Tipps für Kassel

10 Dinge, die Sie auf der Documenta nicht verpassen sollten

Mit über 1000 beteiligten Künstlern ist die Documenta der Kollektive ein ziemlich überforderndes Universum aus Politik und Kunst. Hier stellen wir unsere ersten Favoriten aus Kassel vor


Taring Padi im Hallenbad Ost

Im Hallenbad Ost im Stadtteil Bettenhausen wird seit 2007 nicht mehr geschwommen. Zur Documenta findet eine Retrospektive der indonesischen Gruppe Taring Padi statt, deren Aufstellerfiguren aus Pappe auch anderswo in Kassel zu sehen sind, etwa gegenüber dem Staatstheater. Taring Padi – der Name spielt auf die scharfe "Fangzahn"-Spitze des ungeschälten Reiskorns an – gründete sich 1998 in Yogyakarta, an einem Wendepunkt der Geschichte Indonesiens. Das Kollektiv war an Protestaktionen gegen Mangelwirtschaft und Korruption beteiligt, die im Rücktritt des damaligen Präsidenten Suharto kulminierten.

Über zwei Stockwerke erstreckt sich die dichte Präsentation von aktivistischen Großplakaten, Bannern und Figuren, in denen oftmals die Tradition des indonesischen Schattenspiels (Wayang Kulit) aufscheint. Ein überzeugendes Beispiel für die Arbeit im Kollektiv und die politische Ausrichtung der Documenta Fifteen.

Werke von Taring Padi im Hallenbad Ost in Kassel
Foto: Frank Sperling / Documenta Fifteen

Werke von Taring Padi im Hallenbad Ost in Kassel


Sebastián Diaz Morales im Hübner-Areal

Im Eingangsbereich des Hübner-Areals ist der Film "Smashing Monuments" des Argentiniers Sebastián Diaz Morales zu sehen, in dem fünf Ruangrupa-Mitglieder überraschend aus der Anonymität der Gruppe heraustreten. In Jakarta, wo sich das Kollektiv im Jahr 2000 zusammenfand, besuchen die Künstlerinnen und Künstler jeweils ein Monument aus den 1960er bis frühen 1970er-Jahren und halten freundschaftliche bis spöttische Zwiesprache mit den Figuren aus einer Zeit des Nationalismus und der Machtkämpfe. Als "Pizza Man" begrüßt Ade Darmawan einen grimmigen Koloss aus Stahlbeton, der den "Geist des Bauens" personalisieren sollte und mit seinen muskulösen Armen eine Feuerschale in den Himmel stemmt.

Still aus dem Film von Sebastián Diaz Morales im Hübner-Areal
Foto: Jens Hinrichsen

Still aus dem Film von Sebastián Diaz Morales im Hübner-Areal


Agus Nur Amal Pmtoh in der Grimmwelt

Schon auf der Pressekonferenz zur Documenta 15 im Kasseler Auestadion sorgte der indonesische Geschichtenerzähler Agus Nur Amal Pmtoh für denkwürdige Momente. In einem selbstgebastelten Pappfernseher sang er ein Lied über die Zukunft des Flusses Fulda, das auf einem Workshop mit Kasseler Kinder basiert.

Noch mehr von seinen bunt-beschwingten Geschichten finden Documenta-Besucherinnen im Museum Grimmwelt, das sich passenderweise mit Märchen und Sprache beschäftigt. In einer poppigen Installation sind drei Videos seiner gesungenen Erzählungen zu sehen, in denen Projekte von Documenta-Teilnehmern musikalisch vorgestellt werden. Das kreiert hartnäckige Ohrwürmer, aber auf spielerische Art auch mehr Verständnis für den Ansatz der Kollektive.

Agus Nur Amal Pmtoh in der Grimmwelt in Kassel
Foto: Saskia Trebing

Agus Nur Amal Pmtoh in der Grimmwelt in Kassel


Wakaliga Uganda in der Documenta-Halle

Ganz hinten in der Documenta-Halle öffnet sich ein dunkler Gang voller selbst gemalter Filmplakate. Schnell hindurch, dann auf einen der Sitzsäcke fläzen, und abtauchen in den Spielfilm, den der Filmregisseur Isaac Godfrey gemeinsam mit seinem Team von Wakaliga Uganda produziert hat.

