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Skulptur Projekte Münster

Wunsch nach Frischluft

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Ein Gespräch mit Britta Peters, der Kuratorin der Skulptur ­Projekte Münster: Über ihr Konzept, den neuen Standort Marl und die Aufgabe von Kunst im öffentlichen Raum

Die Skulptur Projekte Münster sind mit ihrem Konzept und ihrem Turnus von zehn Jahren einzigartig: Das Großprojekt ist auch Marker dafür, was sich in der Kunst innerhalb einer Dekade alles ändert. Die Kuratorin der jetzt eröffnenden Schau, Britta Peters, sieht die Herausforderung darin, intelligente Brüche herbeizuführen. Gemeinsam mit Marianne Wagner und dem Spiritus Rector der Skulptur Projekte, Kasper König, hat sie eine Großausstellung konzipiert, die global und lokal zugleich sein muss.

Frau Peters, vor zehn Jahren ließ Paweł Althamer vor Ausstellungsbeginn einen Trampelpfad aus der Stadt heraus anlegen – durch beharrliches Ablaufen eines Weges, den es vorher noch nicht gab. Mit welchen unbeirrten Tätigkeiten schreiben sich die Künstler dieses Mal gerade in die Stadt ein?
Mir erscheinen alle Projekte das Resultat beharrlicher Tätigkeiten und Verhandlungen zu sein. Trotz großer Unterstützung sind wir immer wieder mit sehr schwerfälligen und langwierigen Entscheidungsfindungen konfrontiert. Im öffentlichen Raum zu arbeiten heißt eben auch, im Raum der öffentlichen Gesetzgebung zu arbeiten. Wir haben Anfang 2015 mit der Entwicklung der Ausstellung begonnen, viele Projekte befinden sich seitdem im Entstehungsprozess.

Sind die Pfade in der Stadt bei der fünften Ausgabe der Skulptur Projekte jetzt auch ein bisschen ausgetreten? Sie erweitern die Ausstellung nach Marl.
In Vorbereitung der fünften Ausgabe blicken wir auf eine große Anzahl hervorragender Projekte in Münster zurück. Die Spuren und Gespenster der vergangenen Ausstellungen sind eine ortsspezifische Bedingung, mit der die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler umgehen müssen. Daraus resultiert ein gewisses Gefühl der Enge, ein Wunsch nach Frischluft. Hinzu kommt, dass die zunehmende Globalisierung, die rasante Beschleunigung von Kommunikation und Handel in den letzten Jahrzehnten einen strengen Ortsbezug zunehmend anachronistisch erscheinen lässt. Marl bot sich in diesem Kontext als perfektes Gegenüber an: Die nach dem Zweiten Weltkrieg von beiden Städten gewählten Identitäten, Wiederaufbau und Kontinuität in Münster, radikale Umgestaltung in Marl, könnten unterschiedlicher nicht sein. Und Kunst im öffentlichen Raum spielt aus verschiedenen Gründen in beiden Städten eine wichtige Rolle. Außerdem kann das Publikum den heißen Draht – die Kooperation mit dem Skulpturenmuseum Glaskasten Marl trägt den Titel "The Hot Wire" – selbst überprüfen. Marl liegt nur 60 Kilometer von Münster entfernt in Richtung Ruhrgebiet.

Kunst im öffentlichen Raum hat sich gewandelt von der oft rein formalistischen Stadtmöblierung hin zum sozialen Projekt. Was soll Kunst im öffentlichen Raum heute leisten?
Gute Kunst wirft einen Haufen Fragen auf, sie öffnet Räume, statt sie zu verschließen. Es gibt auch keine Kunst im öffentlichen Raum allgemein, sondern die Projekte oder Ausstellungen entstehen ja immer im Rahmen einer spezifischen Situation, für eine Stadt wie Bukarest sind andere Projekte interessant als für Münster. Bei den Skulptur Projekten spielt der Zehn-Jahres-Rhythmus die entscheidende Rolle. Das sind Bedingungen, die es nirgendwo anders gibt. Insgesamt interessieren mich – und das gilt für Kasper König und Marianne Wagner genauso – intelligente Brüche. Das heißt nicht, dass das eine verkopfte Ästhetik sein muss, bloß nicht, aber eben auch keine Unterforderung. Dekoration und reines Spektakel fallen damit unten durch.

Die letzte Ausgabe der Skulptur Projekte Münster fand 2007 statt – was ist neu seitdem?
Die Geschwindigkeit des Kommunizierens und Reisens hat sich seit 2007 massiv verändert, denken Sie nur an das mobile Internet und wie sehr es unseren Alltag prägt. Das iPhone ist gerade zehn Jahre alt geworden. Zwischen 2007 und 2017 liegen der Arabische Frühling, die NSA-Affäre und die Wahl von Trump mit kräftiger Unterstützung durch programmierte Robots. All das stellt unsere Vorstellungen von öffentlicher und privater Sphäre komplett auf den Kopf. Das Wort "privat" lässt sich fast nur noch auf Besitz anwenden, und die meisten Skandale sind öffentlich, das heißt allerdings noch lange nicht, dass sich darüber auch eine kritische Öffentlichkeit entwickelt.

