János Sugár über Kunstfreiheit in Ungarn

„Jede Arbeit sollte ein Skandal sein“

Herr Sugár, im April wurden Sie von einem ungarischen Gericht wegen eines Graffitis im öffentlichen Raum zu einer Geld- und Bewährungsstrafe verurteilt. Gleichzeitig wurde das Stencil mit dem Satz „Wash Your Dirty Money With my Art“ vom Ludwig Museum of Contemporary Art in Budapest gekauft. Wie passt das zusammen?
Dieses Beispiel zeigt, wie sich der Kontext eines Kunstwerkes verändern kann. Der Satz ist ein Statement zu einer aggressiven und dilettantischen Einkaufspolitik privater Kunstinstitutionen in Ungarn gewesen. Deren Aktivitäten wurden in Zeitschriften kritisiert, aber nichts änderte sich. Nach dem Skandal, den das Stencil auslöste, wurde es auf Papier gekauft, in den Mittelpunkt einer Ausstellung gestellt und bekam plötzlich eine Referenz, nämlich finanziellen Wert. Aus einer absolut lokal beschränkten Situation heraus wurde der Kontext zu einer Grundsatzfrage erweitert: Was kann Kunst leisten? Und mit dem Gerichtsverfahren ist der Kontext noch breiter geworden, denn die Arbeit handelt jetzt auch von Redefreiheit.

Können Sie in Ungarn alles umsetzen, was Sie möchten? 
 
Ob es sich um politische Kunst handelt, ist immer eine Frage der Interpretation. Zwischen 1989 und heute hat es viel politisch motivierte Kunst gegeben, aber in den meisten Fällen hat die Interpretation gefehlt. Über „Wash Your Dirty Money With my Art“ haben alle vier führenden ungarischen Zeitschriften berichtet. Es ist wirklich tragisch, denn offensichtlich benötigt man erst einen Skandal, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hervorzurufen. 

Braucht es also mehr skandalisierende Kunst?
In gewisser Weise sollte jede einzelne Arbeit ein Skandal sein. Mein Beispiel soll auch eine Aufmunterung für Künstler sein, mehr Radikalität in ihre Arbeiten einfließen zu lassen. Aber generell braucht man immer einen guten Grund, um zu provozieren.

Sie sind auch Professor an der Kunstakademie Budapest. Sehen Sie radikale Ansätze in den Arbeiten ihrer Studenten, ähnlich wie Sie sie etwa von der Indigo-Gruppe aus den 80er-Jahren kannten?
Ja, aber Radikalität kann viele verschiedene Formen haben, es muss nicht immer gleich ein Skandal sein. Es bedeutet auch, eine Art soziale Kompetenz und einen Sinn für Gemeinschaft zu entwickeln. Die Studenten arbeiten nebenbei oft als Aktivisten, Organisatoren oder Kuratoren. Sie haben sich von dem Bild des Künstlers als talentierten Kreativen verabschiedet.