Das Filmstudio hat seine Heimat in einem Slum am Rande der Stadt Kampala in Uganda, und dorthin geht auch die Reise des deutschen Fußballstars "Rumenige" (oder so ähnlich) mit seiner Familie. Seine Frau stammt offenbar von dort, und als der Sohn entführt wird, entpuppt sie sich als Action-Star, der das ganze Viertel umhaut. Blut fließt, Knochen fliegen, und man amüsiert sich großartig.

Wakaliga Uganda "Football Kommando, Behind the scenes", Wakaliga, 2021/22
Foto: Ssempala Sulaiman, Courtesy Wakaliga Uganda

Wakaliga Uganda "Football Kommando, Behind the scenes", Wakaliga, 2021/22


Nguyen Trinh Thi im Rondell

Es ist dunkel in dem alten Geschützturm an der Fulda. Erst nach einer Weile kann das Auge das Schattenspiel an den Wänden des runden Raums erkennen. Flötenmusik tönt durch den Raum. Nguyen Trinh Thi hat Chilipflanzen aus Vietnam mitgebracht, die in der wechselnden Beleuchtung das Schattenspiel ergeben – das bezieht sich auf eine Szene aus einem Roman über ein Internierungslager in kommunistischen Nordvietnam, in der die Protagonisten ganz verrückt werden nach dem Genuss von Chilipflanzen im Wald.

Der melancholische Klang, den man hört, ist eine Übertragung aus Vietnam, wo der Wind die Flöten bläst. Man kann das alles wissen, man kann sich aber auch meditativ der Stimmung hingeben, und jeder Rummel ist weit weg.

Nguyen Trinh Thi im Rondell Kassel
Foto: Wolfgang Stahr

Nguyen Trinh Thi im Rondell Kassel


Chang En-Mang im Bootshaus Ahoi

Der Bootsverleih Ahoi ist einer der schönsten Hang-Outs der Documenta, auf Liegestühlen sitzt man im Schatten der Bäume und schaut den Ruderern auf der Fulda zu. Auch das Boot, das Chang En-Mang dort installiert hat, könnte jederzeit losfahren – und wäre ein Hingucker auf dem Wasser: Es ist ein Floß mit einem bunten Glasaufbau.

In einem Gang, der zum Ufer führt, wird die Geschichte der afrikanischen Riesenschnecke erzählt, die in Taiwan große ökologische Probleme verursachte, heute aber zum beliebten Snack frittiert wird. Bei der Bar gibt es dann aber doch eher eine Brotzeit mit Käse.

Claes Oldenburg "Spitzhacke", 1982, dahinter das Bootshaus Ahoi
Foto: © Helena Schätzle

Claes Oldenburg "Spitzhacke", 1982, dahinter das Bootshaus Ahoi


Ghetto Biennale / Atis Rezistans in der Kirche St. Kunigundis

Die 1927 fertiggestellte Kirche St. Kunigundis im Kasseler Stadtteil Bettenhausen ist allein schon architektonisch  interessant, weil es der erste Sakralbau in Spannbetonbauweise ist und auch die Alliierten Luftangriffe auf die Stadt unbeschadet überstanden hat. In das baufällige Gebäude, das von der katholischen Gemeine aufgegeben wurde, ist zur Documenta das Kunstkollektiv Atis Rezistans und die Ghetto Biennale aus Haiti eingezogen. Es geht bei den Statuen (die teilweise aus menschlichen Überresten bestehen), Installationen und Soundarbeiten um Vodou, Trance und Spiritualität. Und überraschenderweise passt das alles hervorragend zu dem abgeblätterten Charme der Kirche.

Mit dabei ist auch die deutsche Künstlerin Henrike Naumann, die zusammen mit dem Musiker Bastian Hagedorn Verbindungen zwischen der deutschen Tranceszene der 1990er-Jahre und dem haitianischen Vodou offenlegt. Nicht verpassen: Die Performances und DJ Sets am Freitag, 17. Juni ab 18 Uhr und die  "Trance-Nacht" am Eröffnungs-Samstag, 18. Juni, ab 20 Uhr - eine Neuauflage von Naumanns Rave in Port-au-Prince.

