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Belgien erinnert sich neu

Wunden aus Kolonialzeiten

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Die Kolonialzeit im Kongo gilt als düsteres Kapitel der belgischen Geschichte. Im Brüsseler Viertel Matongé – dem Herzen der kongolesischen Diaspora – sind die Wunden der Vergangenheit noch nicht verheilt. Ein Kolonialmuseum soll die Aussöhnung voranbringen

Der Stadtteil heißt wie ein bekanntes Ausgehviertel in Kinshasa und ist vielen Kongolesen in Brüssel seit den 50er-Jahren Heimat geworden. In den Friseursalons von Matongé lässt man sich Rastazöpfe in die Haare flechten, aus Bars und Kneipen tönt Reggae, davor diskutieren lautstark Afrikaner, lachen und scherzen. Bunt gekleidete Frauen besorgen in Lädchen Kochbananen und Palmöl, getrockneten Kabeljau und Maniokwurzeln.

Matongé ist eine freundlich-quirlige Parallelgesellschaft mitten in Brüssel. Gleichzeitig wirkt das Viertel nahe dem Verkehrsknotenpunkt Porte de Namur wie ein Stachel in einem Land, das seine dunkle Kolonialgeschichte erst golden überpinselte und dann lange ignorierte. Erst jetzt folgt in Belgien - ähnlich wie in Deutschland - eine selbstkritische Debatte, die vielleicht irgendwann auch das tiefe Misstrauen in Matongé mildern könnte.

Wer als Fremder in eine der urigen Kneipen an der Hauptstraße Chaussée de Wavre kommt, kann den Argwohn deutlich spüren. An der Eingangstür steht "un coin à nous", ein Eck für uns. Beim Eintreten stocken die Gespräche augenblicklich, Gäste schielen herüber. Nach einer Weile nähert sich ein Kongolese mit Hut und Goldketten und fragt vorwurfsvoll: "Wo kommt ihr her? Hoffentlich seid ihr keine Belgier."

Das Gespräch kommt erstaunlich schnell auf Politik. Ein bulliger, sichtlich alkoholisierter Herr meint: "Der Kongo ist bis heute eine Kolonie, sogar nach der Unabhängigkeit wurde unser Land von Belgien-treuen Diktatoren ausgeplündert." Eine ältere Dame, die hinter dem Tresen ein Bierglas poliert, verfolgt das Gespräch kopfschüttelnd. Dann wirft sie ein: "Was ist mit Lumumba? Er war wohl dem belgischen Geheimdienst zu eigensinnig!"

Patrice Lumumba war der erste kongolesische Premierminister nach der Unabhängigkeit von Belgien. Er wurde 1961 unter Beihilfe der belgischen Regierung ermordet. Diese sah ihn wohl als Gefahr für ihre wirtschaftlichen Interessen, da er als ein der Sowjetunion nahestehender Sozialist galt.

Als erstes kamen in den 50ern kongolesische Studenten nach Matongé. Sie erhielten vom belgischen Staat ein Stipendium und kamen im Studentenheim "Maison Africaine" unter. Im Umkreis wuchs später die kongolesische Gemeinde heran. Thierry van Pevenage ist seit 2004 Direktor des "Maison Africaine" und kennt Matongé sehr gut.

"Wenn man hier auf den Straßen unterwegs ist, wird man kaum eine gemischte Gruppe aus drei Weißen und vier Schwarzen sehen", erzählt er. Und er ist überzeugt, dass die Annäherungsschwierigkeiten zwischen Belgiern und der kongolesischen Diaspora mit der Kolonialgeschichte zu tun haben: "Im Allgemeinen gibt es hier schon gewisse Gräben. Die belgische Kolonialgeschichte bleibt nach wie vor ein sensibles Thema." Die historische Sicht sei in Belgien nach wie vor umstritten. "Solange die Debatte nicht zu Ende gebracht wird, werden die Spannungen bleiben", meint van Pevenage.

Zwischen 1888 und 1908 war das ressourcenreiche Land Kongo quasi im Besitz eines einzigen Mannes: König Leopold II.. Der belgische Monarch unterhielt eine Privatkolonie von der achtzigfachen Größe seines eigenen Landes. Er nannte seine Kolonie "Kongo-Freistaat" und gab das Ziel aus, das zentralafrikanische Land von arabischen Sklaventreibern zu befreien.

Doch die belgischen Kolonialherren beuteten selbst die Bevölkerung systematisch aus. So beschreibt es der amerikanische Journalist Adam Hochschild in seinem Enthüllungs-Buch "Die Schatten über dem Kongo". Zur Gewinnung des äußerst lukrativen Naturkautschuks nutzten sie Sklavenarbeiter. Bei Geiselnahmen, Verstümmelungen, Massakern und Epidemien fanden Millionen Kongolesen den Tod. 1908 ging der Privatbesitz des Königs an den belgischen Staat über und blieb bis 1960 Kolonie.

