Tipps zur Art Cologne

10 Highlights der Kölner Messerwoche

  Helena Uambembe "Com lábios de dizer nova poesia", Installationsansicht Jan Kaps, Köln, 2025
Foto: Simon Vogel

Helena Uambembe "Com lábios de dizer nova poesia", Installationsansicht Jan Kaps, Köln, 2025

Zum 58. Mal macht die Art Cologne die Stadt Köln zum deutschen Kunstmarkt-Epizentrum. Hier sind unsere Tipps für die besten Messestände und Ausstellungen, die man gesehen haben sollte


Venedig-Vorschau bei Temnikova & Kasela

Wenn man beim Art-Cologne-Rundgang das bunt flackernde Glasgesicht von Jenna Sutela erblickt, fühlt man sich verstanden. Schließlich passiert auf so einer Messe ziemlich viel im Kopf. Dabei ist das noch lange nicht das Maximum an Hirnaktivität. Sutelas Installation repräsentiert den menschlichen Geist trotz des hektischen Blinkens in einem relativ entspannten Zustand. 

Den Gemeinschaftsstand von Max Goelitz und der estnischen Galerie Temnikova & Kasela kann man auch als Vorgeschmack auf die kommende Venedig-Biennale verstehen. Denn Jenna Sutela wird 2026 den finnischen Pavillon in den Giardini bespielen. Auch der Rest der Koje lohnt sich. Zu sehen gibt es Fantasiewesen von Edith Karlson (auch eine Biennale-Künstlerin), abgründige Malerei von Rindon Johnson und neue Arbeiten von Katja Novitskova.

Galerie Max Goelitz und Temnikova & Kasela, Art Cologne, A 204


Gruppenschau bei Sfeir-Semler

Die libanesisch-deutsche Galeristin Andree Sfeir-Semler bekommt in diesem Jahr den Art-Cologne-Preis; unter anderem für das Knüpfen von Netzwerken zwischen Kunst aus dem Nahen Osten und dem westlichen Kulturraum. Wie gut ihr Programm ist, kann man auch an ihrem Stand auf der Messe ablesen. Eine bezaubernd leuchtende Mini-Landschaft von Etel Adnan trifft Gemälde und opulente Büsten von Mounira Al Solh und eine glänzende Maske von Tarik Kiswanson. 

Wer sich in ein kleines Kämmerchen um die Ecke traut, findet dort ein Video von Sung Tieu, die 2026 den deutschen Pavillon in Venedig bespielt. In der hyperrealistischen Animation beschäftigt sie sich mit dem Hotel Nacional de Cuba, das von einer Drohne durchflogen wird. Der Ort wird mit dem geheimnisvollen "Havanna-Syndrom" assoziiert, bei dem US-Diplomaten von unspezifischen Symptomen befallen werden. Über die Ursache wird seit Jahren spekuliert - was einen dankbaren Imaginationsraum für Künstler öffnet.

Sfeir-Semler Gallery, Art Cologne, Booth A 430 

Stand der Galerie Sfeir-Semmler, Art Cologne, 2025
Foto: Choreo.info

Stand der Galerie Sfeir-Semler, Art Cologne, 2025


Annegret Soltau und Jürgen Klauke bei Anita Beckers

Dieser Stand ist eine Art Vermächtnis. Anfang August starb die Galeristin Anita Beckers im Alter von 78 Jahren, was nicht nur in der Frankfurter Kunstszene tiefe Bestürzung auslöste. Dass sie wegweisende Künstlerinnen und Künstler schon lange begleitet hat, zeigt sich nun auch bei der Art Cologne. Der Stand der Galerie bringt zwei Positionen zusammen, die sich seit Jahrzehnten mit Körpernormen und deren Unterwanderung beschäftigen. 

Annegret Soltau, die in diesem Jahr endlich eine große Retrospektive im Städel bekommen hat, ist mit ihren genähten Gesichtercollagen, Fotoradierungen und Dokumentationen ihrer Faden-Performances zu sehen. Jürgen Klauke zeigt seine lustvollen Körperverformungen und versteht die Fotografie ebenfalls als Möglichkeit der Identitätsbildung. Diese beiden haben sich offenbar einiges zu sagen - und zeigen, dass die Kategorien "männlich" und "weiblich" nicht ausreichen, um diese Leiber-Collagen zu fassen.

Galerie Anita Beckers, Art Cologne, Booth A411


Plüschiges bei Deborah Schamoni

Bei Deborah Schamoni aus München lugt ein puscheliger Tierschwanz aus der Koje, man folgt ihm und findet kein Tier, sondern immer mehr von diesem weichen Schwanz, aufgerollt auf eine stahlglänzende Kabeltrommel von der Künstlerin Nicole Wermers – was für ein großartiges Objekt. Die Malerei drumherum ist nicht weniger gut, egal ob das abstrakte, ein bisschen zerlöcherte große Diptychon aus warmen Farben auf Papier von Maria VMier, die geisterhaft-rätselhaften Porträts von Mariann Metsis und die collageartigen Bilder von Francis Offman.

Galerie Deborah Schamoni, Art Cologne, 11.2 N1


Hanne Darboven und A. R. Penck bei Sprüth Magers / Michael Werner

Eine überraschende Kombination in jeder Hinsicht: Sprüth Magers und Michael Werner haben sich zusammengetan, um an einem Gemeinschaftsstand Hanne Darboven und A. R. Penck zu präsentieren. Darbovens späte, unbedingt museumswürdige Installation "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" von 1990 besteht aus nicht weniger als 760 Blättern, beschrieben mit ihren Notationen, dem Bild eines ausgestopften Fuchses und den fortlaufenden Entstehungsdaten – eine Vermessung der Zeit; genauso wie A. R. Pencks großformatige Gemälde eine Untersuchung von Codes und Zeichen sind. Es ist ein Match.

