Von Lisa-Marie Berndt, Elke Buhr, Sebastian Frenzel und Jens Hinrichsen
Jiyoon Chung bei Anton Janizewski
Fingerabdrücke auf den Fenstern, ein Kruzifix, das beim Öffnen der Tür auseinanderbricht: Bei der Galerie Anton Janizewski, die im neuen "Perspectives"-Sektor des Gallery Weekend zu Gast ist, beginnt alles mit kleinen Irritationen. Die 1990 in Seoul geborene Künstlerin Jiyoon Chung, Absolventin der Städelschule, verwandelt den Raum in eine Art Versuchsanordnung, in der sich Wahrnehmung, Angst und Kontrolle überlagern. Ihre Installation "Dead End" arbeitet mit subtilen Triggern – Spuren, Objekte, Gesten –, die den gewohnten Ablauf ins Wanken bringen. Was zunächst wie ein Detail wirkt, entpuppt sich schnell als Symptom: einer Gegenwart, in der Sicherheitspolitiken immer weiter ausgreifen und das Gefühl latenter Unruhe längst Teil des Alltags geworden ist.
Jiyoon Chung "Dead End", Galerie Anton Janizewski, Weydingerstraße, bis 6. Juni
Giorgio Griffa bei Walter Storms
Giorgio Griffa ist 90 Jahre alt, lebt in Turin, und seit den Zeiten der Arte Povera praktiziert er seine poetische, abstrakte Malerei. Er malt oft auf Leinen oder Nesseltuch, hängt die Bilder ohne Keilrahmen an die Wand, setzt wunderschöne transparente Striche und Kringel und fügt manchmal noch Buchstaben und Zahlen hinzu. Das Centre Pompidou zeigte 2022 eine große Retrospektive, nun holt Walter Storms diesen Klassiker des 20. Jahrhunderts erstmals nach Berlin. In seinen neuen Räumen an der Potsdamer Straße, die im 19. Jahrhundert das Atelier des bekannten Malers Anton Weber beherbergten, hängen Griffas Werke nun gewitzt zwischen den Resten einiger denkmalgeschützter Wandmalereien.
Giorgio Griffa "retrospettiva", Walter Storms Galerie, Mercatorhöfe, bis 27. Juni
Walid Raad bei der Galerie Thomas Schulte
Da liegt ein umgestürzter VW Käfer im Corner Space der Galerie Thomas Schulte. Die Wände des hohen Raumes sind mit etwas ungelenker Schrift übersät: zynische, aggressive Sprüche von "Fuck you" bis "Boom". Die Story dazu reicht, wie so oft bei Walid Raad, in die Zeit des libanesischen Bürgerkriegs der 1980er-Jahre zurück. 1983 bombardierten die USA Beirut von einem Kriegsschiff aus, eine der Bomben fiel auch auf das Haus von Raads Familie, so erzählt er – glücklicherweise detonierte sie nicht. Die Bomben seien damals von den US-Amerikanern "Volkswagen" genannt worden, weil sie die gleiche Größe und das gleiche Gewicht hatten. Und die Sprüche an der Wand seien "Liebesbriefe", die Soldaten vom Ersten Weltkrieg bis heute auf Bomben schrieben. Raad ist ein Erzähler, sein Modus ist das "So könnte es gewesen sein". Aber der historische Hintergrund seiner Werke ist leider die Wahrheit, inklusive der Gewalt und des Zynismus, die bis heute andauern.
Walid Raad "Like a Rubber Rung on a Ladder", Galerie Thomas Schulte, Charlottenstraße, bis 6. Juni
Thomas Demand bei Sprüth Magers
"Ich will mich nicht prüfen lassen durch die Welt", sagt Thomas Demand bei einer Führung durch seine Ausstellung – was nicht nur seine neuen Werke, sondern insgesamt sein Schaffen gut zusammenfasst. Der Künstler wurde weltberühmt mit Fotografien von Papiermodellen, die Tatorte, Schauplätze von historischer und politischer Bedeutung sowie Alltagsmomente rekonstruieren. Und die bei allem Wirklichkeitsbezug doch immer auch ihre eigene Künstlichkeit und die Paradoxien unserer Wahrnehmung reflektierten. Auch in seinen neuen Arbeiten finden sich zahlreiche aktuelle Referenzen, etwa auf den Gaza-Krieg, auf den Klimawandel, auf das KI-Zeitalter, vor allem aber öffnen sie den Blick für die Spielräume der Deutung. Was wir sehen, hängt vom Kontext ab – und vom Medium. Das ist diesmal neu, denn Demand druckt seine Abzüge nicht mehr auf Papier, sondern auf Kupferplatten, die mit etwas Abstand von der Wand gehängt werden. Das gibt seinen Werken eine goldene, von hinten schimmernde Aura, die zu schön ist, um wahr zu sein.