Mit der Erinnerung an dieses Kapitel tut sich das Land schwer. Uneinigkeit herrscht heute vor allem über die Zahl der Todesopfer sowie über die Frage, ob die Kolonialzeit auch eine gute Seite hatte. "Es gibt einen Teil der belgischen Bevölkerung – besonders in der älteren Generation –, die die koloniale Episode rechtfertigen oder sogar für eine erfolgreiche 'mission civilatrice' halten - eine Zivilisierungsmission, die Straßen, Wohlstand, sanitäre Einrichtungen und die Moderne gebracht hat", weiß van Pevenage.

Wer die Ursachen solcher Verklärungen begreifen möchte, muss einen Abstecher in den Brüsseler Vorort Tervuren machen. In einer malerischen Parkanlage steht hier ein neoklassizistischer Prachtbau: das Königliche Zentralafrika-Museum.

In kleinen Abständen ist die verschnörkelte Fassade des Museums immer wieder mit einem Emblem verziert: LL, LL, LL und wieder LL. Das Doppel-L steht für den ehemaligen König Leopold II. Er ließ das Museum zur Weltausstellung 1897 selbst errichten, um der Welt seine Privatkolonie zu präsentieren. Für die Ausstellung ließ er ein ganzes afrikanisches Dorf nachbilden - mit eingeschifften kongolesischen Ureinwohnern versteht sich.

An der kolonial-freundlichen Ausrichtung des Museums wurde lange Zeit nichts geändert. Die Hauptausstellung stammt noch aus dem Jahr 1957, also aus Zeiten vor Kongos Unabhängigkeit. Vor 16 Jahren wurde Guido Gryseels Generaldirektor und setzte sich für eine Grundsanierung des Museums ein. 2013 begannen Renovierungsarbeiten, die nicht nur die Bausubstanz, sondern auch die Hauptausstellung modernisieren sollen.

Gryseels macht aus der kontroversen Rolle des Museums keinen Hehl: "Da das Museum von Leopold II. persönlich erbaut wurde, waren wir ein fester Bestandteil der kolonialen Unternehmung. Wir waren ein Propagandainstrument. Mehrere Generationen von Belgiern sind hier zum ersten Mal mit der Kolonialgeschichte in Kontakt gekommen. Hier bekamen sie vermittelt, dass Weiße überlegen sind und Afrikaner Wilde."

Trotzdem begann in den 90er-Jahren in Belgien allmählich ein kritischer Diskurs, zu dem Hochschilds Enthüllungs-Buch entscheidend beitrug. "Es hat lange gedauert, bis die belgische Gesellschaft überhaupt bereit für das Thema war", sagt der Museumsdirektor. "Es ist eine sehr emotionale Angelegenheit. Fast jede belgische Familie hat Verwandte, die im Kongo involviert waren." Der gesellschaftliche Druck und der Rat des Museums bewegte die belgische Regierung schließlich, 66 Millionen Euro für die Renovierung zu bewilligen.

Das Megaprojekt wird voraussichtlich im Sommer 2018 fertig. Für die Erneuerung der Hauptausstellung hat Gryseels eine wissenschaftliche Kommission zusammengestellt – darunter einige Wissenschaftler afrikanischer Herkunft. "Wir haben schon im Jahr 2005 mit einer temporären Ausstellung zur Kolonialzeit einen großen Erfolg erzielt", erzählt der Direktor. "Zum ersten Mal wurde richtig debattiert, fast jede Woche kam ein Zeitungsartikel über unsere Ausstellung heraus." Die erneuerte Hauptausstellung soll nun zum Meilenstein in der belgischen Erinnerungskultur werden.

Gryseels holt ein schweres Buch hervor, den Katalog zu einer Ausstellung zur Geschichte deutscher Kolonien im Deutschen Historischen Museum vergangenes Jahr. "Das war eine sehr beeindruckende Ausstellung, die unser Team hier sehr inspiriert hat. Wissen Sie? - dass sich die Erinnerung an den Kolonialismus verändert, ist nicht nur ein belgisches Phänomen, sondern ein europäisches. Auch in Deutschland hat doch lange Zeit keiner über Namibia gesprochen, oder?"

Gryseels spielt auf "Deutsch-Südwestafrika" an. Das heutige Namibia war von 1884 bis 1915 unter deutscher Herrschaft. Als Aufstände der Stämme Herero und Nama ausbrachen, wurden diese brutal niedergeschlagen. Seit Juli 2016 erkennt die deutsche Regierung das Massaker offiziell als Völkermord an.

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