Insgesamt ist die Akzeptanz für Kunst gestiegen. Erschwert oder erleichtert das die Voraussetzungen für eine spannende Schau?
Beides, es erleichtert die Durchführung und erschwert die Rezeption, da die ­Besucher diesen ganzen Marketingzirkus ja auch erst einmal wieder ausblenden müssen. Aber ich glaube fest daran, dass das gelingen kann.

Man sieht bei Skulptur im öffentlichen Raum oft viel besser als bei Kunst im Museum, wie und aus welchen Materialien sie gemacht wird. Spielt das in der Wahrnehmung eine Rolle?
Bei Ihrer Frage muss ich an Nicole Eisenmans "Sketch for a Fountain" denken, ein Brunnenensemble aus überlebensgroßen Bronze- und Gipsfiguren. Den Bronzefiguren sind natürlich auch Gipsmodelle vorausgegangen, insofern versteht man hier intuitiv sehr viel über Arbeitsprozesse und Materialästhetik. Die Kombination der unterschiedlichen Zeiten, Bronze hält ewig, während die Gipsfiguren die Ausstellungsdauer wohl nur knapp überleben, gepaart mit Eisenmans großartiger Figuration, die sich über alle Geschlechter- und sonstigen Körpernormen hinwegsetzt, überführt die traditionellen Elemente der Installation – Brunnen, Bronze – in eine absolut zeitgenössische Ästhetik.

Stimmt es, wie die Künstlerliste nahelegt, dass viele Werke auch die persönliche Anwesenheit der Künstler oder Performer beinhalten?
Gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstlern haben wir große Mühe darauf verwendet, Performanceformate zu finden, die für die Dauer der Ausstellung sichtbar sind, und zwar jederzeit. Eine festivalartige Programmierung, bei der man immer das Gefühl hat, der eigentlich spannende Termin war gestern oder kommt morgen, wollten wir unbedingt vermeiden. Die Antworten auf diese Aufgabenstellung fallen sehr unterschiedlich aus, von einer festen Gruppe an Performern, die sich abwechseln, bei Alexandra Pirici bis hin zur permanenten Anwesenheit von Gintersdorfer/Klaßen, die gemeinsam mit ihrem Netzwerk internationaler Performer vor Ort öffentlich proben und gleichzeitig ein neues Stück entwickeln.

Der Japaner Koki Tanaka etwa leitet Menschen dazu an, Dinge gemeinsam zu machen, ohne die Regie zu übernehmen. Zeigen Sie Videos von ihm, oder wird es tatsächlich ein Projekt geben, das Tanaka in Münster initiiert?
 Koki Tanaka hat ein neues Projekt in und für Münster entwickelt, eine Art Tiefenbohrung in die Geschichte und Gegenwart des Aegidii­marktes, eines größeren, 1979 fertiggestellten Gebäudekomplexes, vor allem jedoch zum Thema Gemeinschaft. Unter der Fragestellung "How to live together?" hat er zahlreiche Workshops mit einer heterogenen Gruppe von Münsteranern veranstaltet. Das Material bildet die Grundlage für eine Mehr-Kanal-Videoinstallation.

Inzwischen gehört zur Seh-Erfahrung oder zum Kunsterlebnis auch das Fotografieren und Posten eng dazu. Spielte das bei Ihren Überlegungen für den Parcours eine Rolle?
Nein, es gibt gar keinen Parcours. Die Künstlerinnen und Künstler haben sich die Orte selber gesucht,

Verlassen Sie sich bei der Organisation und Kommunikation schon vollends auf die Selbstverständlichkeit, mit denen Smart­phones zum Navigieren genutzt werden?
Es gibt eine sehr gute Papierkarte und einen Hybrid aus Katalog und Kurzführer für 15 Euro – 18 Euro im Buchhandel –, den sich ­jeder leisten kann. Schön demokratisch!

Die Skulptur Projekte sind ja ein bisschen zwischen Biennale und Skulpturenpark angesiedelt. Wie viel wird in der Stadt bleiben, wenn die Laufzeit vorbei ist?
Das stimmt nicht ganz: Die Skulptur Projekte selbst sind seit jeher temporär angelegt, auch wenn viele sehr gute Skulpturen später in der Stadt verblieben sind, die "öffentliche Sammlung", wie wir es nennen. Das temporäre Setting der Ausstellung ist wichtig, damit es überhaupt eine gute Ausstellung werden kann. Wenn es danach zu Verkaufsverhandlungen kommt, sind wir raus.

Foto: Hubertus Huvermann

Foto: Hubertus Huvermann

Britta Peters

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