich wie die holzgetäfelte Präsidentensuite des Berliner Ritz-Carlton vorstellen muss, hängen russische und ukrainische Impressionis­ten. Kein Hirst weit und breit, nicht ein Koons in Sicht. Viktor Pintschuk war einfach zu schnell: „Das ist mein früherer Geschmack“, sagt er ungerührt. Und: „Wir hatten noch keine Zeit, das Apartment neu einrichten zu lassen.“
 
Es ist nicht leicht zu erraten, warum sie an diesem Abend gekommen sind, all die Schwergewichtler des internationalen Kunstbetriebs. Ein Grüppchen der üblichen Stargaleris­ten scherzt mit Anselm Kiefer im Flur, Simon de Pury ist da (eine Woche später wird er sein Auktionshaus an ein russisches Luxuskong- lomerat verkaufen), und in einer der Sofaecken stößt MoMA-Kurator Klaus Biesenbach mit Eckhart Schneider an – der ehemalige Chef des renommierten Kunsthauses Bregenz wird in Kiew bleiben, als neuer Direktor der Pinchuk Art Foundation.

Wohl niemand würde es an diesem Abend bestreiten: Die Flugrouten des Kunstjetsets werden dieser Tage analog zu den internationalen Geldströmen umgeleitet. Seitdem New Yorker Finanzmanager um ihre Häuser in den Hamptons fürchten, müssen eben Milliardäre wie Viktor Pintschuk und Roman Abramowitsch das Geschäft am Laufen halten, Rekordpreise zahlen und Ausstellungen fördern.  
Weit interessanter ist die Frage, was die Oligarchen antreibt, der Kunstwelt den Teppich auszurollen. Natürlich seien Eröffnungen wie diese Teil einer breit angelegten PR-Kampagne, meint etwa New-York-Times-Autor Landon Thomas Jr., der sich intensiv mit Pintschuk beschäftigt hat. Wie die meisten Oligarchen, die den Grundstock ihres Vermögens in den 90er-Jahren legten, habe auch Pintschuk – freundlich ausgedrückt – am Rand der Legalität agiert. 

Noch im Juni 2004, kurz vor der Orangenen Revolution, konnte Pintschuk einen Deal einfädeln, um dessen Gewinnspanne ihn westliche Wirtschaftsführer beneiden dürften. Gemeinsam mit Rinat Achmetow, dem reichsten Mann der Ukraine, erwarb er für 800 Millionen Dollar das profitabelste staatliche Stahlunternehmen des Landes, obwohl internationale Investoren fast das Doppelte geboten hatten. Ein für Viktor Pintschuk nicht unwichtiger Mann hielt schützend seine Hand über den Deal – sein Schwiegervater, der ukrainische Präsident Leonid Kutschma, unter dessen Führung das Land laut Transparency International zum korruptesten in ganz Europa wurde.
 
Sehr lange durfte sich Pintschuk nicht an seinem Schnäppchen erfreuen: Nach der demokratischen Revolution, im Juni 2005, erklärte ein Kiewer Gericht den Kaufvertrag für ungültig. Der Konzern wurde erneut verkauft, diesmal für 4,8 Milliarden Dollar – und für einen kurzen Moment lang sah es so aus, als stünde Pintschuk mit einem Bein im Gefängnis.

Kein Wunder also, dass er seitdem einen nicht unerheblichen Teil seines Vermögens für Imagepflege ausgibt. Ob er Elton John oder Paul McCartney zu Gratiskonzerten nach Kiew einlädt, ob er Krankenhäuser finanziert oder George W. Bush und Tony Blair als Redner gewinnt, um für den EU-Beitritt der Ukraine zu trommeln – Pin­tschuk hat in den vergangenen vier Jahren nichts unversucht gelassen (und, Kunstkäufe mit eingerechnet, geschätzt 200 Millionen Dollar dafür ausgegeben), um sich der Welt und seiner Heimat als kunstsinniger Philantroph zu präsentieren.

Mit durchschlagendem Erfolg: George Soros und Bill Clinton nennen Pintschuk längst einen Freund, Damien Hirst berät ihn bei der Farbauswahl seines Privatjets (er plädierte für Blau), und Hans-Jürgen Heimsoeth, der deutsche Botschafter in Kiew, schwärmt am Rande der Gursky-Vernissage in höchsten Tönen von Pin­tschuks gesellschaftlichem Engagement.

