Stöbern in der dunklen Vergangenheit

Israel sucht NS-Raubkunst

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Tel Aviv (dpa) - Fast sieben Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs übernimmt Israel bei der Suche nach NS-Raubkunst eine immer aktivere Rolle. Bei den jüngsten Regierungskonsultationen mit Deutschland vereinbarten beide Seiten eine engere Zusammenarbeit bei der Suche nach Kunstwerken, die während der Naziherrschaft aus jüdischem Besitz gestohlen oder zwangsverkauft wurden. Auch in Israel selbst wird seit einigen Jahren intensiver nach Raubkunst geforscht.

Der Schwabinger Kunstfund hat nach Einschätzung von James Snyder, Leiter des Israel-Museums in Jerusalem, das Bewusstsein für das Thema Raubkunst noch geschärft. In der Münchner Wohnung des Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt hatten Ermittler die verschollen geglaubte Sammlung seines Vaters Hildebrand Gurlitt beschlagnahmt, der einer von Hitlers Kunsthändlern war. Darunter sind Werke von Picasso, Chagall, Matisse, Beckmann und Nolde. Der im vergangenen Jahr bekanntgewordene Fund löste großes Aufsehen aus. Nach Angaben der zuständigen Taskforce in Berlin wurden bislang 458 Objekte als mögliche NS-Raubkunst identifiziert. Auch in Israel wird der Fall Gurlitt mit großem Interesse verfolgt.

Das Israel-Museum hat bei Bemühungen um Restitution von herrenlosen Beutekunstwerken, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den jüdischen Staat gelangt sind, eine Vorreiter-Rolle übernommen. «Wir können sicherlich mit unserer Erfahrung und unserem Expertentum einen Beitrag leisten», sagte Museumsleiter Snyder der Nachrichtenagentur dpa. Er halte es für wichtig, dass auch andere Museen auf der ganzen Welt in den eigenen Beständen weiter nach Raubkunst forschen und «die Geschichte nicht ins Vergessen geraten lassen».

Im vergangenen Jahr hatte das Museum etwa ein von den Nazis geraubtes Gemälde des deutsch-jüdischen Künstlers Max Liebermann (1847-1935) an Erben des ursprünglichen Besitzers zurückgegeben und dann wieder für seine Sammlung zurückgekauft. Insgesamt hat das Israel-Museum seit der Washingtoner Erklärung von 1998 nach eigenen Angaben gut ein Dutzend Kunstwerke zurückerstattet. Die 44 Unterzeichner - darunter Deutschland - verpflichteten sich damals, die rechtmäßigen Besitzer von NS-Raubkunst zu finden und die Werke zurückzugeben oder eine «faire Lösung» zu finden.

Das 1923 entstandene Liebermann-Gemälde «Garten in Wannsee» war nach Snyders Angaben Teil einer Sammlung von gut 1000 Kunstwerken und -gegenständen, die die jüdische Restitutionsnachfolger-Organisation JRSO nach dem Krieg dem Israel-Museum überlassen hatte. Es sei oft sehr schwierig, Besitzrechte an Raubkunstwerken zu beweisen, betont Snyder. «Man muss schon glaubwürdige Dokumente vorlegen können.» Im Fall des Liebermann-Bilds war dies ein altes Foto aus dem Haus des ursprünglichen Besitzers Max Cassirer in Berlin.

Auf der Suche nach Raubkunst hofft nun auch Berlin auf eine engere Zusammenarbeit mit Israel. Israelische Wissenschaftler könnten helfen, die Herkunft von Kunstwerken zu klären, sagte ein Sprecher von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) in Berlin während der Regierungskonsultationen. Das Material in israelischen Archiven könne besonderen Aufschluss über Sammlungen geben, die sich einst in jüdischem Besitz befunden hätten.

In die Taskforce zur Identifizierung des Schwabinger Kunstfunds sind auch zwei israelische Expertinnen aufgenommen worden: Jehudit Schendar ist Vize-Direktorin und Chef-Kuratorin der Museums-Abteilung in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und Schlomit Steinberg Expertin für europäische Kunst vom Israel-Museum.

Steinberg hatte im Jahre 2008 im Israel-Museum die vielbeachtete Ausstellung «Suche nach Eigentümern» organisiert. Damals wurden eine Reihe von Bildern gezeigt, die Nationalsozialisten aus Frankreich geraubt hatten. Parallel dazu lief die Ausstellung «Verwaiste Kunst», in der auch das Bild von Liebermann präsentiert wurde.

In Israel bemüht sich seit acht Jahren auch die Organisation Haschava um die Rückführung gestohlener Kunstwerke und anderer Besitztümer an jüdische Eigentümer oder deren Erben. Im Januar versammelte die Organisation die Leiter der verschiedenen israelischen Museen, um eine gemeinsame Strategie auszuarbeiten. «Das Problem ist, dass wir gar nicht genau wissen, ob es Raubkunstwerke in den Sammlungen gibt und wenn ja, wie viele», sagt Elinor Kroitoru von der Stiftung. «Aber wir haben die Pflicht zu suchen.»

Mithilfe des israelischen Kulturministeriums bemühe man sich nun, die notwendigen Gelder für Forschungsarbeiten aufzubringen. Zu lange habe man in Israel das Thema Raubkunst vernachlässigt, bemängelt Kroitoru. Das Israel-Museum etwa sei zwar offen für Anfragen von Erben gewesen, habe aber nicht aktiv nach ihnen gesucht. Dies solle sich in Zukunft ändern, sagte sie. «Der Schuster geht barfuß, aber jetzt fängt er an, sich schöne neue Schuhe zu machen.»

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