Thomas Demand, Sprüth Magers, Oranienburger Straße, bis 1. August
Thomas Demand bei Sprüth Magers
"Counter City" bei Galerie Neu
Phallische Hochhäuser, egospiegelnde Konzernzentralen, Heldenstatuen, Straßen für den breitbeinigen Auftritt: Die Stadt ist ein Text, der von Männern geschrieben wurde und patriarchale, heteronormative Strukturen manifestiert. Was einerseits lange schon kritisiert wird, andererseits aber durch den autoritären Backlash aktuell wieder eine globale Renaissance erfährt. Die von Juliette Desorgues kuratierte Gruppenschau "Counter City" versammelt Werke, die den urbanen Machismo disruptiv unterlaufen und so eine Gegenstadt entwerfen – sei es durch Aneignung, scharfe Satire oder durch das Behaupten der eigenen Sexualität. Fantastische historische Entdeckungen wie die Fotoserie des queeren US-Künstlers Pippa Garner, die Filme der Kanadier G.B. Jones oder die Collagen der US-Künstlerin Anita Steckel treffen auf Zeitgenossen wie Jana Euler oder Cosima von Bonin. Einen denkwürdigen Twist von Autorenschaft und Hierarchien vollziehen auch die Malereien der britisch-pakistanischen Künstlerin, Autorin und politischen Domina Reba Maybury: Sie zwingt ihre männlichen Unterwürfigen, unter ihrer Anleitung Kunst zu schaffen, um sie dann als ihre eigene zu beanspruchen. Wäre das nicht was für den neuen Ballsaal im Weißen Haus?
"Counter City", Galerie Neu, Linienstraße, bis 4. Juli
House im Berghain
"House" heißt die kuratorische Plattform der Berlinerin Juliet Kothe, und meist sind es ziemlich unheimliche Häuser, die sie an verschiedenen Orten realisiert. Die Schau "Gravity Ease Contract" bespielt nun die Halle am Berghain, und wie immer ist die große Betonhalle atmosphärisch schon die halbe Miete. Als Gastkurator ist der Künstler David Douard dabei, der die Werke von 21 Künstlerinnen und Künstlern verschiedener Generationen – darunter Richard Hawkins, Jean-Luc Moulène oder Akeem Smith – zu einem assoziativen Essay über eine geisterhaft bröckelnde Gegenwart zusammengestellt hat. Ausgangspunkt ist ein brutales Kamera-Überwachungs-Bett der Medienkunst-Pionierin Julia Scher, eine dunkle Bühne, auf der sich Geschichten von kindlicher Angst, fragmentierten Körpern und seltsamen Kreaturen entfalten, begleitet von wabernd tiefen (Erwan Sene) oder engelhaft strahlenden (Susan Philipsz) Soundinstallationen. Ein intensiver Trip.
"Gravity Ease Contract", Halle am Berghain, bis 24. Mai
Pae White bei Neugerriemschneider
Krabben, Schnecken, Fliegen, Schmetterlinge und andere Geschöpfe tummeln sich in Pae Whites siebter Soloschau bei Neugerriemschneider. In der Dependance der Galerie in der Christinenstraße zeigt sich die Experimentierfreude der kalifornischen Künstlerin hinsichtlich traditionsreicher Materialien und handwerklicher Verfahren. Die Techniken in der Ausstellung umfassen indigene Handarbeit, Jacquard-Weberei und experimentelle Technologien, mit denen White die Tiere wie unter der Lupe betrachtet darstellt. Eine Reihe schillernder Kompositionen mit Schmetterlingen, die wie mit feinen Pinseln gemalt scheinen, entpuppen sich aus der Nähe als Bilder aus Baumwollfäden. Die "Gemälde" wirken expressiv und auf interessante Weise spröde, weil mehrere Kunsthandwerkerinnen aus Mexiko an den Garnbildern (Nierika) Hand angelegt haben. Die Vorskizzen hat White am Computer erstellt. Weiter sind in der Christinenstraße große Nähbilder mit Schnecken-, Fliegen- oder Krabben-Motiven zu sehen. Außerdem kreisrunde Formate (Tondi) aus gebranntem Ton. Diese Reliefs von Krebstieren sind – je nach Perspektive – von unterschiedlicher Farbigkeit, dank eines Beschichtungsverfahrens, das aus der Luft- und Raumfahrt stammt. White interessiert sich für das Oszillierende, Uneindeutige. Daher der Ausstellungstitel "Pushmi-Pullyu" – nach einem Fabeltier aus "Doktor Dolittle", das an seinen beiden identischen Enden jeweils einen Kopf hat.