Die Ghetto Biennale zu Gast auf der Documenta in der St Kunigundis Kirche in Kassel
Foto: Ghetto Biennale

Die Ghetto Biennale zu Gast auf der Documenta in der St. Kunigundis Kirche in Kassel


Nest Collective in der Karlsaue

Das Gebäude aus Altkleiderballen vor der Kasseler Orangerie ist eines der prägnantesten Außenkunstwerke der Documenta, die diesmal mit Eingriffen ins Stadtbild eher sparsam ist. In der temporären-Textil-Architektur des Nest Collectives aus Nairobi läuft ein Film über die globale Textilproduktion und das Geschäft mit Second-Hand-Mode. Die Experten, die zu Wort kommen, erklären eindrücklich, wie der westliche Hunger nach Fast Fashion zulasten afrikanischer Länder geht und wie innovative Ideen aus der Region von den mächtigen Handelsnationen unterdrückt werden. Man kann das natürlich alles schon lange wissen, aber dem Nest Collective gelingt es, aus einem Wirtschaftsthema einen packenden Appell für einen anderen Umgang mit Ressourcen zu machen.

Ein Mann geht durch die Installation Return to Sender des "The Nest Collective" aus Nairobi auf der großen Karlswiese vor der Orangerie
Foto: dpa

Die Installation "Return to Sender" des Nest Collective aus Nairobi auf der großen Karlswiese vor der Orangerie


FAFSWAG im Stadtmuseum

Einen Hang zu Hochglanzproduktionen kann man der Documenta Fifteen wahrlich nicht unterstellen. Wie sich Glamour jedoch mit sozial engagierten Projekten verträgt, zeigt das neuseeländische Kollektivs FAFSWAG, das sich für die Sichtbarkeit von queeren und indigenen Menschen in ihrem Land einsetzt. In Fotos und Videos werfen die Künstlerinnen und Künstler liebevolle Blicke auf Körper, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Das hat zuweilen Videoclip-Ästhetik, ist aber auch ein Bekenntnis zur visuellen Opulenz, die in Kassel in diesem Sommer selten ist.

Außerdem gibt es eine interaktive Videoinstallation, in der die Protagonisten von Vogueing-Battles vorgestellt werden. Per Touchpad kann man einzelnen Charakteren folgen, die besten Moves der Tänzer in Zeitlupe anschauen und selbst die Gewinner der Zweikämpfe küren. Ein willkommenes spielerisches Element nach stundenlangem passivem Herumliegen vor Kunstvideos.

Videoinstallation von FAFSWAG im Stadtmuseum Kassel
Foto: Saskia Trebing

Videoinstallation von FAFSWAG im Stadtmuseum Kassel


Saodat Ismailova im Fridericianum

Leicht kann man die Treppe hinunter zum Museumskeller neben dem Haupteingang des Fridericianums übersehen – und hätte dann etwas verpasst. Im unterirdischen Gewölbe zeigt Künstlerin Saodat Ismailova zwei hypnotisierende Filmarbeiten, die sich mit Riten zentralasiatischer Frauen beschäftigen, dazu gibt es Installationen und Programm des Kunstkollektivs DAVRA.

Während Rituale und Spiritualität auf der Documenta Fifteen im Gegensatz zu vielen anderen Biennalen keine große Rolle spielen, gehen bei Saodat Ismailova und DAVRA kultische Handlungen und Kunst, individuelle und gesellschaftliche Heilungsprozesse ohne Weiteres zusammen. Und wo es um Schamatismus geht, ist Joseph Beuys nicht weit: Zwei der berühmten 7000 Eichen, die der deutsche Künstler einst in Kassel gepflanzt hat, werden während der 100 Ausstellungstage immer wieder mit weißen Wunschbändern umwickelt, eine Praxis, die Saodat Ismailova auch in einem ihrer Filme dokumentiert.

Filmarbeit von Saodat Ismailova im Fridericianum-Keller
Foto: Daniel Völzke

Filmarbeit von Saodat Ismailova im Fridericianum-Keller