Auch seine Landsleute treten verstärkt dem Fanclub bei. Eine Kiewer Zeitung fragte ihre Leser kürzlich, was für sie die wichtigsten Ereignisse der neueren ukrainischen Geschichte seien. Auf Platz eins landete die Orangene Revolution, gefolgt vom Papstbesuch. Doch schon Platz drei belegte Paul McCartneys Konzert auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz. Noch unglaublicher: Für die Gruppenschau „Reflection“ wurde Pin­tschuk mit Platz sechs belohnt – so groß scheint der Hunger nach westlicher Block­busterkunst zu sein, dass bei freiem Eintritt 300 000 Menschen Hauptwerke von Koons, Hirst, Murakami und Gursky in seiner Foundation bestaunten.
 
Die Fragen, wie ernst es ihm wirklich mit der Kunst ist und ob sein Engagement nicht verdächtig zeitnah zur Revolution explodiert ist, wirken angesichts solcher Zahlen fast schon kleinlich. Als man sie dann doch noch stellt, mit dem dritten Wodka in der Hand (und, wie man später feststellen muss, mit Räucherlachsresten zwischen den Zähnen), schüttelt Pintschuk nur den Kopf – damit habe das alles überhaupt nichts zu tun. Auch eine Imagekampagne kann er in seinen Aktivitäten nicht erkennen: „Alles, was ich will, ist, dabei zu helfen, mein Land aufzubauen“, sagt der Schwiegersohn des Exdiktators und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Genauso muss er schon George Soros angestrahlt haben. „Viktor Pintschuk ist ein erleuchteter Kapitalist“, ließ der sich kürzlich zitieren. Und fügte hinzu: „Männer wie ihn gibt es zu wenige in der Region.“

Vielleicht hat Pintschuk gar keine Wahl. Vielleicht muss er so auf das Tempo drü­cken, vielleicht geht alles noch immer nicht schnell genug. Joseph P. Kennedy ließ sich noch eine ganze Generation Zeit, um das Familienimage der Schnapsschmugglerdynastie so weit aufzupolieren, dass John Fitzgerald zur internationalen Lichtfigur werden konnte. Pintschuk hat diese Zeit nicht. Nirgendwo sonst entstehen Vermögen so schnell wie im Gebiet der ehe- maligen Sowjetrepublik, nirgendwo sonst ist man sie so schnell wieder los. Ein Regierungswechsel in der Ukraine könnte Enteignung bedeuten – für russische Oligarchen reicht schon ein Stimmungsumschwung Putins, um in Sibirien zu landen.

Auch wenn Viktor Pintschuk die Gesellschaft all der Künstler, Rockstars und Politiker genießt – sie ist vor allem eine Lebensversicherung für ihn. Je sichtbarer, berühmter, wohltätiger und vernetzter er ist, desto schwieriger wird man ihn loswerden. Und so liegt an diesem Abend in Kiew, neben teuren Parfüms und Cohiba-Wolken, auch ein leichter Hauch von Paranoia in der Luft.
 
Am nächsten Tag lädt Pintschuk die Künstler, Galeristen und Kuratoren in sein Anwesen vor den Toren Kiews. Irgendwo in einem Birkenwald versteckt es sich, bewacht von einer eindrucksvollen Privatarmee. Drei Kontrollpunkte passiert die Autokolonne – drei Mal Tarnklamotten, drei Mal Maschinengewehre, drei Mal Rückfragen via Walkie-Talkie. Dann öffnet sich ein silbernes Tor, der Birkenwald endet, und eine japanische Traumlandschaft beginnt. Auf japanischen Brücken geht es über japanische Seen voller japanischer Koi-Karpfen. Vorbei an einem japanisch bepflanzten Golfplatz, hin zu einem japanischen Teehaus. Pintschuk empfängt in Strickjacke, eine ukrainische Dixielandband spielt Oktoberfest-Klassiker, und hinter einem der sehr japanisch wirkenden Bäumen steht ein großer, ernster Mann mit Knopf im Ohr. Spätestens jetzt würde man den Gastgeber gern ein bisschen in den Arm nehmen. Es ist nicht leicht, ein Oligarch zu sein. Vielleicht macht Viktor Pintschuk ja das Beste daraus.

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