Pae White "pushmi-pullyu", Neugerriemschneider, Christinenstraße, bis 19. Juni
Rodney McMillian bei Capitain Petzel
Neben neuen Werken der schon bekannten "Black Paintings" des US-Amerikaners Rodney McMillian sind in seiner ersten Soloschau bei Capitain Petzel zwei Skulpturen zu sehen. Fundobjekte – ein Freischwingerstuhl und ein kleiner Spardosen-Globus – sind jeweils mit einer Struktur kombiniert, die aus drahtverstärktem Stoff besteht, vom Künstler mit schwarzer Acrylfarbe bemalt. Eine dunkle Wolke umhüllt die Erde. Und auf dem Stahlrohrmöbel hat eine geisterhafte, amorphe Figur Platz genommen. In McMillians neuem Film "Plantation Bride" begegnen wir dem Afroamerikaner als Performer im Blaumann, der eine solche schwarze Skulptur – hier an einen Meteoriten erinnernd – tanzend mit sich herumträgt. Der Film basiert auf einer Rede der US-Bürgerrechtlerin Ida B. Wells-Barnett (1862-1931), die mit einer Kampagne gegen Lynchjustiz bekannt wurde. Im Kontext von Antirassismus und Blackness können die Malereien und Skulpturen der Ausstellung gelesen werden. McMillian arbeitet auch in seinen "Black Paintings" – sieben neue zwischen Abstraktion und Figuration pendelnde Gemälde sind in der Karl-Marx-Allee zu sehen – mit schwarzer, oft asphaltdick aufgetragener Farbe, aber auch mit anderen Tönen der Palette. Der Künstler ist ein fantastischer Kolorist, jedes Bild hat einen dezidierten Farbklang. McMillian zeigt Traumlandschaften oder außerirdische Objekte wie Asteroiden. Es geht vielleicht um Orte, die anderswo sind. Es geht um utopische Gegenentwürfe zur realen, bestürzend aktuellen Dystopie.
Rodney McMillian "In Other Realms", Capitain Petzel, Karl-Marx-Allee, bis 13. Juni
Philipp Gufler bei BQ
Paul Hoecker (1854-1910) war Maler, Gründungsmitglied der Münchner Secession und Professor an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in München. 1897 führte das Gerücht, dass für eines seiner Madonnenbilder ein männlicher Sexarbeiter Modell gestanden habe, zum Skandal: Hoecker musste die Akademie verlassen, ging nach Italien, sein Werk wurde vergessen. Philipp Gufler ist im Forum Queeres Archiv München auf Hoeckers Geschichte gestoßen und hat sie zum Ausgangspunkt seiner Ausstellung gemacht. Bei BQ erzählt er Hoeckers Geschichte mit eigenen Keramikarbeiten und mischt dazwischen Originale Hoeckers. Auf einer weißen, quer durch den Galerieraum gespannten Stoffbahn sind die erhaltenen Werke Hoeckers reproduziert, auf einer schwarzen die vielen verschollenen. Und schließlich kommt Hoecker in Form von Briefen und historischen Fundstücken selbst zu Wort.
Philipp Gufler “Imitationen von Paul”, BQ, Weydingerstraße, bis 4. Juli
Wynnie Mynerva bei Société
Was ist das denn? Wer die Galerie Société in Charlottenburg betritt, sieht erst einmal nur die lehmverschmierte Rückseite eines Diptychons, das einem den Weg versperrt. Die peruanische Künstlerin Wynnie Mynerva zwingt das Publikum also gleich zu einem Umweg – und genau darum geht es in ihrer Ausstellung: um andere Formen von Beziehung, Zugehörigkeit und Widerstand. Der Titel "Volveré y seré millones" bezieht sich auf Túpac Katari, den Anführer eines indigenen Aufstands gegen die spanische Kolonialherrschaft. Mynerva (hier im Monopol-Interview) verbindet neue Gemälde, Videos und eine Installation mit andinen Kosmologien, Migration und queerer Fürsorge.
Wynnie Mynerva "Volveré y seré millones", Société, Wielandstraße, bis 27. Juni