Sprüth Magers und Michael Werner, Art Cologne, 1.2 A120


Adriano Amaral bei Yehudi Hollander-Pappi 

Die Galerie Yehudi Hollander-Pappi aus São Paulo überrascht mit einer experimentellen Installation von Adriano Amaral. Ein seltsames Objekt aus Schädeln – sie tragen Merkmale des Menschen, des Neandertalers und des Affen – senkt sich hydraulisch in ein mit Silikon gefülltes Becken, wird wieder hochgezogen, die zähe Flüssigkeit tropft herunter. Drumherum, in dem laborartigen Oktagon, hängen weitere hybride Objekte, die an Körperteile erinnern. Man steht in diesem spacigen und gleichzeitig sakralen Raum und wartet auf die Aliens – oder auf unsere Vorfahren aus der Urgeschichte.

Yehudi Hollander-Pappi, Art Cologne, 11.2 N24


Mona Schulzek bei Nouveaux deuxdeux

Bei der jungen Münchner Galerie Nouveaux deuxdeux ist eine Raumkapsel gelandet. Schaut man hinein, sieht man einen schimmernden, verzerrten Spiegel, und dahinter – wahrscheinlich – die Unendlichkeit. Die Arbeit stammt von der Berliner Künstlerin Mona Schulzek. Sie beschäftigt sich mit Astronomie, baut echte Meteoriten oder auch ein perfekt in sich verzwirbeltes Schneckenhaus in stahlglänzende Wandobjekte ein – ein ganz eigener Zugriff auf Skulptur an der Grenze zur Wissenschaft.

Galerie Nouveaux deuxdeux, Art Cologne, 11.2 N20


LBBW-Sonderschau auf der Art Cologne

"Klangwelten" ist das Thema der Sonderschau der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), und die sorgfältig kuratierte Präsentation auf der Art Cologne kann als Ansporn für jede Unternehmenssammlung dienen. Hier trifft Isa Genzkens HiFi-Serie aus den 1980ern auf Gregor Hildebrandts Tape-Bilder und Wandarbeiten von Raphaela Vogel. Und richtig was zu hören bekommt man dann beim Video von Annika Kahrs, in dem ein Chor auf die Bohr- und Hammergeräusche von Handwerkern reagiert.

LBBW Sonderschau, Art Cologne, 11.2 B305


Satelliten-Ausstellung Neu Cöln

Der Stoffpavillon Moeller neben dem Kölnischen Kunstverein steht für den wirtschaftlichen und architektonischen Aufbruch der BRD der 1950er-Jahre. Jetzt ist in dem leerstehenden Gebäude jedoch vorübergehend die Gegenwart eingezogen, und auf drei Etagen zeigen 38 internationale Galerien jeweils eine Position. Zu entdecken sind rheinische Klassiker wie Mary Bauermeister und Albert Oehlen, aber auch junge Kunst, etwa von Cemile Sahin und Fotograf Alwin Lay, der dem Architekten des Pavillons, Wilhelm Riphahn, eine Arbeit widmet. 

Bis Sonntag finden außerdem Performances, Lectures, Konzerte und DJ-Sets statt. Wer Abwechslung von Messekojen sucht, findet hier neben künstlerischen Entdeckungen auch eine soziale Zuflucht in traditionsreicher Umgebung. Und ganz hinten im Obergeschoss hängt ein Foto von Christopher Williams in einem azurblau gefliesten Retrobad.

Neu Cöln, Stoffpavillon Moeller, Köln, bis 9. November

"Neu Cöln", Installationsansicht Stoffpavillon Moeller, Köln, 2025
Foto: Monopol

"Neu Cöln", Installationsansicht Stoffpavillon Moeller, Köln, 2025


Helena Uambembe bei Jan Kaps

Man bewegt sich vorsichtig durch die Räume von Jan Kaps in der Kölner Lindenstraße. Von der Decke hängen Dutzende Macheten aus Holz, die sich im Luftzug der Besuchenden bewegen und gegen die man dann doch immer wieder stößt. Die Griffe der Werkzeuge - oder Waffen - sind mit verschiedenen bunten Stoffen umwickelt, sodass sie etwas Spielzeughaftes bekommen. Sie gehören zur ersten Einzelausstellung von Helena Uambembe in der Galerie. Die 1994 geborene Künstlerin beschäftigt sich mit der Geschichte ihrer Familie zwischen Angola und Südafrika, kolonialen Traumata und den Nachwirkungen der Apartheid. 

Ihre Macheten-Installation bezieht sich auf die angolanische Flagge, auf der das Instrument die Sichel ersetzt. In dem Land gehört das Objekt zum Alltag und ist sowohl ein häusliches, nicht unbedingt gewalttätiges Ding als auch ein Symbol für Revolution und Arbeiterschaft. Während man in Uambembes klackerndem Riesenmobile herumläuft, schreitet man unweigerlich durch die Geschichte.  

Helena Uambembe "Com lábios de dizer nova poesia", Jan Kaps, Köln, bis 31. Januar 2026

Helena Uambembe "Com lábios de dizer nova poesia", Installationsansicht Jan Kaps, Köln, 2025
Foto: Simon Vogel

Helena Uambembe "Com lábios de dizer nova poesia", Installationsansicht Jan Kaps, Köln, 2025